Manolis Glezos – die Jahre des Schattenstaates

Ioannis Zelepos spricht von einer „strukturellen Instabilität“ des politischen Systems in dieser Zeit: Diese strukturelle Instabilität habe sich daraus ergeben, „daß es neben dem Parlament als verfassungsmäßigem Träger der Legislativgewalt noch eine Reihe weiterer Machtfaktoren gab, die teilweise im Hintergrund agierten. Dazu gehörten an erster Stelle der König, der wiederholt Einfluß auf die Regierungspolitik ausübte, sowie das Militär, das enge personelle Verflechtungen mit dem königlichen Hof hatte. Militär und Sicherheitsapparat waren wiederum mit dem sogenannten „Schattenstaat“ verflochten, einem wichtigen Instrument zur Beeinflussung und Einschüchterung der Bevölkerung. Darüber hinaus mischten sich auch die USA über Botschafter und Verbindungsoffiziere inoffiziell und zuweilen massiv in die griechische Politik ein.“ (Zelepos, S.181)

Zelepos schreibt über den Schattenstaat: „…die Rechte weitgehende Kontrolle über den Staatsapparat ausübte, den sie zur Unterdrückung der Linken instrumentalisierte. Ein wichtiges Mittel dafür waren persönliche „Dossiers politischer Gesinnung“ („Fakeloi politikon fronimaton“), die als Entscheidungsgrundlage nicht nur für die Einstellung in den öffentlichen Dienst, sondern auch für Anträge auf Reisepässe, Führerscheine etc. dienten. Der eigentliche Motor dieses Systems war ein ausgeprägtes Spitzelwesen, das damals Blüten trieb und bis zum Ende der Militärdiktatur 1974 ein Alltagsphänomen bleiben sollte.

…Bezeichnend für das politische Klima ist auch, daß zur gleichen Zeit die Offiziersorganisation IDEA (Anm.1) einen neuen Aufschwung erlebte und einer der Putschisten vom Mai 1951 sogar als Chef des 1953 nach dem Vorbild der CIA gegründeten und von den USA finanzierten Geheimdienstes „Zentrale Informationsagentur“ („Kentriki Ypiresia Pliroforion“ bzw. „KYP“) eingesetzt wurde.“ (ebd. S.185)

Die kommunistische Partei blieb in dieser Zeit weiterhin verboten. Am 3. August 1951 wurde die Partei „Vereinigte Demokratische Linke“ (EDA) als ein Bündnis linker Gruppierungen gegründet. Glezos war (illegal) einer der Anführer der kommunistischen Partei. Obwohl er seit 1948 im Gefängnis festgehalten wurde, gelang es ihm im September 1951, über die EDA ins griechische Parlament gewählt zu werden. Sobald er gewählt worden war, trat er in einen Hungerstreik und forderte, dass die Verbannung von zehn anderen EDA-Abgeordneten aufgehoben werden müsse. Für sieben der zehn wurde die Verbannung tatsächlich aufgehoben.

Am 26. Juli 1954 wurde Glezos aus der Haft entlassen. Er wurde zum Organisationsekretär der EDA gewählt. Im Dezember 1956 wurde er Chefredakteur der EDA-Zeitung „Άυγη” (Morgenröte).

Am 5. Dezember 1958 wurde er zusammen mit anderen wieder verhaftet. Die Verhafteten wurden wegen Spionage angeklagt. Die „Spionage“ soll darin bestanden haben, dass Glezos Kontakt zum Vorsitzenden der verbotenen Komunistischen Partei hatte.
Ein Militärgericht führte 1959 eine Gerichtsverhandlung gegen ihn durch. Dieses Gerichtsverfahren erhielt international viel Aufmerksamkeit. Im Mai 1959 wurde eine internationale Kommission zur Verteidigung von Glezos und seinen Mitangeklagten mit Sitz in Paris eingesetzt. Der ehemalige französische Ministerpräsident Paul Boncour war ihr Vorsitzender. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte der Franzose Jean-Paul Sartre.

Glezos wurde zu fünf Jahren Gefängnis und vier Jahren Verbannung verurteilt.

Die sowjetische Post gab im Dezember 1959 diese Briefmarke heraus

Die sowjetische Post gab im Dezember 1959 eine Briefmarke mit einem Porträt von Manolis Glezos heraus. Als Reaktion darauf gab die griechische Regierung eine Reihe von zwei Briefmarken mit dem Porträt von Imre Nagy heraus, dem ungarischen progressiven Premierminister, der 1958 von der sowjetischen Invasionsarmee gehängt wurde. Beide Länder haben die Briefmarken daraufhin zurückgezogen.

Während seiner Inhaftierung wurde Glezos 1961 wieder als Abgeordneten der EDA ins Parlament gewählt. Schließlich wurde er am 15. Dezember 1962 freigelassen.

Ostern 1963 nahm er zusammen mit Grigoris Lambrakis am dreitägigen Friedensmarsch gegen atomare Rüstung von Aldermaston nach London teil. Grigoris Lambrakis schrieb, die griechische Delegation hätte wegen Glezos als zweite nach der japanischen (diese wegen Hiroshima und Nagasaki) marschieren dürfen.
Grigoris Lambrakis, ein Friedensaktivist und Abgeordneter der EDA fiel am 22. Mai 1963 einem Attentat von Rechtsextremisten zum Opfer. Er starb fünf Tage später. DER Klassiker des Politthriller-Genres, „Z – Anatomie eines politischen Mordes“ von Costa-Gavras zeichnet die Ermordung von Lambrakis nach. Die Elemente des Schattenstaates werden in diesem Film sehr deutlich.

Leonidas Kyrkos, Mönch aus Hiroshima, Glezos und Grigoris Lambrakis (von links nach rechts) beim Friedensmarsch in England 1963

Im Juli 1963 erhielt Glezos in Moskau den „Internationalen Leninpreis für die Festigung des Friedens zwischen den Völker“.

So „steinern“ (Anm.2) die Jahre von 1949 bis 1967 auch einerseits waren, so entwickleten sich doch Samen für einen Wandel. Wirtschaftlich erholte und kulturell erneuerte sich das Land. Die Verstädterung führte zu einer sozialen Angleichung, die Kluft zwischen Stadt und Land verringerte sich entscheidend. Der Tourismus wurde zum wichtigen Wirtschaftssektor – Entwicklungsmotor der Binnenwirtschaft war die Bauindustrie.

In den frühen fünfziger Jahren verbündeten die liberalen Parteien sich eindeutig lieber mit der Rechten und sogar der äußersten Rechten als mit der EDA, sie galt vielen als kommunistische Tarnpartei. Das änderte sich mit der Parlamentswahl 1956, als die EDA und liberale Parteien ein Bündnis schlossen. Bei der Wahl 1958 erhielt die EDA 24% der Stimmen und wurde damit zur größten Oppositonspartei.
Das Attentat auf Grigoris Lambrakis 1963 wirkte als Auslöser für einen Umschwung. Seine Beerdigung mit hundert tausenden Teilnehmern geriet zur Demonstration gegen den Schattenstaat. Eine direkte Beteiligung der Regierung des Konstantin Karamanlis konnte zwar nicht nachgewiesen werden, aber Karamanlis trat zurück und ging aus eigenem Antrieb ins Exil.

Der liberale Georgios Papandreou wurde zum Ministerpräsidenten gewählt. 1965 musste er aber aufgrund von Koflikten innerhalb seiner Partei und wegen Intrigen des Königs zurücktreten. Der Militärputsch von 1967 erfolgte, um zu verhindern, dass Papandreou einen weiteren Wahlsieg erreicht.

Glezos, Chruschtschow 1965 in Moskau

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Anm.1:
„Im Mai 1951 gab es zudem einen Putschversuch des „Heiligen Bundes Griechischer Offiziere“ („Ieros Desmos Ellinon Axiomatikon“ bzw. „IDEA“), einer Gruppe antikommunistischer Offiziere, die bereits im Oktober 1944 entstanden war und zahlreiche ideologische wie auch personelle Kontinuitätslinien zur späteren Militärdiktatur von 1967 aufwies.“ Zelepos, S. 182

Anm.2:
Der Film „steinene Jahre“ aus dem Jahre 1985 von Pantelis Voulgaris, einem der bedeutendsten griechischen Filmemacher, schildert die Verfolgung der Kommunisten in dieser Zeit.

Quellen:
– Richard Clogg: Geschichte Griechenlands im 19. und 20. Jahrhundert, Köln 1997
– E. Rigas: Ritter der Akropolis. Zur Verteidigung von Manolis Glezos, Dietz Verlag (Berlin) 1959
– Nikolas Pissis: Der Schattenstaat: Politik und Gesellschaft in Griechenland nach dem Bürgerkrieg (1949-1967), Vortrag vom 12. Dezember 2019 (Tonmitschnitt)
Manolis Glezos, Wikipedia (griechisch)
– Ioannis Zelepos: Kleine Geschichte Griechenlands. von der Staatsgründung bis heute, München 2017

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