Praxis der Solidarität – Ein Hilferuf aus Thessaloniki

Foto: Giovanni Lo Curto – aus dem unten verlinkten Buch

Vor einigen Wochen erreichte uns ein Hilferuf aus Thessaloniki: Die Corona-Pandemie erschwert die Bedingungen der Solidaritätsarbeit. Die ehrenamtlich organisierte Solidarische Klinik Thessaloniki ist seit dem Lockdown geschlossen. Die Infektionsschutzmaßnahmen sind in Griechenland besonders strikt, weil das öffentliche Gesundheitssystem nach den harten Spardiktaten mit steigenden Infektionen vollständig überfordert wäre. Deshalb sind die solidarischen Praxen auch nach wie vor so wichtig. Unsere Freundinnen und Freunde in Thessaloniki haben deshalb den Betrieb wieder aufgenommen und organisieren beispielsweise die Medikamentenausgabe unter freiem Himmel. Aus diesem Grund sind sie auf unsere Unterstützung angewiesen. Wir wollen ihnen helfen!

Wer die Solidarische Klinik Thessaloniki unterstützen möchte, kann dies direkt mit einer Spende auf das Konto der Klinik tun:
KIA – Praxis der Solidarität Piraeus Bank
ΙΒΑΝ : GR89 0172 2720 0052 7205 9087 744
BIC : PIRBGRAA

Und wenn ihr noch auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk seid oder Lesestoff für den zweiten Lockdown braucht, dann haben wir vielleicht etwas für euch:
Website von „Muschelscherben“
2018 haben wir ein Buch herausgebracht, das den Widerstand der Menschen in Griechenland gegen die Austeritätspolitik literarisch dokumentiert. Auf unseren vielen Solidaritätsreisen nach Hellas sind Lyrik und Fotografie entstanden, die wir auf 140 Seiten in unserem Band Muschelscherben zusammengestellt haben. Wir verkaufen die restlichen Exemplare nun zu einem Spendenpreis von 20 Euro inklusive Versand in Deutschland und 20 Euro plus Versand ins Ausland.

*Der Betrag kommt zu 75 Prozent der Solidarischen Klinik in Thessaloniki zu Gute. Wir behalten lediglich die Kosten für den Transfer, also die Kosten für Versand, Verpackung und Paypal.

[Infos zur aktuellen Situation der der Solidarischen Klinik]

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Corona-Notstand immer dramatischer – heute Generalstreik gegen die Gesundheitspolitik

Kundgebung heute Morgen vor dem Hippokrates-Krankenhaus in Thessalonik (vgl. Bericht vom 23.11.2020)

Mittlerweile gibt es auch in Athen in manchen Krankenhäusern keine Möglichkeit mehr, Covid-Patienten adäquat zu versorgen. Wie in Thessaloniki werden sie deshalb bereits anderen Orte verlegt.
Bericht dazu (auf griechisch)

Heute wurde bekannt, dass ein neues Hilfspaket in Höhe von mindestens 30 Mio. Euro durch einen gemeinsamen Ministerbeschluss (Wirtschafts- und Gesundheitsministerium) bereitgestellt wird. Die Entschädigung für den normalen Krankenhausaufenthalt von Covid Fällen in privaten (!) Kliniken und Rehabilitationszentren wird dadurch verdoppelt! Diese Verdoppelung wird bereits seit dem Frühjahr bei Krankenhausaufenthalten auf der Intensivstation praktiziert. Diese Zahlungen sind unabhängig davon, ob ein Patient ins Krankenhaus eingeliefert wird oder nicht! Die Regierung lässt den öffentlichen Gesundheitssektor weiter ausbluten. In den beiden „beschlagnahmten“ Privatklinken z.B. wird jetzt Personal aus öffentlichen Krankenhäusern eingesetzt, wo die Lage dadurch noch dramatischer wird.
Bericht dazu (auf griechisch)

Griechenlandzeitung, 26.11.2020: „Am heutigen Donnerstag hat die Dachgewerkschaft Öffentlicher Dienst (ADEDY) zu einem ganztägigen Generalstreik in Griechenland ausgerufen. Die Gewerkschafter fordern mehr Schutzmaßnahmen und Personaleinstellungen im Gesundheitsbereich. Außerdem schätzen sie ein, dass die Regierung die Corona-Pandemie dazu ausnutze, um Arbeitsrechte weiter zu beschneiden; dazu zählten etwa Veränderungen am achtstündigen Arbeitstag sowie bei der Bezahlung von Überstunden.“
Weiterlesen (auf deutsch)

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„Ins Innere Griechenlands. Reiseerzählungen und eine Geschichte Griechenlands in Dokumenten“

„Wahlaufruf bei Tegea in Arkadien/Peloponnes“

Buch von Gerhard Bock und Gertrud Schmidt
„Wir reisten zwischen 2015 und 2018 dreimal nach Griechenland, wollten das
Land als politisch interessierte Touristen erkunden, wollten erfahren, wie die
Krise der EU Land und Leute heimsuchte, sie bedrückte und ihre Gegenwehr
auslöste. Neben Griechenlands Gegenwart waren uns aber auch die Zeugnisse des
Altertums und der jüngeren Geschichte wichtig, so auch die Spuren deutscher
Kriegsverbrechen.
Das Ergebnis ist eine Reportage unserer Reisen, voller Eindrücke vom Land und
seinen Menschen. Wo immer wir auf Orte von kunsthistorischem oder politischhistorischem Interesse stießen, haben wir Informationen dazu in die Reiseerzählung eingefügt von der Antike bis in unsere Tage. Weitere vertiefende
Dokumente, literarische, politische, historische sind im Anhang abgedruckt.“

Mehr Infos

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„Mit Mitsotakis kehrte der Junta-Kitsch zurück“

Lichtprojektion auf das Parlamentsgebäude am „Tag der Streitkräfte“, am 21.11.2020

In den sozialen Medien machten sich sehr viele über diesen rechten Kitsch lustig (1)

Wir zitieren hier den Kommentar der efsyn.gr zur Lichtprojektion (2). Von Dimitris Kanellopoulos, efsy.gr, 22.10.2020:

„Das Parlament und die Regierung, haben erneut ein Wunder volbracht: Sie verwandelten den 21. November in den 21. April, wir kehrten über Nacht von 2020 zu 1967 zurück (3).

Und am Samstagabend in einem leeren Athen mit Verkehrsverbot (!) beobachteten wir eine unbeschreibliche Szene, die für 4 Minuten die Fassade des Parlamentsgebäudes „bekleidete“.

An dem Tag, an dem die Zahl der Todesopfer durch das Coronavirus in nur 24 Stunden 100 überstieg (was hätten die Kannibalenmedien gesagt, wenn SYRIZA in der Regierung wäre …), beschlossen sie, die kriegerische Tugend der Griechen hervorzuheben. Mit einem Video, dessen Ästhetik so aussah, als wäre es aus den sieben Jahren von Papadopoulos / Pattakos / Makarezos (4) hervorgegangen.

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Die schreckliche Lage im Gesundheitssystem von Thessaloniki

Christina Kidona, Leiterin der Covid-Abteilung des Hippokrates-Krankenhauses

Von Ralf Kliche
Der folgende Augenzeugenbericht von Christina Kidona wurde bei einer Online Diskussion der Bewegung „Die Stadt auf dem Kopf“ am Ende der vergangenen Woche vorgetragen. Christina Kidona ist Intensivmedizinerin und leitet die Covid-19-Abteilung am Hippokrates-Krankenhaus von Thessaloniki. (1)

Die Bewegung „Die Stadt auf dem Kopf“ versteht sich als „antikapitalistische Bewegung in der Stadt Thessaloniki“. Sie war erstmals als junge Basisbewegung im Vorfeld der Kommunalwahlen in Thessaloniki in Erscheinung getreten, hatte aber keinen eigenen Kandidaten benannt. (2) Die Vereinigung der Krankenhausärzte von Thessaloniki (ENITH) arbeitet wohl mit dieser Gruppe zusammen. Dabei sind die Ärzte, von denen einige auch in der Solidarischen Klinik von Thessaloniki mitarbeiten, auch durch allgemeine politische Stellungnahmen aufgefallen. Zuletzt wurden staatsanwaltliche Ermittlungen eingeleitet, nachdem sich die Präsidentin von ENITH, Daphne Katsiba, in einem Interview für ein Brechen des Demonstrationsverbotes zum Jahrestag des Aufstands am Polytechnikum ausgesprochen hatte. (3)

Die folgende Erklärung von Christina Kidona folgt der Veröffentlichung bei der Ef.Syn vom 22.11.2020: (4)

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«Das alte System ist tot, aber das neue weigert sich, geboren zu werden»

in diesem DiEM25-Video stellt Varoufakis seine Sicht auf Bidens Wahl dar, die er auch im Interview schildert

Interview mit Yanis Varoufakis von Von Daniel Ryser und Angela Richter, republik.ch, 14.11.2020:
„Der knappe Sieg von Joe Biden sei ein Debakel für die Linke in den USA, schlimmer noch als ein Sieg von Donald Trump. Das sagt Yanis Varoufakis, der frühere griechische Finanzminister. Ein düsteres Gespräch über den Aufstieg des Faschismus, das Ende des Kapitalismus und das Chaos, das darauf folgt.
Zum ersten Gespräch erscheint er pünktlich, zum zweiten Gespräch kommt er zu spät. «Schwierige Zeiten», entschuldigt er sich. «Unfassbar schwierige Zeiten», sagt er. «Wahnsinn überall.»
Yanis Varoufakis: ehemaliger Finanz­minister Griechenlands. «Der griechische Krieger» betitelte der «New Yorker» im August 2015 ein zehnseitiges Porträt. Untertitel: «Wie sich ein radikaler Finanz­minister mit Europa anlegte – und scheiterte.»
Varoufakis hatte nach seiner Berufung zum Finanz­minister im Januar 2015 in den Verhandlungen mit der Troika rund um die griechische Schulden­krise jegliche weiteren Zugeständnisse betreffend Gehalts- und Renten­kürzungen gegenüber dem EU-Kontroll­gremium ausgeschlossen: Der Internationalist stellte Griechenland an erste Stelle. Im Sommer 2015 sprach eine Mehrheit Varoufakis und der Regierung in einem «bail-out-Referendum» überraschend und überdeutlich das Vertrauen aus. Einen Tag später trat Varoufakis trotzdem von seinem Posten zurück: Zu vergiftet war die Beziehung mit den EU-Spitzenbeamten.
Heute ist Varoufakis Wirtschafts­professor in Athen und sitzt im nationalen Parlament als Teil der von ihm gegründeten linken Partei MeRA25, eines parlamentarischen Flügels der von ihm mitgegründeten Bewegung Democracy in Europe Movement 2025 (DiEM 25). Vor zwei Wochen war er wieder einmal weltweit in den Schlag­zeilen, nachdem er in einem spanischen Gerichtsfall gegen eine Firma ausgesagt hatte, von der Julian Assange ausspioniert wurde. Die beiden Männer verbindet mehr als die australische Staats­bürgerschaft: Varoufakis (er hat die doppelte Staatsbürgerschaft) unterstützt Julian Assange seit vielen Jahren öffentlich und besuchte ihn auch mehrmals in der ecuadorianischen Botschaft in London, in der Assange während sieben Jahren festsass.“ weiterlesen

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Extrem wenig Geld für die Gesundheit

Bei den zusätzlichen Verpflichtungen zu Gesundheitsausgaben der Regierungen pro Kopf für Covid19 liegt Griechenland an zweitletzter Stelle innerhalb der EU (Quelle: OECD, Health at a Glance: Europe 2020: State of Health in the EU Cycle)

Bei der Anzahl der Tests in Relation zur Bevölkerungszahl liegt Griechenland an achtletzter Stelle.

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„72 Todesfälle heute – aber alles wird gut!“


Von Christos Katsikas, efsyn.gr 20.11.2020 (1):
„72 Todesfälle heute – aber alles wird gut!
72 Todesfälle am heutigen Freitag, 519 die beatmet werden, 2.581 neue Fälle – aber wir brauchen uns keine Sorgen zu machen …

Okay, die Krankenhäuser sind möglicherweise voll, die Ärzte und Krankenschwestern stehen kurz vor dem Zusammenbruch, die Intensivstationen haben möglicherweise keine Betten mehr – aber die gute Nachricht ist: Die Nea-Dimokratia-Regierung wird bis zu 24 amerikanische F35 Militärflugzeuge mit potenziellen Kosten von 3 Milliarden US-Dollar kaufen und 5.200 Polizisten einstellen.

Wie wir erfahren haben, hat die griechische Polizei am Freitag 100 weitere Motorräder „auf dem freien Markt“ erhalten, was die Gesamtzahl der Motorräder, die sie seit Jahresbeginn bekommen hat, auf 778 erhöht hat!

Gleichzeitig wurde durch die Abrechnung eines französischen Autoherstellers bekannt, dass die Polizei 370 neue Streifenwagen erhielt!

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Beschlagnahme von Krankenhäusern und Covid-Züge

Verzweifelte Notmaßnahmen zur Rettung Covid-Erkrankter in Nordgriechenland

Video über die Covid-Züge von GRTimes

Das von der Troika verstümmelte griechische Gesundheitssystem hält dem Corona-Virus nicht mehr stand. Dies wird gerade durch zwei Maßnahmen der Behörden überdeutlich. Da die Privatkliniken sich weigerten, Covid-Patienten zu behandeln, setzte die Regierung ihnen eine Deadline bis zum 19.11.2020 20.00 Uhr, dann 21.00 Uhr. Die Privatkliniken blieben bei ihrer Weigerung. Es war angeordnet worden, dass die neun Privatkliniken in Thessaloniki 200 Covid-Patienten aufnehmen sollten. Stattdessen erklärten sie sich nur bereit, 1000 Patienten mit anderen Krankheiten aufzunehmen. Daraufhin beschlagnahmte (requirierte) die Regierung heute, am 21.11.2020, zwei Krankenhäuser. Eines der beiden gehört dem Präsidenten der Panhellenischen Vereinigung von Privatkliniken, Grigoris Sarafianos, der heute im Fernsehen sagte, dies sei wohl eine „Strafwahl“.
Von der Oppositon wurde die Regierung heftig dafür kritisiert, dass sie kostbare, möglicherweise Leben rettende Zeit verstreichen ließ, bevor sie endlich die Beschlagnahme verfügte, obwohl die ganze Zeit klar war, dass die Kliniken sich weigerten, Betten zur Verfügung zu stellen.

Die zweite alarmierende Maßnahme ist das Zurverfügungstellen von so genannten Covid-Zügen. Ein solcher Zug wird bereits in Thessaloniki fertiggestellt. Er besteht aus vier Personenwagen, einem Speisewagen und einem Schafwagen. Dieser und weitere Covid-Züge sollen ausschließlich dafür genutzt werden, Corona-Erkrankte von Thessaloniki nach Attika (Großraum Athen) zu befördern, damit sie dort in Krankenhäuser überführt werden können.
Offensichtlich sind die Krankenhäuser in Thessaloniki nicht mehr in der Lage, alle Corona-Erkrankten zu versorgen.

[Siehe auch 72 Todesfälle heute – aber alles wird gut]


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Europarat: „Griechenland: Antifolterkomitee fordert Reform des Systems der Inhaftierung von Migranten und Beendigung von Push-Backs“

Europäisches Komitee zur Verhütung von Folter (CPT) Straßburg, 19. November 2020:
„In einem heute veröffentlichten Bericht über einen Ad-hoc-Sofortbesuch in Griechenland im März 2020 fordert das Antifolterkomitee des Europarates (CPT) die griechischen Behörden erneut dringend dazu auf, ihr Verfahren der Inhaftierung von Migranten zu ändern und sicherzustellen, dass Migrant/inn/en, denen die Freiheit entzogen ist, mit Würde und Menschlichkeit behandelt werden. Das CPT veröffentlichte auch die Stellungnahme der griechischen Behörden.
In dem Bericht erkennt das CPT an, dass die griechischen Behörden angesichts der großen Zahl an Migrant/inn/en, die in das Land einreisen, mit beträchtlichen Herausforderungen konfrontiert sind und dass ein koordiniertes europäisches Vorgehen erforderlich ist. Allerdings könne dies den griechischen Staat nicht von seinen menschenrechtlichen Verpflichtungen und der Fürsorgepflicht gegenüber allen von den griechischen Behörden inhaftierten Migrant/inn/en entbinden.
Das CPT war der Auffassung, dass die Haftbedingungen für Migranten in bestimmten Einrichtungen in der Region Evros und auf der Insel Samos unmenschlicher und erniedrigender Behandlung gleichkommen könnten. In dem Bericht werden erneut die strukturellen Mängel der griechischen Politik der Inhaftierung von Migranten hervorgehoben. Migrant/inn/en würden weiterhin in Hafteinrichtungen gefangen gehalten, die aus großen vergitterten, mit Betten überfüllten Zellen mit schlechter Beleuchtung und Belüftung, maroden und defekten Toiletten und Waschräumen, unzureichenden Körperpflegeprodukten und Reinigungsmitteln, unangemessener Nahrung und ohne Zugang zu täglicher Bewegung im Freien bestehen. Extreme Überfüllung in einigen dieser Einrichtungen hätte die Situation weiter verschärft. Darüber hinaus erhielten die Migranten keine klaren Informationen über ihre Situation.

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