Mikis Theodorakis – der Patrizier, der die Hochkultur proletarisierte

Wir veröffentlichten nach dem Tod von Theodorakis folgende Beiträge
„Er kämpfte im Dezember“1
Mikis Theodorakis: unsterblich
Mikis Theodorakis ist gestorben
Heute kommt noch der Nachruf von Nikos Chilas, der in der Zeitschrift Lunapark21, Heft 55, Herbst 2021 erschienen ist, hinzu.

Mikis Theodorakis (29. Juli 1925 – 2. September 2021) Der Patrizier, der die Hochkultur proletarisierte
Mit Pop-Musik hatte er wenig im Sinne. Und auch nicht mit Jazz. Mikis Theodorakis war nicht von den musikalischen Strömungen angesteckt, die in der Nachkriegszeit die westliche Welt überfluteten. Mit seinem eigenen, mal melancholischen, mal anarchischen Sound aber konnte er zeitweise die Welt mehr rocken als es der härteste Rock jemals vermochte.
Das Ideal des weltbekannten Komponisten war eigentlich die Klassik, besonders die deutsche, bereichert mit dem antiken „Melos“, der „kosmischen Harmonie“, wie sie der Philosoph Pythagoras definierte. In seiner Jugend wähnte Theodorakis sich als der „griechische Bach und Beethoven“. Dieses künstlerische Credo hat er dann in den fünfziger Jahren, während seines Studiums am Konservatorium von Paris, ins Politische umgewandelt. „Ich wollte klangliche Wandmalereien schaffen, allerdings mit absolut lebendigen Materialien“ erklärte er. „Das Wichtigste für mich war aber, dass das Volk diese Wandmalereien als die absolut seinen betrachtete, als etwas, dass aus ihm selbst hervorgeht“.
Musiker
Politisierung hieß, die Massenbewegung, die nach der katastrophalen Niederlage der Linken im griechischen Bürgerkrieg (1946-1949) Anfang der sechziger Jahre einen neuen Aufschwung erlebte, musikalisch zu formen, als den zum Lied gewordenen Aufstand der Massen. Dies löste bald eine Kulturrevolution aus, die zunächst Griechenland und später, nach dem Putsch der griechischen Obristen im Jahre 1967 und der daraus resultierten Sympathiewelle für die griechischen Demokrat:innen, auch weite Teile der Welt erfasste.

Die Gründe seines Erfolges waren hauptsächlich zwei.

Erstens, sein Mut zur Formerneuerung, der sich in der Verschmelzung der Volksmusik, die Einflüsse der byzantinischen Kirchenmusik und des aus Kleinasien importierten städtisch-proletarischen Rembetiko aufweist, mit der Klassik ausdrückte – was die Benutzung von damals als zweitklassig verpönten Instrumenten, wie etwa der Bouzouki einschloss. Dazu kamen die hochklassigen Liedertexte von namhaften griechischen und ausländischen Dichtern, wie Odysseas Elytis, Giannis Ritsos, Giorgos Seferis, Federico García Lorca und Pablo Neruda. So konnte er auf unterhaltsamste Art Hochkultur auch in die proletarischen Schichten hineintragen. Seine Konzerte wühlten die Seelen auf – und wirkten zugleich wie musikalisch untermalte politische Lektionen.

Der zweite Grund seines Erfolgs war seine unbeugsame Haltung als Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung (1941-1944) sowie gegen die Obristen-Diktatur (1967-1974) gewesen. Weder seine Verurteilung zum Tode durch die deutschen Besatzer noch die bestialische Folter auf der Insel Makronisos, auf der er während des Bürgerkriegs exiliert war, konnten seinen Kampfgeist brechen. Kein Wunder also, dass die Verehrung, die ihm entgegen schlug, fast sakrale Züge aufwies.

Kommunist

Theodorakis war seit seiner Jugend Kommunist, aber kein Stalinist. Seine ketzerischen Aussagen waren ein Gräuel für das Parteiestablishment, das ihn als verantwortungslosen Naivling abzustempeln suchte. Das Gegenteil war der Fall. Alle die ihn kannten, konnten bezeugen, dass er ein gleichsam brillanter und unabhängiger Geist war, der sich sogar leisten konnte, eine eigene Meinung gegenüber der Partei öffentlich zu vertreten, weil ihn seine ständig wachsende Popularität weitgehend unangreifbar machte.

Sein Bruch mit den Stalinisten war daher nur eine Frage der Zeit. Formell vollzog er ihn 1968, als die Kommunistische Partei Griechenlands (KPG) in zwei Flügel zerfiel – einen poststalinistischen mit Sitz in Moskau und einen reform-eurokommunistischen (KP-Inland) mit Sitz in Athen. Theodorakis engagierte sich für den zweiten, ohne jemals die Brücken zu den Poststalinisten abzubrechen. Am Ende allerdings kehrte er ganz zu ihnen zurück. In einem Brief an den Generalsekretär der KP Dimitris Koutsoumbas schrieb er: „Jetzt, am Ende meines Lebens, in der Zeit der Abrechnungen, löschen sich die Einzelheiten aus meinem Gedächtnis – was bleibt sind die ‚Großen Dimensionen‘. Dadurch sehe ich, dass ich meine entscheidenden, stärksten und reifsten Jahre unter dem Banner der KPG verbracht hatte. Aus diesem Grunde möchte ich diese Welt als Kommunist verlassen“. Koutsoumbas übertrug er auch die Organisierung seines Begräbnisses.

Mehr als Kommunist war Theodorakis allerdings Nationalist. „Ich bin zum Kommunismus gegangen, weil ich glaubte, die Kommunisten wären die besseren Patrioten“ sagte er einmal dem Verfasser dieser Zeilen. Die Verteidigung des Hellenentums war ihm absolute Priorität. Dies mag im Kampf gegen die deutschen Besatzer von Nutzen gewesen sein, hat ihn aber ansonsten auf ziemlich krumme Pfade geführt. So hat er

  • das von der Syriza-Regierung eingefädelte Abkommen von Prespes, das die Streitigkeit zwischen Athen und Skopie über den Namen Mazedoniens beilegte – der Kompromissname heißt nun: Nordmazedonien –, als „Verbrechen“ bezeichnet. „Mazedonien ist und bleibt griechisch“, fügte er in bestchauvinistischer Manier zu.
  • die vom griechischen Militär gewaltsame Zurückdrängung der Flüchtlinge, die Anfang März 2020 versuchten in Nordgriechenland einzudringen, begrüßt. „In diesen kritischen Stunden sind meine Gedanken bei unseren tapferen Kindern, welche die Grenzen unserer Heimat verteidigen“ schrieb er auf seiner Website.

Patriot

Theodorakis war ein offener Geist, aber nicht frei von Vorurteilen. Das erklärt auch seine widersprüchliche Haltung zu Juden. Einerseits hat er den Opfern des Antisemitismus mit dem Liederzyklus „Mauthausen“ ein unvergleichliches musikalisches Denkmal gesetzt, andererseits bezeichnete er “die Juden“ wegen der üblen Haltung der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern als die „Urquelle des Bösen“.

Legendär war auch seine Selbstsucht, die ihn wohl auch dazu verleitete, im Jahre 1990 Minister in der konservativen Regierung von Konstantinos Mitsotakis zu werden, im Sinne, wie er sagte, einer Politik der „mitarbeitenden Opposition“. Zu seinem eigenen Werk nahm er eine widersprüchliche Haltung ein. Während er stolz auf seine politischen Lieder war, konnte er es nicht verkraften, keine Anerkennung als Symphoniker zu finden. Als „Souflaki-Symphonie“, bezeichnete der Musikkritiker der Süddeutschen Zeitung sein symphonisches Werk „Alexis Sorbas“ nach dessen Aufführung im Sommer 1995 auf dem Königsplatz von München. „Es wäre doch besser gewesen, wäre ich bei der Klassik geblieben“, war Theodorakis‘ resignative Reaktion.

Was ihm das kulturelle Establishment versagte, gewährte ihm recht freigiebig das politische und wirtschaftliche. Zum Abschluss der Griechischen Kulturtage in Frankfurt am Main, die die Europäische Zentralbank (EZB) im November 2007 organisiert hatte, sang Maria Farantouri Lieder von Theodorakis. Die Zuschauer:nnen, hauptsächlich Bankiers und Angestellte der EZB, waren sind gefesselt – nicht wenige hatten Tränen in den Augen.

Solche Veranstaltungen haben seinen Ruf als Künstler von ökumenischem Rang verfestigt. So war es auch bei seinem Begräbnis auf Kreta, bei dem der konservative Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis das Wort ergriff, um ihn als „den letzten großen Griechen des zwanzigsten Jahrhunderts“ zu preisen – ohne allerdings ein Wort über dessen Verdienste als Widerstandskämpfer und Kulturrevolutionär zu verlieren.

Für so eine Kleinlichkeit hätte Theodorakis nur ein müdes Lächeln übrig gehabt. Er war eben ein Fein-, kein Kleingeist, ein Patrizier, kein Plebejer. Und als solcher wird er wohl auch in Erinnerung bleiben.

Nikos Chilas war mehr als 20 Jahren Deutschland-Korrespondent des griechischen Fernsehsender ERT sowie der Tageszeitung To Vima. Er hat Mikis Theodorakis mehrmals interviewt. Chilas lebt als freier Journalist in Wien.

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Wenn der Frühling lächeln würde. Text Manolis Anagnostakis. Es singt Mikis Theodorakis:

Die Stadt, Text Konstantinos Kavafis, es sings Maria Farantouri

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