
Es gilt als eines der größten Traumata der griechischen Finanzkrise: Am 5. Mai 2010 starben drei junge Frauen (eine von ihnen schwanger) als Folge einer Brandstiftung während einer der größten Protestdemonstrationen der jüngeren Geschichte des Landes.
Die Mehrheit der Griech*innen ist davon überzeugt, dass Mitsotakis hinter den illegalen Überwachungen steckt und auch bei den anderen großen Skandalen keine reine Weste hat. Trotzdem könnte der Ministerpräsident – mit ein paar Wahltricks bei den wahrscheinlich im Oktober anstehenden Wahlen wieder gewählt werden. Und das vor allem, weil er einer ausreichenden Anzahl von Griech*innen vermittelt, dass es nur mit ihm Sicherheit und Stabilität für das Land gibt. Da passen die Anschläge auf Nea Dimokratia-Politiker in Thessaloniki i vor 11 Tagen wunderbar, um ihn als tatkräftigen Ordnungshüter zu zeigen. Immerhin wurden bereits drei Tatverdächtige verhaftet.
Genauso gut passt in die Wahlstrategie von Mitsotakis, dass jetzt drei Personen verhaftet wurden, die für Täter der Marfin Bank Brandstiftung im Jahre 2010 gehalten werden. Damals drangen während einer sehr großen Protestdemonstrationen gegen die Sparmaßnmen der Regierung Vermummte in die Bank ein und warfen Molotowcoktails. Dutzende Angestellte der Bank wurden verletzt – drei starben.
Mehrere Medien berichteten, dass eine anonyme E-Mail die Ermittlungen neu in Gang brachte. Darin sollen drei Personen namentlich genannt worden sein. Heute behauptete der Minister für Bürgerschutz, Michalis Chrysochoidis im SKAI-TV, die E-Mail habe keine große Bedeutung, die Anklage beruhe auf altem Material, das nur neu ausgewertet worden sei ii .
Gestern berichtete Thanasis Kampagiannis, einer der Anwälte der Angeklagten auf einer für den Fall anberaumten Pressekonferenz folgendes:
>„Das von der Polizei kontruierte Bild weicht völlig von der Realität der Akten ab. Was wir zu sagen haben steht in völligem Widerspruch zu dem, was die Medien schreiben und was von der griechischen Polizei nach außen dringt. […] Die Dinge liegen ganz und gar nicht so“, Wie er erklärte, versuche die Polizei, den Fall als vollständig aufgeklärt darzustellen, doch „die festgenommenen und beschuldigten Personen lassen sich laut den offiziellen Angaben und dem Bericht der „Direktion zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität“ nicht identifizieren“.
Kampagiannis betonte nachdrücklich, dass „die Identifizierung weder mit körperlichen Merkmalen noch mit Körperbau zu tun hat. Sie hat mit beweglichen Gegenständen zu tun“, was nach Ansicht der Verteidigung die Anklage im Beweisverfahren angreifbar macht. „Wir hoffen, dass der Fall nicht von den Fernsehsendern oder von Herrn Chrysochoidis entschieden wird, sondern von den Staatsanwaltschaften und den Justizbehörden“, fuhr der Verteidiger fort. Gleichzeitig stellte er klar, dass „es so gut wie keine neuen Beweise gibt. Es handelt sich um eine Aufarbeitung älterer Beweise“ und um Material, das den Behörden bereits seit vielen Jahren vorliegt.“ iii
Bei der Pressekonferenz äußerte sich auch Dimitris Katsaris, der 2011 als Verteidiger im ersten Marfin-Prozess aufgetreten war. Die zwei Hauptverdächtigen wurden 2013 freigespochen iv . Ein dritter erst zwei Jahre später v.
„Leider gibt es auf tragische Weise sehr viele Ähnlichkeiten“, erklärte Herr Katsaris und verglich die beiden Fälle miteinander. „Jener Fall hatte mit einem anonymen Zettel begonnen, und heute haben wir eine anonyme E-Mail“, was, wie er sagte, auf „eine gemeinsame Zentrale hindeutet, die sich diesen Ansatz und diese Vorgehensweise ausgedacht hat“. Katsaris warf den Behörden Kommunikationsmanipulation und eine bestimmte Vorgehensweise hinsichtlich des Zeitpunkts der Festnahmen vor: „Sie leiten die Ermittlungen freitags ein, damit es bis Montag keine Gegenargumente gibt, denn freitags sind die Zeitungskolumnen in der Regel bereits abgeschlossen, und so stammen die einzigen Informationen aus den elektronischen Medien und den Aussagen der Polizei“.
Er erinnerte zudem daran, dass auch 2011 in den durchgesickerten Informationen von „100-prozentigen Identifizierungen“ und einem „eindeutigen Fall“ die Rede war, doch als der damalige Ermittlungsrichter eine offizielle Gegenüberstellung der Daten des Angeklagten mit dem Bildmaterial verlangte, kam die Antwort der Polizei bereits nach nur 6 Stunden, in der eingeräumt wurde, dass ein Vergleich „aufgrund der schlechten Qualität des Fingerabdruckmaterials“ nicht möglich sei.< vi
Ins Bild einer Wahlkampfinszenierung passt auch, dass die dritte Verdächtige, die seit langem in England lebt, gestern verhaftet, als sie sich bereits auf dem Flughafen befand, um nach Griechenland zu fliegen und um sich dort der Polzei zu stellen. Sie hatte den Behörden mitgeteilt, dass sie sich stellen wollte, wurde aber trotzdem auf dem Flughafen verhaftet vii.
Man darf gepannt sein, ob auch die aktuelle Anklage in sich zusammenfallen wird.
Ein ganz anderer Aspekt des tragischen Vorfalls ist die Rolle der Bankverantwortlichen. Drei Manager der Marfin Bank tragen die Hauptschuld dafür, dass Menschen sterben mussten, weil sie für unzumutbare Umstände in der Bank verantwortlich waren, die eine Flucht verhinderten. Sie wurden im Jahre 2013 wegen fahrlässiger Tötung und unzureichender Sicherheitsvorkehrungen zu 10 bzw. 5 Jahren Gefängnis veruteilt. Das gravierendste Versäumnis der Bankmanager war, dass der Notausgang verschlossen war und zur Öffnung eine Fernbedienung benutzt werden musste, die sich in einem anderen Bereich befand.“ viii
Ein weiterer Aspekt ist, dass Mitsotakis auch beim aktuellen Geschehen wieder die rechtsradikalen Protagonisten der Nea Dimokratia und der Regierung hetzen lässt, um rechtsradikale Wähler zu befriedigen, und um ihrem Begriff von Sicherheit zu entsprechen. So bezeichnete Thanos Plevris, der Minister für Migration und Asyl Anarchisten im staatlichen Fernsehen als „Scheißkerle“, „Feiglinge“, „Penner“, „Dreckskerle“, „Nutzlose“ und „Versager“ und drohte sogar, dass „wir sie in Stücke reißen werden“.ix
Quellen
ihttps://griechenlandsoli.com/2026/07/03/mutter-von-nd-politikerin-stirbt-nach-brandanschlag/
iihttps://www.efsyn.gr/politiki/1427082/hrysohoidis-to-email-den-itan-to-kathoristiko-stoiheio-gia-tin-marfin-ergastika-mazi-me-toys-astynomikoys/
iiihttps://www.efsyn.gr/ellada/1425701/ypothesi-marfin-epistoli-proin-diokomenoy-stin-ef-syn-oi-skeyoroi-anazitoyn-ta-nea-toys-thymata/
ivhttps://www.griechenland.net/nachrichten/politik/20887-verd%C3%A4chtige-im-fall-marfin-bank-freigesprochen
vhttps://www.efsyn.gr/ellada/1425701/ypothesi-marfin-epistoli-proin-diokomenoy-stin-ef-syn-oi-skeyoroi-anazitoyn-ta-nea-toys-thymata/
vihttps://www.efsyn.gr/ellada/1426986/marfin-tin-ypothesi-den-tha-tin-dikasoyn-ta-kanalia-oyte-o-k-hrysohoidis-leei-synigoros-katigoroymenoy/
viihttps://www.efsyn.gr/ellada/1426814/marfin-oi-synigoroi-ton-katigoroymenon-aporriptoyn-ta-peri-exihniasis-tis-ypothesis-den-yparhei-taytopoiisi/
viii https://www.news247.gr/afieromata/ipothesi-sipsa-i-tixaia-dioxi-enos-anarxikou/
ixhttps://www.efsyn.gr/politiki/1426408/paralirima-pleyri-hestes-kotes-alites-katharmata-anarhikoi-tha-toys-xes

