
Von Isabel Armbrust
Seit dem 15. Juli ist Christopher Nolans 250 Millionen Dollar teure, vollständig in IMAX gedrehte Verfilmung der Odyssee auch in Europa zu sehen. Das Medienecho ist enorm. In Deutschland – ebenso wie in Griechenland – wird das außergewöhnliche Werk aus unterschiedlichsten Perspektiven besprochen und bewertet. Nolans Lesart des Odysseus als traumatisierter Kriegsheimkehrer, den die Erlebnisse des Krieges nicht loslassen, scheint einen Nerv in einer zunehmend militarisierten Welt zu treffen.
Umso bedauerlicher ist, dass Nolan bei einem anderen hochaktuellen Thema offenbar eine blinde Stelle hat. Teile des Films wurden in der besetzten Westsahara gedreht – ohne dass die Vertretung der sahrauischen Bevölkerung, die den Anspruch auf die Souveränität des Territoriums vertritt, um ihre Zustimmung gebeten wurde. Im Abspann wird ein Drehort nahe der sahrauischen Großstadt Dakhla zudem schlicht der Besatzungsmacht zugeschlagen. Statt „Westsahara“ heißt es dort lediglich: „Marokko“.
Bereits nach der Bekanntgabe der Dreharbeiten in den weißen Dünen bei Dakhla hatten Sahrauis davor gewarnt, dass eine Hollywood-Großproduktion zur politischen Normalisierung der marokkanischen Besetzung beitragen könnte. Die Organisatoren des internationalen Sahara-Filmfestivals FiSahara riefen daraufhin erstmals zum Boykott des Films auf. „Wenn Christopher Nolan über den roten Teppich zur Premiere schreitet, wird er zugleich das Völkerrecht mit Füßen treten – insbesondere das Recht des sahrauischen Volkes auf sein Territorium und seine Ressourcen, die vom Staat Marokko illegal ausgebeutet werden“, erklärte FiSahara-Geschäftsführerin María Carrión.
Die Kritik blieb nicht auf die Westsahara-Solidaritätsbewegung beschränkt. Die Boykottaufrufe fanden auch international Beachtung und wurden von zahlreichen Medien aufgegriffen. Berichtet wurde insbesondere über den Vorwurf, dass internationale Filmproduktionen durch Dreharbeiten in besetzten Gebieten unbeabsichtigt zur politischen Legitimation eines völkerrechtlich umstrittenen Status quo beitragen können. Damit rückte nicht nur Nolans Film, sondern auch die grundsätzliche Verantwortung der Filmindustrie bei der Wahl ihrer Drehorte in den Fokus der Debatte.
Der spanische Schauspieler Javier Bardem, einer der prominentesten künstlerischen und politischen Unterstützer des FiSahara-Festivals und der sahrauischen Sache insgesamt, wandte sich anlässlich des diesjährigen Festivals direkt an Nolan. Er lud den Regisseur ein, „sich über die Geschichte der vom marokkanischen Regime gegen das sahrauische Volk ausgeübten Repression zu informieren“.
Bis heute haben weder Christopher Nolan noch die Produktionsfirma auf die Forderungen von FiSahara oder den Appell Javier Bardems reagiert. Dass der Film damit den Bemühungen der marokkanischen Regierung um eine internationale „Normalisierung“ ihrer Präsenz in der besetzten Westsahara erheblichen Vorschub leisten könnte, bleibt problematisch.
Mittlerweile gibt es auch in Berlin Proteste gegen den Film. Die Westsahara-Solidaritätsbewegung ruft zum Boykott auf, verteilt Informationsblätter vor den Kinos und sammelt online Unterschriften für entsprechende Boykottaufrufe.

