Parkplatz oder Gedenken?

Oben: 24.12.2021. Unten 11.7.1942. Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-168-0894-21A / Dick / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

„In diesem Jahr jährt sich der „Schwarze Sabbat“ zum 80. Mal, als 9.000 Juden in Thessaloniki gedemütigt und gefoltert wurden und einige von ihnen auf dem Eleftherias-Platz (Platz der Freiheit) ihr Leben ließen. Die frühere Stadtverwaltung plante, dort einen Gedenkpark anzulegen, aber alles deutet darauf hin, dass es bis auf weiteres ein Parkplatz bleiben wird.“ (Zitat: insidestory.gr) Seit 2019 gibt es einen neuen Bürgermeister, der einen anderen Schwerpunkt hat, nämlich eine Tiefgarage unter dem Platz. Deshalb ließ er den Platz innerhalb weniger Tage zu einem großen Parkplatz machen. Ab dem 15.12.2021 wurden alle Bäume gefällt, der Platz begradigt, asphaltiert und mit Linien für Parkplätze versehen. Am 23.12. malten der Künstler Yorgos Konstantinou und sein Bruder, der Anwalt Yannis Konstantinou, nachts einen Davidstern von acht mal acht Metern auf den Parkplatz. Am 27.12.2021 veröffentlichte der Zentralrat der Juden Griechenlands eine Erklärung, mit der er die Errichtung des Parkplatzes kritisierte – durch die Verwendung eines Fotos des Davidsterns auf dem Platz. Am 30.12.2021 beschwerten sich vierzehn Mitglieder des Stadrats in einer Sitzung des Stadrats über die Nutzung als Parkplatz. Der Bürgermeister behauptete daraufhin, es handele sich nur um eine provisorische Nutzung zu diesem Zweck. Wahrscheinlich hatte die Malaktion einen wichtigen Anteil an der Mobilsierung des Widerstands.

„Die öffentliche Demütigung der Juden der Stadt [am „Schwarzen Sabbat“ auf dem Eleftherias-Platz, G.B.] war der erste Schritt zur Entmenschlichung, die in den Vernichtungslagern der Nazis folgte.

Wir leihen uns die Beschreibung von dem Juristen Yomtov Yacoel, der die Ereignisse zu der Zeit aufzeichnete, als sie ihm widerfuhren. Es ist der 11. Juli 1942, 3 Uhr nachmittags. Unter der heißen Sonne erfolgen die Schikanen der Nazis gegen die Juden – „bück dich, steh auf, mach das verdammte Ding“ – demütigend und quälend. Die Deutschen peitschen jeden aus, der es wagt, sich zu setzen, bis er Blut vergießt. Manche können es nicht ertragen und fallen in Ohnmacht. Einige andere sterben und im Protokoll hieß es „Herzstillstand“. Schaulustige und Passanten schauen nur zu. Auf dem Eleftherias-Platz sterben die ersten Juden von Thessaloniki durch die Hand der Nazis. Viele weitere wurden zur Zwangsarbeit und 45.000 in Vernichtungslager verschleppt.

Seit den 1950er Jahren wurde der Eleftherias-Platz in einen Parkplatz und einen Busbahnhof verwandelt. Hätte er das gleiche Schicksal erlitten, wenn dort 9.000 Thessaloniker gefoltert worden wären, die aber keine Juden, sondern Christen gewesen wären? Dies ist eine hypothetische Frage – die Antwort lässt sich leicht erraten. Tatsache ist, dass der Platz, auf dem 9.000 Juden im Holocaust gefoltert wurden, bis vor kurzem noch ein Parkplatz war und wahrscheinlich noch lange Zeit sein wird…

Im Jahre 2012 kündigte der damalige Bürgermeister von Thessaloniki, Yannis Boutaris, seine Absicht an, den Eleftherias-Platz von einem Parkplatz in einen Gedenkpark umzuwandeln…“ (Zitat: insidestory.gr)

Wir werden sehen, wie es weitergeht, ob der Eleftherias-Platz tatsächlich zu einem Gedenkpark wird, oder ob er ein Parkplatz bleibt.

Bild: Yorgos KonstantinouImagistan
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