Kriminalisierung von Helfern von Geflüchteten. Der Schauprozess gegen Sarah Mardini und 23 weitere Angeklagte beginnt

Am kommenden Donnerstag, dem 18.11.2021 beginnt auf Lesbos ein großer Schauprozess gegen 24 Helfer*innen von Geflüchteten. Den Angeklagten drohen bis zu 35 Jahre Gefängnis. Das Schicksal von einer der Angeklagten, der seit Jahren in Berlin lebenden, aus Syrien geflüchteten Sarah Mardini, wirft ein grelles Licht auf die europäische Verlogenheit.

Es fängt damit an, dass die damals 20jährige Sarah Mardini 2015 zusammen mit ihrer Schwester Yusra das Leben von 18 anderen Geflüchteten rettete. Der Motor des Bootes, auf dem sie und ihre Schwester auf dem Weg nach Lesbos waren, fiel aus. Die beiden Schwestern hatten waren vor ihrer Flucht Mitglieder des syrischen Nationalen Schwimmteams. Sie zogen das fahrunfähige Boot dreieinhalb Stunden schwimmend ans Land, die Insel Lesbos. Zwei Männer, die zunächst halfen, gaben auf.
Danach schafften die Mardini-Schwestern es, auf der Balkanroute weiter nach Berlin zu flüchten.
Für ihre Rettungstat wurden sie gefeiert und ausgezeichnet. 2016 erhielten sie „Stille Helden Bambis“. „Bambis“ sind in Deutschland sicherlich keine unbedeutenden Preise

Schon ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft in Deutschland kehrte Sarah Mardini zum ersten Mal nach Lesbos zurück – um Geflüchtete aus Seenot zu retten. Sie studierte in Berlin, kam aber immer wieder für längere Zeit nach Lesbos, um zu helfen und zu retten.

Im August 2018 wurde sie, als sie schon viele Monate wieder auf Lesbos war, aus heiterem Himmel verhaftet. Sie wurde wegen Menschenhandel, Geldwäsche, Betrug und Spionage angeklagt. Diese Vorwürfe wurden den Mitarbeitern der griechischen NGO ERCI (Emergency Response Centre International) gemacht, zu denen Mardini gehörte.

Dreieinhalb Monate verbrachte sie in Athen in Untersuchungshaft, bevor sie auf Kaution freigelassen wurde.

Human Rights Watch hat ausführlich begründet, dass die Vorwürfe haltlos sind und es offensichtlich um die Kriminalisierung von Helfer*innen geht.

„Die Anschuldigungen sind außergewöhnlich schwerwiegend, aber keineswegs ungewöhnlich, da die Behörden in ganz Europa weiterhin Menschen und Organisationen kriminalisieren, die Geflüchteten helfen und sie unterstützen und Leben retten (auf See und an Land). Im Jahr 2019 wurden 171 Personen in 13 europäischen Staaten kriminalisiert und zwischen 2020 und 2021 wurden mindestens 44 Personen in Griechenland mit ähnlichen Anschuldigungen konfrontiert wie Sarah Mardini, Seán und Nassos. Die Kriminalisierung fällt mit der Sicherung der Grenzen und besorgniserregenden Fällen von Pushbacks und kollektiver Abschiebung zusammen, insbesondere auf See.“ (Aus der Solidaritätserklärung von 49 NGOs für die Angeklagten vom 11.11.2021.)


Drei Jahre brauchte die griechische Justiz, um den Fall vor Gericht zu bringen. Am kommenden Donnerstag, dem 18.11.2021 beginnt er in Mytilini auf der Insel Lesbos. Sarah Mardini darf nicht zum Prozess gegen sie selbst nach Griechenland reisen, obwohl sie darum gebeten hat. Ihr wurde 2018 verboten, in den nächsten sieben Jahre nach Griechenland zu reisen. Da sie keine EU-Bürgerin ist, gilt sie als besonders gefährlich.

Das Ganze schreit nach einer Verfilmung. Die lässt nicht auf sich warten. Es wurde bereits gedreht. 2022 will Netflix seinen Film „the swimmers“ zeigen. Man kann gespannt sein, wie/ob die Kriminalisierung von Sarah Mardini in dem Film dargestellt wird.

Zeitgleich mit dem tatsächlichen Prozess auf Lesbos wird am 18.11.2021 von 8 Uhr bis 12 Uhr vor dem Brandenburger Tor in Berlin ein virtueller Gerichtssaal aufgebaut sein. (Siehe https://griechenlandsoli.com/2018/10/13/berlin-soli-aktion-mit-den-angeklagten-helfern-auf-lesbos-am-18-november-2021/)

Auch in vielen anderen Städten gibt es Solidaritätsaktionen: Siehe: https://www.freehumanitarians.org/events

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