Eine Woche nach der Wahl: Die neue Regierung in Athen im Realitätscheck, von Stephan Lindner

Eine Woche nach der Wahl:
Die neue Regierung in Athen im Realitätscheck

von Stephan Lindner

Der Wahlsieg von Syriza ist jetzt knapp eine Woche her. Im Folgenden möchte ich einige
kritische Anmerkungen dazu machen, was in der letzten Woche passiert ist. Mein Ziel ist
dabei weder, in den Chor derjenigen einzustimmen, die aus den unterschiedlichsten
Gründen plötzlich alles schlecht finden, noch diejenigen zu unterstützen, die seitdem
kritiklos allem zujubeln. Mir geht es vor allem darum, was von dieser Regierung realistisch
zu erwarten ist, denn, wie sich schon bei der Wahl des Koalitionspartners zeigte, können
realistische Erwartungen vor so mancher Enttäuschung bewahren. Andererseits komme
ich eine Woche nach der Wahl zu dem Ergebnis, dass diese Regierung trotz aller Kritik, die
man an ihr haben kann, nicht nur mehr Unterstützung verdient, sondern sie auch dringend
nötig hat.
Mich wundern all diejenigen Stimmen, die jetzt darüber verwundert sind, dass Syriza sich die
Unabhängigen Griechen (ANEL) als Koalitionspartner ausgesucht hat, eine rechte
Abspaltung der Nea Dimokratia, also der griechischen Konservativen. Ich finde diese
Koalition auch ziemlich unappetitlich und wer mich kennt, der weiß auch, dass ich in Attac
zu einem der schärfsten Kritiker der sog. „Neuen Friedensbewegung“ gehöre. Trotzdem
halte ich unter den gegebenen Bedingungen auch diese Regierung weiterhin für
unterstützenswert. Denn welche Alternative hätte es gegeben? Meines Erachtens keine
vernünftige.
– Da wären zum einen andere Parteien: Angeboten hatte sich vor allem To Potami (der Fluss),
die Neugründung eines Fernsehmoderators, die anscheinend eng mit dem alten,
oligarchischen System verbunden ist und sich im Wahlkampf vor allem damit profiliert hat,
dass sie ein Bändiger von Syriza und ein Garant für die weitere Zusammenarbeit mit der
Troika sein will. Dass das angesichts der Kernforderungen von Syriza, genau diese Politik
zu beenden, nicht gutgehen kann, ist eigentlich selbstevident. Da blieben dann nur noch
die ‚Unabhängigen Griechen’ übrig, wollte man nicht Neuwahlen riskieren oder eine
Minderheitsregierung bilden.
– Angesichts der gravierenden Probleme, die in Griechenland herrschen und den harten
Verhandlungen, die für die Regierung bevorstehen, halte ich eine Minderheitsregierung für
keine gute Idee. Eine solche Regierung würde wahrscheinlich in solchen Verhandlungen
nicht sonderlich ernst genommen, weil man darauf setzen könnte, dass man sie bald
wieder los ist und dann die alten Verhandlungspartner wieder in Athen ans Ruder
kommen, wenn diese Regierung gescheitert ist.
– Dann bliebe noch die Option Neuwahlen: Viele glauben, dass es dadurch zu einer
Alleinregierung von Syriza kommen hätte können. Das wäre aber aus folgenden zwei
Gründen auch keine gute Idee gewesen: Ende Februar läuft das griechische
Hilfsprogramm mit der Troika aus. Das wäre ein gefundenes Fressen für die Gegner einer
Syriza-Regierung gewesen, um ihre Angstkampagnen fortzusetzen. Die Argumentation der
alten Regierungsparteien lief vor allem darauf hinaus, dass in Griechenland alles
zusammenbrechen würde, wenn sie die Macht verlieren und Syriza gewinnen würde. Zum
anderen wäre, wenn Syriza die Wahlen dann gewonnen hätte, das Zeitfenster zum
Verhandeln mit der Troika in der Tat ziemlich kurz gewesen, was sich sicher nicht zum
Vorteil von Syriza ausgewirkt hätte.
– Das gravierendste Argument in meinen Augen ist aber, dass sich das politische Umfeld in
Griechenland in einem Punkt massiv von dem in Deutschland unterscheidet: In
Griechenland hat der Tabubruch der Regierungsbeteiligung einer Partei rechts von den
Konservativen längst stattgefunden – spätestens mit der Beteiligung der rechten Partei LAOS
an einer Regierung der ’Nationalen Einheit’ von PASOK und ND unter Führung des
Ex-EZB-Vizepräsidenten Papademos nach dem Rücktritt der Regierung Papandreou. Zugleich
hat SYRIZA seine zusätzlichen Wählerstimmen vor allem in der Mitte des politischen
Spektrums gewonnen und nicht am linken Rand. Viele dieser neuen Wähler wollten mit
ihrer Wahlentscheidung vermutlich vor allem Protest und den Wunsch nach Veränderung
ausdrücken, ohne dabei explizit aus Überzeugung für ein linksradikales Programm
gestimmt zu haben. Die Ablehnung einer Koalition mit den Unabhängigen Griechen hätten
viele vielleicht eher als eine Flucht vor der Verantwortung interpretiert. Immerhin hatten
viele der neuen Syriza-Wähler bei den letzten Wahlen vermutlich selbst noch für Parteien
gestimmt, die mit LAOS mit einer ähnlich rechten, aber die Memorandenpolitik
unterstützenden Partei eine Koalition eingegangen waren. Sich jetzt einer
Zusammenarbeit zu verweigern, obwohl man sich in der Ablehnung der
Memorandenpolitik sehr einig ist und dies das wahlentscheidende Thema war, hätte auch
dazu führen können, dass das vor allem Wasser auf die Mühlen der rechten Parteien
gewesen wäre und damit ein Ergebnis zur Folge gehabt hätte, das eben gerade die Rechte in
Griechenland nicht schwächt, sondern sogar noch stärkt.
Vielleicht sehe ich das aber auch deshalb etwas nüchterner, weil ich von dieser syrizainternen
Diskussion schon das erste Mal nach den Parlamentswahlen 2012 gehört hatte.
Damals war noch klarer als bei den letzten Wahlen, dass für Syriza eine eigene Mehrheit
in weiter Ferne lag, auch wenn sich die Partei schon damals ein Kopf an Kopf-Rennen
mit der ND geliefert hatte. Sie konnte damals aber keine plausible Antwort auf die Frage
geben, mit wem sie koalieren könne, um ihr Programm umzusetzen, sollte sie stärkste
Partei werden und den Auftrag zur Regierungsbildung erhalten. Was also jetzt passierte,
ist nichts anderes als die Umsetzung des Ergebnisses einer Diskussion, die bei Syriza
über mehr als zwei Jahre geführt wurde, auch wenn es dazu meines Wissens nie einen
formalen Beschluss gab. In Griechenland scheint über diese Koalition jedenfalls kaum
jemand verwundert. Dabei ist sicher auch allen klar, dass es sich um keine Liebesheirat,
sondern ein taktisches, zeitlich begrenztes Vernunftbündnis handelt.
Betrachtet man die erste Woche der Regierungsarbeit, dann ergibt sich ein
durchwachsenes Bild, was die Fähigkeit von Syriza angeht, ANEL in der Regierung
einigermaßen unter Kontrolle zu halten:
– Die Vorstellung des neuen Kabinetts beim Staatspräsidenten verzögerte sich um eine
Stunde. Grund dafür waren Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Parteien um
die Besetzung der Ministerposten. ANEL wollte einen Menschen einer anderen
rechtsgerichteten Partei durchsetzen, der insbesondere für schwulenfeindliche
Äußerungen bekannt ist. Als das bekannt wurde, gab es wohl innerhalb von Syriza einen
Aufschrei. Kurze Zeit später war das Problem vom Tisch. Syriza hatte sich durchgesetzt
und die Unabhängigen Griechen mussten ihren Personalvorschlag zurückziehen.
– Von den elf Ministerien wird nur eins von einem ANEL-Minister geleitet: das
Verteidigungsministerium. Die beiden Stellvertreter werden beide von Syriza gestellt. In
den anderen Ministerien ist ANEL gerade einmal mit vier Vizeministern vertreten
(komplette Kabinettsliste hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Cabinet_of_Alexis_Tsipras)
– Zu den Maßnahmen, die die Regierung als erstes umsetzen will, gehört auch die
Einbürgerung von allen Kindern von MigrantInnen, die in Griechenland geboren sind. Eine
solche Maßnahme ist allerdings nicht per Kabinettsbeschluss umsetzbar, sondern muss
als Gesetz das Parlament passieren. Da wird es noch spannend werden, wie geschlossen
die beiden Parteien dort abstimmen.
– Weitere angekündigte Maßnahmen betreffen eine ganze Reihe von
Gewerkschaftsrechten. Eine wichtige Forderung, die man sich zu Beginn auch auf die
Fahnen geschrieben hatte, scheint allerdings erst Mal auf später verschoben worden zu sein: Die
Anhebung des Mindestlohns auf das Vorkrisenniveau
(http://www.ekathimerini.com/4dcgi/_w_articles_wsite2_1_30/01/2015_546728)
– Allerdings weiß auch der neue griechische Verteidigungsminister von ANEL, wie er sich
in Szene zu setzen hat. Der ließ sich dieses Wochenende mit einem Hubschrauber über
die Insel von Imia (türkisch Kardak) fliegen, um einen Kranz für griechische Offiziere
abzuwerfen, die dort vor 19 Jahren ums Leben gekommen waren. Damals gab es einen
Konflikt um die Insel, auf die sowohl die Türkei als auch Griechenland Besitzansprüche
erheben. Nachdem ein paar Mal jede Seite ihre Flagge auf der unbewohnten, gerade mal
vier Hektar großen Insel gehisst und die des anderen Landes entfernt hatte, kam es bei einem
erneuten Versuch des Flaggentauschs zum Absturz des Hubschraubers. Gerüchten zu
Folge ist er möglicherweise auch von der türkischen Seite abgeschossen worden. Damals
konnte ein Krieg nur verhindert werden, weil die USA intervenierte und beide Seiten zur
Vernunft brachte. Eine ausführliche Beschreibung des Disputs findet sich in der
englischsprachigen Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Imia/Kardak . Wie der britische
Guardian berichtet, gab es an diesem Jahrestag auch eine in Athen von der Nazipartei
Goldene Morgenröte organisierte Gedenkkundgebung für die damals ums Leben
gekommenen Offiziere. Antifaschisten organisierten dazu eine Gegenkundgebung am
Omonia-Platz (http://www.theguardian.com/world/2015/jan/30/greece-turkey-imia-kardaktensions-
fighter-jets). Der griechische Verteidigungsminister konterkariert damit auch die
erklärte Absicht von Tsipras, das angespannte Verhältnis zur Türkei zu entspannen.
Es ist sicher falsch, eine Partei wie ANEL, deren Vertreter im Europa-Parlament in der
gleichen Fraktion sitzt wie die deutsche AFD, mit einer Nazi-Partei wie der NPD
gleichzusetzen. Das ist in Griechenland eindeutig die Goldene Morgenröte, die noch ein
deutliches Stück weiter rechts positioniert ist als ANEL. Für genau so falsch halte ich
allerdings auch den Vergleich mit der deutschen CSU, wie er immer wieder zu hören ist. Wie
oben beschrieben halte ich es trotzdem für richtig, dass Syriza unter den gegenwärtigen
Bedingungen das Wagnis dieser Koalition eingegangen ist. Die ANEL ist eine
geschwächte Partei, die um ihr politisches Überleben kämpft. Bei allen Wahlen seit 2012,
als sie zum ersten Mal antrat, hat sie – im Unterschied zu Syriza – Stimmen verloren.
Sollte die derzeitige Regierung erfolgreich sein, halte ich es für durchaus möglich, dass am Ende so etwas wie der FDP-Effekt in der letzten schwarz-gelben Koalition in Deutschland eintritt. Womit gemeint ist, dass der kleinere Partner die Koalition so geschwächt verlässt, dass sein weiteres politisches Überleben in Frage steht. Darüber hinaus kann es auch durchaus passieren, dass die Koalition vorzeitig zerbricht, weil einer der Profilierungsversuche von ANEL so Panne ist, dass eine weitere Zusammenarbeit einfach nicht mehr vorstellbar ist. In jedem Fall stehen dann die Chancen
von Syriza bei den nächsten Wahlen besser, wenn sie einerseits zeigen konnte, dass ihre
Regierungsübernahme einerseits nicht gleichzusetzen ist mit dem Weltuntergang,
andererseits die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit aber auch nicht an ihr gescheitert
sind.
Für Aufruhr hat am Freitag die Ankündigung des neuen griechischen Finanzministers
Varoufakis in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Chef der Eurogruppe gesorgt,
die Zusammenarbeit mit der Troika aufzukündigen. Was sowohl in der deutschen Linken
als auch bei vielen Anhängern von Syriza Begeisterung auslöste, scheint dem Urheber
mittlerweile zumindest teilweise Leid zu tun. In einem am selben Abend mit der BBC
geführten Interview, das er auch in seinem Blog gepostet hat, erklärte er das ganze
zumindest teilweise für ein Missverständnis, dass durch die Übersetzung entstanden sei
(http://yanisvaroufakis.eu/2015/01/31/on-bbc-tv-newsnight/ ca. Minute 8:50). Darin
unterscheidet er zwischen zwei Troikas, eine der Institutionen (unklar formuliert), mit der er ein neues Programm aushandeln will und einer, die die Umsetzung des bestehenden Programms
innerhalb von Griechenland überwachen soll, auf die sich seine Äußerungen bezogen
hätten. Meines Erachtens zeigt der griechische Finanzminister in dem Interview auch, dass die Nerven ziemlich blank liegen.
Dabei betonen griechische Regierungsvertreter immer wieder, dass sie keine unilateralen
Schritte unternehmen wollen. Allerdings scheinen sie darunter etwas anderes zu
verstehen als die Vertreter der EU und der anderen Mitgliedsstaaten. Die griechische
Regierung ist der Ansicht, dass das bestehende Abkommen zwischen Griechenland und
der EU gescheitert ist und nicht mehr länger umgesetzt werden soll. Sie fühlen sich auf
Grund des Wählervotums und des offensichtlichen Scheiterns dazu berechtigt, dieses
Abkommen aufzukündigen. Insofern ist es auch konsequent, dass die griechische
Regierung erklärt, auf die Auszahlung der letzten noch offenen Tranche aus dem
Programm zu verzichten. Mit dem Verzicht auf unilaterale Maßnahmen meinen sie
anscheinend, dass sie keine einseitigen Schritte bei der Einstellung des Schuldendienstes
unternehmen wollen, ohne sich darüber vorher mit ihren Gläubigern geeinigt zu haben.
Die Troika sieht das alles naturgemäß ganz anders und hält schon die Aufkündigung des
bestehenden Programms und die Rückgängigmachung der Maßnahmen für einen
unilateralen Schritt. Darüber konnte sie wohl noch einigermaßen hinwegsehen, so lange
es bei Ankündigungen blieb, die man als EU nicht offiziell zur Kenntnis nehmen musste.
Allerdings scheint es eine ganz andere Sache zu sein, wenn man so etwas in Anwesenheit
des Chefs der Eurogruppe verkündet. Dann zwingt man ihn nämlich zu einer Reaktion.
Insofern ist vielleicht erklärbar, warum eine Äußerung, die Politiker der neuen Regierung in
den letzten Tagen durchaus häufiger von sich gegeben hatten, am Freitag zu solch einer
Aufregung geführt hat.
Über das, was sich die beiden Finanzminister bei der Verabschiedung in Athen gesagt
haben, gibt es mittlerweile zwei unterschiedliche Versionen, wie z.B. Protothema berichtet.
Die einen, Syriza nahestehenden, sprechen von ‚You just killed the troika‘, andere von
’This was a huge mistake‘ (http://en.protothema.gr/dijsselbloem-says-geen-to-intlconference-on-greek-debt/).
Mittlerweile scheint hinter den Kulissen eine rege Diplomatie
zur Schadensbegrenzung eingesetzt zu haben. Der griechische Finanzminister will eine
für Montag geplante Reise nach Paris vorziehen, wo er seinen französischen
Amtskollegen treffen will. Dort sollen wohl Nachrichten produziert werden, die bis Montag
früh die Märkte beruhigen. Am Montag soll es dann, was eigentlich erst für Dienstag
geplant war, weiter nach London gehen, wo nicht nur ein Treffen mit dem britischen
Kollegen auf dem Programm steht, sondern auch mit Bankern aus der City
(http://en.protothema.gr/brussels-varoufakis-sapin-meeting-speeds-up/). Unterdessen
scheint es, wie ebenfalls Protothema berichtet, auch eine rege Telefondiplomatie zu
geben, bei der Tsipras mit EU-Parlamentspräsident Schulz, EZB-Chef Draghi (was nichts
gutes für die Liquidität des griechischen Bankensystems verheißt) und Eurogruppenchef
Dijsselbloem in Kontakt steht (http://en.protothema.gr/tsipras-in-fervent-ongoingconsultations/).
Die griechische Regierung sieht sich dabei anscheinend parallel mit zwei Problemen
konfrontiert. Das eine ist die Möglichkeit eines Bankruns, der sich spätestens dann
ereignen kann, wenn die Kontobesitzer das Gefühl haben, dass sich die griechische
Regierung mit ihren Gläubigern nicht einigen kann und die EZB bzw. die griechische
Zentralbank die Liquiditätsversorgung der griechischen Banken mit Euro einstellt. Eine
zentrale Rolle kommt dabei der griechischen und der europäischen Zentralbank zu, in
deren Macht es liegt, die griechischen Banken mit ausreichender Liquidität zu versorgen.
Das andere Problem ist, dass ihr selbst das Geld ausgehen könnte. Das kann früher
passieren als zu Beginn angenommen, denn die alte Regierung hatte noch einmal tief in
die Kasse gegriffen, insbesondere mit Frühpensionierungen, bevor sie abgetreten war. In
beiden Fällen wird die neue griechische Regierung das Problem wohl nicht alleine lösen
können, sondern ist auf Hilfe von außen angewiesen. Außerdem hat die Regierung bereits
angekündigt, dass sie weiter Kredite auf dem Kapitalmarkt aufnehmen will. Dabei handelt
es sich um kurzfristige Kredite mit einer Laufzeit von wenigen Monaten, wie sie auch
schon die Vorgängerregierung aufgenommen hatte. Allerdings stehen auch da Probleme
ins Haus, denn dazu müssten sich erst mal Kreditgeber finden.
Eine potentielle Quelle für solch einen Kredit könnte theoretisch Moskau sein. Allerdings
könnte die griechische Regierung dann wohl ihre Pläne, sich auf vernünftige Art und
Weise mit ihren Gläubigern zu einigen, erst einmal begraben. Peking hat man wohl mit dem
Stopp des griechischen Privatisierungsprogramms auch gegen sich aufgebracht. China hat
bereits im großen Stil im Hafen von Piräus investiert und würde gerne weiter zukaufen
(http://german.cri.cn/3071/2015/01/29/1s229782.htm . Wer das oben verlinkte Interview von
Varoufakis mit der BBC ganz anhört, wird auch dort feststellen, dass hier bereits
zurück gerudert wird).
Ein ganz anderer, wenn auch nicht sehr wahrscheinlicher weißer Ritter könnte aus einer
Richtung kommen, die die Linke traditionell eher nicht im Blick hat, Teile von Syriza aber
anscheinend schon: Die City of London oder die Wallstreet. Jedenfalls scheint sich Syriza
auch dort um Gehör zu bemühen. Bereits im November war Giorgos Stathakis, der jetzt
griechischer Wirtschaftsminister ist, in London, um sich mit Bankern und Fondsmanagern
zu treffen (http://www.thetoc.gr/eng/politics/article/city-bankers-to-meet-top-syrizaeconomist-
behind-closed-doors). Glaubt man einer Mail, die danach zirkulierte, muss der
Eindruck, den er dabei hinterlassen hat, allerdings verheerend gewesen sein (‚Das ist ja
schlimmer als Kommunismus, die hatten wenigstens noch einen in sich logischen Plan.‘
(http://klauskastner.blogspot.de/2014/11/supreme-nonsense-from-syrizas-economic.html , http://www.ft.com/intl/cms/s/0/aabd4b42-7c9d-11e4-9a86-
00144feabdc0.html#axzz3QS6SiENi)). Für Montag ist, wie bereits geschrieben, ein
Besuch des griechischen Finanzministers in der City of London geplant.
Bei all dem darf nicht vergessen werden, dass sich die Auseinandersetzung um
Griechenland vor sehr tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Eurozone
über den Umgang mit der aktuellen Krise abspielt. Während man in der deutschen
Bundesregierung zu der Ansicht neigt, die Schlimmste der Eurokrise sei eigentlich
ausgestanden, wird anderswo die wohl eher realistische Ansicht vertreten, dass genau das
Gegenteil der Fall ist. Angesichts eines Bond-Aufkaufprogramms von mehr als 1 Billion
Euro und der hektischen Abkoppelung des Schweizer Frankens vom Euro gleicht die Sicht
der Bundesregierung einer Realitätsverweigerung. Was derzeit in der Eurozone mit dem
Bond-Aufkaufprogramm der EZB passiert, lässt sich mit einem Haus vergleichen, in dem
durch die Hausordnung dem Ausbruch von Bränden damit vorgebeugt werden soll, dass
man verbietet, Brände zu löschen frei nach dem Motto, wer weiß, dass nicht gelöscht wird,
der zündet auch nichts an. Jetzt, wo es in immer mehr Wohnungen doch brennt und
löschen verboten ist, erklärt man einfach, man würde keine Brände löschen, sondern
Fenster putzen. Und damit das alles nicht so auffällt, behandelt man alle Wohnungen
gleich, egal ob sie in Flammen stehen oder nicht, mit dem Erfolg, dass insgesamt zwar
eine Menge Wasser verschwendet wird, viele Wohnungen, in denen es gar nicht brennt,
völlig sinnlos unter Wasser gesetzt werden und da, wo es brennt, nicht genug Wasser
hinkommt, obwohl eigentlich genug verspritzt wird.
Dabei steht bei einem Scheitern der griechischen Regierung viel mehr auf dem Spiel als
nur das Schicksal Griechenlands. Zum einen geht es um die Zukunft der EU und zwar
nicht nur darum, ob sie als solche bestehen bleibt, sondern auch nach welchen Regeln sie
funktioniert, nach demokratischen oder despotischen. Der Kampf um Demokratie war
schon immer auf engste verknüpft mit dem Kampf gegen Überschuldung, ob im antiken
Griechenland, wo die Reformen Solons als eine der Geburtsstunden der Demokratie
galten (http://de.wikipedia.org/wiki/Solon#Beseitigung_der_Schuldsklaverei) oder während
der französischen Revolution (http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-
68812741.html). Übertragen auf die EU heißt das, ob die Beziehungen zwischen ihren
Mitgliedsstaaten sich weiter wie die eines neokolonialen Systems entwickeln oder wieder
zu einer Union mehr oder weniger gleichberechtigter Mitgliedsstaaten. Und was für die
Staaten im großen Maßstab gilt, gilt dabei auch für jeden einzelnen Bürger im kleinen.
Gelten in Europa zukünftig für Jeden unveräußerliche Grundrechte, wie sie seit der
französischen Revolution immer wieder als Menschenrechte und europäische Werte
gefeiert wurden, zu denen im 21. Jahrhundert auch entsprechende soziale Rechte
gehören sollten, wie eine menschenwürdige Unterkunft, ausreichend gesunde Nahrung
und eine Gesundheitsversorgung? Oder werden, weiter dem aktuellen Trend folgend,
immer mehr Menschen aus den sozialen Systemen herausfallen und auf sich allein
gestellt sein, wie es die Troika in Griechenland in den letzten Jahren vorexerziert hat.
Leider scheint die Linke in Europa nicht besonders gut aufgestellt zu sein, um die
Herausforderungen zu meistern, vor der sie jetzt steht. Es kam allerdings immer wieder
vor, dass die, die solche Herausforderungen meistern mussten, an ihnen gewachsen sind.
Bleibt zu hoffen, dass das auch diesmal der Fall ist und zwar nicht nur in Griechenland,
sondern in ganz Europa, inklusive Deutschland. Denn wenn sich nicht auch bald bei uns in
Deutschland mehr rührt, dann bleibt wahrscheinlich eine historische Chance für ein
menschlicheres Europa, die vielleicht sobald nicht wieder kommt, ungenutzt. Und diese
Chance besteht, auch wenn die reale Politik von Syriza für viele, die sich mehr erhoffen, als Syriza angesichts der realen Machtverhältnisse in Europa einzulösen vermag, noch zu so mancher Enttäuschung führen kann.

(Stephan Lindner ist u.a. bei attac aktiv)

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Drei aktuelle Beiträge

Drei aktuelle Beiträge zum Thema:

Der von Manolis Glezos in seinem Interview mit Harald Neuber (siehe unten) erwähnte „Zeit“-Artikel“ vom September 1995 mit der Überschrift „Ein Unrecht muß gesühnt werden“ findet sich hier: http://www.zeit.de/1995/40/Ein_Unrecht_muss_gesuehnt_werden

„Spiegel online“ (Spon) vom 2. Februar 2015

Griechische Forderung nach Entschädigung: Der Bankraub der Nazis

Von

In Athen kursieren Gedankenspiele, deutsche Schulden aus dem Jahr 1942 zurückzufordern. Doch nicht nur in Griechenland, überall in Europa haben die Finanzexperten der Nazis mit perfiden Methoden besetzte Staaten ausgeplündert.

1942 vergab die griechische Nationalbank eine Anleihe an das Deutsche Reich. 476 Millionen Reichsmark, die Deutschland nie zurückgezahlt hat. Immer mal wieder, und besonders seit in Griechenland die neue Regierung unter Alexis Tsipras an der Macht ist, kursiert in Athen die Idee: Könnte man das Geld nicht zurückfordern, so das Loch im griechischen Staatshaushalt stopfen und zugleich den unbeliebten Deutschen eins auswischen?

Der wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat den Wert der Anleihe inklusive Zinsen 2012 mit 8,25 Milliarden Dollar veranschlagt. Ein griechisches Regierungsgutachten kommt auf elf Milliarden. Diese Größenordnung würde reichen, um Tsipras zumindest eine Atempause zu verschaffen.

Die Bundesregierung vertritt jedoch den Standpunkt, alle Ansprüche Griechenlands auf Kriegsreparationen seien abgegolten oder erloschen, spätestens seit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990. Wirklich eindeutig ist die Rechtslage zwar nicht, aber gegen den Willen der Bundesregierung wird Tsipras zumindest kurzfristig nicht an das Geld kommen. Sein Haushaltsloch muss er anders stopfen.

Doch die Debatte wirft ein Schlaglicht auf ein wenig bekanntes Kapitel der Nazi-Geschichte. Dass Deutschland die im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebiete mit unfassbarer Brutalität ausplünderte, darüber weiß inzwischen fast jeder Bescheid.

Doch neben Verschleppung, Zwangsarbeit, Enteignung und millionenfachem Hungertod gab es noch eine subtilere Raubpolitik der Nazis: Die Geld- und Finanzpolitik des Deutschen Reichs war systematisch darauf ausgerichtet, sich bei den Finanzministerien und Notenbanken der besetzten Staaten zu bedienen – und nebenbei deren Währungen zu ruinieren.

Die wichtigsten Instrumente bei diesen Weiße-Kragen-Verbrechen der Nazis waren:

Forts.: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechische-reparationsforderungen-wie-die-nazis-europa-pluenderten-a-1016178.html
„Frankfurter Rundschau“ (FR) vom  31. Januar 2015
Griechenland
Schuld und Schulden

 Von 

Die Griechen pochen auf eine Wiedergutmachung für das im Zweiten Weltkrieg erlittene Unrecht. Deutschland muss endlich nach einer fairen Lösung suchen.

Einer der ersten Wege des neuen griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras führte ihn zum Mahnmal für die Opfer der deutschen Besatzung in Kaisariani, einem Vorort von Athen. Ein symbolischer Akt, der aber neben der moralischen auch eine handfeste materielle Botschaft aussendet. Die neue griechische Regierung wird die Frage der Wiedergutmachung für das im Zweiten Weltkrieg erlittene Unrecht gegenüber Deutschland zur Sprache bringen.

Es geht dabei um Schuld für die an der griechischen Bevölkerung begangenen Verbrechen, die heute immerhin nicht mehr wie einst verdrängt und bestritten wird. Es geht aber auch um Schulden. „Schluss mit den Höflichkeiten, Frau Merkel“, hatte Tsipras auf einer Wahlversammlung gesagt. „Wir schulden Ihnen, Sie schulden uns aber auch. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen.“

Die Stunde der Abrechnung. Das ist eine Sprache, die Deutschland in seinen internationalen Beziehungen gewöhnlich gut versteht, nicht im Sinne von Rache, sondern ganz nüchtern im Wortsinn: Die Bundesrepublik, vor allem natürlich ihre starke Exportwirtschaft, präsentiert Rechnungen für gelieferte Waren und geleistete Dienste. So ist auch der offizielle deutsche Blick auf Griechenland kühl: Das Land hat Schulden, die bezahlt werden müssen. Egal, wie. Punkt. Dass Deutschland an den ausgereichten Krediten auch verdient, wird selten erwähnt.

Was aber meint Tsipras, wenn er von deutschen Schulden gegenüber Griechenland spricht und nun eine eigene Rechnung präsentiert? Im Kern geht es um eine Zwangsanleihe in Höhe von 476 Millionen Reichsmark, die Deutschland dem besetzten Griechenland 1942 abgepresst und trotz schriftlicher Zusage nie zurückgezahlt hat. Es gibt verschiedene Berechnungen ihres heutigen Werts, er dürfte realistisch um die zehn Milliarden Euro liegen. Das Thema wird keineswegs allein von Tsipras und seiner Partei verfolgt.

Eine Frage der politischen Moral

Als Bundespräsident Joachim Gauck im vergangenen Jahr Griechenland einen Staatsbesuch abstattete, konfrontierte ihn auch der sozialdemokratische Staatspräsident Karolos Papoulias auf unerwartet massive Weise mit dieser Forderung. Der einstige Widerstandskämpfer appellierte an Deutschland, so schnell wie möglich Verhandlungen über Reparationen und über die Rückzahlung der Zwangsanleihe aufzunehmen. Es handele sich dabei auch um eine Frage der politischen Moral, sagte Papoulias. Es sei ein Widerspruch, „dass vom griechischen Volk gefordert wird, ohne Debatte schmerzhafte Auflagen und Verpflichtungen zu übernehmen, und Deutschland sich weigert, über seit dem Zweiten Weltkrieg ausstehende Verpflichtungen zu debattieren; die Verhandlung abzulehnen; eine internationale Streitentscheidung abzulehnen“.

Tsipras und seine Regierung werden diese Frage nun mit neuer Dringlichkeit und dem Mandat ihrer Wähler in die anstehenden Verhandlungen mit Deutschland und der Europäischen Union einbringen. Die Rechtslage ist nicht so eindeutig, wie die Bundesregierung behauptet.

Forts.: http://www.fr-online.de/leitartikel/griechenland-schuld-und-schulden,29607566,29713192.html

„Griechische Opfer der Wehrmacht werden nicht anerkannt“

Interview (dt./gr.) mit dem griechischen Volkshelden und SYRIZA-Politiker Manolis Glezos

25. Januar  2015

Der griechische Politiker und Widerstandskämpfer Manolis Glezos über die Verbrechen der Wehrmacht, die Haltung der deutschen Bundesregierung und die Wahlen an diesem Sonntag [25. Januar 2015] in Griechenland.

Der 92-jährige Manolis Glezos wurde auf der griechischen Insel Naxos geboren, er ist Europaabgeordneter der Linkspartei SYRIZA und derzeit ältestes Mitglied des Europaparlaments.

http://weltnetz.tv/video/614

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Aufruf von Gewerkschaftsspitzen und Promis: Griechenland nach der Wahl − Keine Gefahr, sondern eine Chance für Europa

greecelogoGriechenland nach der Wahl − Keine Gefahr, sondern eine Chance für Europa

Der politische Erdrutsch in Griechenland ist eine Chance nicht nur für dieses krisengeschüttelte Land, sondern auch dafür, die Wirtschafts- und Sozialpolitik der EU grundsätzlich zu überdenken und zu korrigieren.

Wir unterstreichen erneut die von Seiten der Gewerkschaften in den zurückliegenden Jahren vielfach geäußerte Kritik: Die entscheidenden Bedingungen, unter denen die finanziellen Hilfen für Griechenland gewährt werden, hatten von Anfang an nicht die Bezeichnung »Reform« verdient. Die Milliarden, die nach Griechenland geflossen sind, wurden vor allem für die Stabilisierung des Finanzsektors verwendet. Gleichzeitig wurde das Land mit einer brutalen Kürzungspolitik in die tiefste Rezession und damit zugleich in die höchste Staatsverschuldung der gesamten EU getrieben. Die Folge ist eine soziale und humanitäre Krise ohne Beispiel in Europa: Ein Drittel der Bevölkerung lebt in Armut, soziale Absicherungen wurden massiv geschwächt, der Mindestlohn um 22% gesenkt, das Tarifvertragssystem und andere Schutzrechte für noch Beschäftigte demontiert, und ausgerechnet die unteren Einkommensgruppen wurden zusätzlich steuerlich belastet. Die Arbeitslosigkeit liegt jetzt bei 27%, unter Jugendlichen sogar bei über 50%. Vielen Menschen fehlen ausreichende Mittel für Nahrung, Strom, Heizung und Wohnung. Ein großer Teil der Bevölkerung hat keine Krankenversicherung mehr und bekommt nur noch in Notfällen Zugang zu ärztlicher Versorgung. Das Wahlergebnis ist ein vernichtendes Urteil über diese verfehlte Politik.

Mit Reformen, die an den tatsächlichen Problemen Griechenlands ansetzen, hatte all dies nichts zu tun. Keines der strukturellen Probleme des Landes wurde gelöst, es wurden aber zusätzliche geschaffen. Es war eine Politik des Abbaus, nicht des Aufbaus. Wirkliche Strukturreformen, die diesen Namen verdienen, bahnen Wege zu neuen wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten des Landes, anstatt eine hochqualifizierte junge Generation ins Ausland zu vertreiben. Wirkliche Strukturreformen machen ernst mit der Bekämpfung von Steuerhinterziehung und Steuerflucht. Wirkliche Strukturreformen bekämpfen Klientelpolitik und Korruption bei öffentlichen Aufträgen. Die neue griechische Regierung ist herausgefordert, ihre eigenen Wiederaufbau- und Entwicklungsprojekte vorzulegen, die Teil eines »Europäischen Investitionsplanes« werden müssen, wie er seit langem von den Gewerkschaften gefordert wird, und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass derartige Projekte Früchte tragen können.

Mit der neuen griechischen Regierung muss ernsthaft und ohne Erpressungsversuche verhandelt werden, um dem Land eine wirtschaftliche und soziale Perspektive jenseits der gescheiterten Austeritätspolitik zu eröffnen. Dies gilt insbesondere für die mit der bisherigen, jetzt abgewählten Regierung vereinbarten zerstörerischen Auflagen, unter denen die internationalen Kredite bislang gewährt wurden. Europa darf nicht auf der Fortsetzung einer Politik zu Lasten der Bevölkerung beharren, die von der Mehrheit der Wählerinnen und Wähler unmissverständlich abgelehnt wird. Ein »Weiter so« darf es nicht geben!

Die Abwahl der für die bisherige Politik in Griechenland Verantwortlichen ist eine demokratische Entscheidung, die auf europäischer Ebene respektiert werden muss. Die neue Regierung braucht eine faire Chance. Wer jetzt die Fortsetzung des bisherigen, so genannten Reformkurses verlangt, spricht faktisch der griechischen Bevölkerung das Recht auf eine demokratisch legitimierte Neuorientierung der Politik in ihrem Land ab. Und wenn hinzugefügt wird, eine solche Neuorientierung sei allenfalls möglich, wenn Griechenland aus der Europäischen Währungsunion ausscheide, werden die europäischen Institutionen für unvereinbar mit demokratischen Entscheidungen in den Mitgliedsländern erklärt. So erhalten die erstarkenden nationalistischen Strömungen in Europa zusätzlichen Rückenwind.

Die vielfach beklagten, doch immer noch nicht überwundenen demokratischen Legitimationsdefizite auf europäischer Ebene dürfen nicht zusätzlich durch die Einschränkung der Demokratie in den Mitgliedsländern zementiert werden. Vielmehr muss, wie viele von uns 2012 in dem Aufruf »Europa neu begründen« hervorgehoben haben, die Demokratie auf EU-Ebene gestärkt werden, wenn dem europäischen Projekt neue Glaubwürdigkeit gegeben werden soll. Das europäische Projekt wird nicht durch Spardiktate gestärkt, sondern nur durch die demokratische Initiative von unten für wirtschaftlichen Wiederaufbau und mehr soziale Gerechtigkeit.

Diese Initiative muss jetzt im Interesse der Menschen in Griechenland unterstützt werden. Sie gibt zugleich neue Anstöße für einen politischen Kurswechsel in Europa. Der politische Umbruch in Griechenland muss zu einer Chance für ein demokratisches und soziales Europa gemacht werden!

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Frankreichs Finanzminister Sapin sagt Griechenland Unterstützung zu. Junker bereit, Troika abzuschaffen.

Griechenland darf auf Hilfe hoffen

Griechenland will laut Finanzminister Varoufakis bis Ende Mai auf internationales Geld verzichten. EU-Kommissionspräsident Juncker plant eine Alternative zur Troika.
zeit-online  1. Februar 2015  22:52 Uhr

Die Regierung in Paris hat der neuen griechischen Regierung Unterstützung bei der Suche nach einer Einigung mit den internationalen Partnern zugesagt. Der französische Finanzminister Michel Sapin sagte bei einem Treffen mit seinem griechischen Amtskollegen Yanis Varoufakis, es sei legitim, dass Griechenland wegen der Schuldenlast besorgt sei und sich um eine Erleichterung bemühe. Frankreich sei bereit, dabei zu helfen, die Schuldenlast der Griechen zu mindern.

Einen Schuldenerlass schloss Sapin aber aus. So sei eine spätere Rückzahlung der Schulden möglich, sagte Sapin. Griechenlands Platz sei in der Eurozone. Jede neue Vereinbarung mit der Regierung in Athen müsse berücksichtigen, in welchem Umfang sie zu Strukturreformen bereit sei. Wichtig seien die Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit und die Rückkehr zu Wachstum.
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Der griechische Finanzminister Varoufakis äußerte die Hoffnung, dass bis Ende Mai eine internationale Übereinkunft getroffen werden könne. Bis Ende Februar wolle er einen detaillierten Vorschlag vorbringen. Er betonte, man müsse erst für Wirtschaftswachstum sorgen und dann die Schulden zurückzahlen. Die Rückzahlung müsse an die Fähigkeit gekoppelt werden, wieder Wachstum zu erzielen.

Zugleich kündigte Varoufakis an, keine neuen Kredite aufnehmen zu wollen. Sein Land sei geradezu süchtig nach Verschuldung geworden, es sei Zeit für einen Entzug. „Wir wurden gewählt, um diese Sucht zu stoppen“, sagte der griechische Finanzminister.
Gespräche in Berlin angekündigt

Varoufakis teilte mit, er werde auch mit der Bundesregierung und der Europäischen Zentralbank (EZB) sprechen. Er würde dort gerne bald die Haltung seines Landes bei der Schuldenrückzahlung erklären. Ein Besuch bei Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sei essentiell, schon wegen der Bedeutung Deutschlands in Europa. Dem Finanzministerium liegt nach eigenen Angaben aber noch keine Besuchsanfrage vor.

Der griechische Premierminister Alexis Tsipras zeigte sich gegenüber der Nachrichtenseite Bloomberg optimistisch, eine Lösung zu finden. Trotz unterschiedlicher Perspektiven sei er zuversichtlich, bald eine für Europa und Griechenland zufriedenstellende Vereinbarung treffen zu können.
Juncker plant angeblich Ende der Troika

Wie das Handelsblatt berichtet, ist EU-Kommissionspräsident Juncker bereit, die Griechenland-Troika abzuschaffen. Die Dreier-Gruppe aus Vertretern der EZB, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU-Kommission solle nicht mehr nach Athen reisen. „Wir müssen jetzt schnell eine Alternative dafür finden“, hieß es laut Handelsblatt in Kreisen der EU-Kommission. Tsipras stattet dem EU-Kommissionschef am Mittwoch einen Antrittsbesuch ab.

Nach seinem Wahlsieg vor einer Woche hatte Tsipras gesagt, dass seine Regierung nicht mehr mit der Troika zusammenarbeiten werde. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz sagte der Welt am Sonntag, er habe Tsipras „nachdrücklich ans Herz gelegt, verbal abzurüsten“.

Griechenland wird seit 2010 von den Euro-Partnern und dem Internationalen Währungsfonds mit insgesamt 240 Milliarden Euro unterstützt. EU-Kommission, Internationaler Währungsfonds und Europäische Zentralbank haben ihre Unterstützung an Auflagen gebunden, wie die Privatisierung zahlreicher Staatsbetriebe. Die von der linken Syriza geführte Regierung in Athen lehnt jedoch die Sparauflagen ab. Auch das laufende Rettungsprogramm will sie nicht verlängern.

Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-02/griechenland-treffen-paris-varoufakis-sapin-frankreich

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Diethnistiki Ergatiki Aristera zu den „Aufgaben der Linken nach dem Sieg von SYRIZA“

Unten eine Erklärung der DEA (Diethnistiki Ergatiki Aristera – Internationalistische ArbeiterInnenlinke), die Teil der „Linken Plattform“ von SYRIZA ist.

Die Aufgaben der Linken nach dem Sieg von SYRIZA

Alexis Tsipras ist nun Ministerpräsident von Griechenland und steht damit an der Spitze einer Regierung, die nach dem Wahlsieg der Koalition der radikalen Linken, kurz SYRIZA, gebildet wurde. Diese Regierung hat eindeutig die Aufgabe, eine Abkehr von der Austeri­tätspolitik durchzuführen, die das Land in die Krise gestürzt hat. Teil dieser SYRIZA-geführ­ten Regierung ist aber auch eine rechte nationalistische Partei, die „Unabhängigen Grie­chen“, deren reaktionärer Gründer und Führungsfigur Verteidigungsminister ist.

Die Bekanntgabe eines Abkommens von Tsipras mit den „Unabhängigen Griechen“ kam bereits einen Tag nach der Wahl, bei der SYRIZA der zuvor regierenden Partei „Nea De­mokratia“ unter Antonis Samaras eine vernichtende Niederlage beigebracht hatte. Allerdings erreichte SYRIZA nicht die absolute Mehrheit der Sitze im Parlament. Die Vereinbarung von Tsipras mit den „Unabhängigen Griechen“ wurde von SYRIZA-Mitgliedern und internationa­len UnterstützerInnen gleichermaßen kritisiert – insbesondere seitens der Mitglieder der Lin­ken Plattform.

Nach der Vereidigung der neuen Regierung werden die ersten Bewährungsproben für Tsipras und seine neue Regierung nicht lange auf sich warten lassen. Wie werden sie es mit SYRIZAs Versprechen halten, die Memoranden aufzukündigen, die zwischen der soge­nannten Troika aus Europäischer Union, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfond mit der vorherigen griechischen Regierung unter der Führung von Samaras’ „Nea Demokratia“ und der Mitte-Links-Partei PASOK, jetzt unter Führung von Evangelos Venizelos, geschlossen wurden?

„Diethnistiki Ergatiki Aristera“ (DEA, Internationalistische ArbeiterInnenlinke) ist eine revolu­tionär-sozialistische Gruppierung in Griechenland, die 2004 an der Gründung von SYRIZA beteiligt war und die jetzt eine herausragende Rolle in dem „Red Network“ und der Linken Plattform innerhalb von SYRIZA spielt. Am 27. Januar gab DEA die nachfolgende Erklärung heraus, in der die Vereinbarung mit den „Unabhängigen Griechen“ und die Fragen kommen­tiert werden, vor denen SYRIZA nun steht. (Redaktion Socialist Worker, Chicago)

1. Die Niederlage der Koalitionsregierung von Antonis Samaras und Evangelos Venizelos in den Wah­len vom 25. Januar ist vor allem ein historischer politischer Sieg für die Kräfte des sozialen Wider­stands. Die ArbeiterInnenklasse und die Volksmassen haben seit dem Ausbruch der Krise und der Verabschiedung der Memoranden unaufhörlich Kämpfe gegen die Vereinbarungen geführt, die die griechische herrschende Klasse mit der Troika und den internationalen Gläubigern getroffen hat und mit denen eine brutale Austeritätspolitik durchgesetzt worden ist. Der Wahlsieg ist nicht zuletzt das Ergebnis der Generalstreiks, der Massendemonstrationen, der „Bewegung der Plätze“ und vieler wichtiger lokaler und bereichsspezifischer Kämpfe, die weitergegangen sind, nachdem die große Welle des Widerstands der Jahre 2010 bis 2012 zurückgegangen ist.

In dieser Zeit haben die Menschen, die an diesen Kämpfen an der Basis teilnahmen, jene Forderun­gen, Hoffnungen und Erwartungen zum Ausdruck gebracht, die bis heute lebendig geblieben sind. Im Zentrum aller Hoffnungen und Erwartungen steht die Forderung nach Abkehr und Rückgängigma­chen der Austeritätspolitik. Trotz aller Verleumdungen seitens der Mainstream-Medien haben die Menschen weiter daran festgehalten und ihre Hoffnungen darauf gerichtet, dass die Linke das durch­setzt. Das ist die Grundlage für den Wahlsieg von SYRIZA, der deutlicher ausgefallen ist, als viele er­wartet haben, und das ist auch die Grundlage dafür, dass die Zahl der Stimmen für die Griechische Kommunistische Partei (KKE) auf gleicher Höhe geblieben ist.

2. Der massive Ruck nach links, der sich in den Ergebnissen vom 25. Januar zeigt, gibt SYRIZA einen stärkeren politischen Schwung, als es in den 149 Parlamentssitzen zum Ausdruck kommt – knapp unterhalb der 151 Sitze, die für eine absolute Mehrheit im Parlament erforderlich sind.

Trotz der skandalösen Unterstützung durch nationale und internationale konservative Kräfte sank die „Nea Demokratia“ von Antonis Samaras auf 27,8 Prozent der Stimmen ab – was einen neuen Tief­punkt ihres Einflusses darstellt. „Nea Demokratia“ geht aus der Wahlauseinandersetzung politisch und strategisch zutiefst angeschlagen heraus. Die Differenzen zwischen dem rechten Populismus, mit seinem Schwerpunkt auf Rassismus und Nationalismus, und dem „sozialen Radikalismus“ der traditi­onellen rechten Mitte werden jetzt innerhalb von „Nea Demokratia“ unwiderruflich wieder hoch­kommen. Momentan ist unklar, ob es überhaupt eine gemeinsame politische Zukunft für die konser­vative Partei der Rechten gibt.

3. Bei der Entscheidung der SYRIZA-Führung, eine Koalitionsregierung mit den „Unabhängigen Grie­chen“ unter der Führung von Panos Kammenos [ANEL, einer populistischen rechten Partei, die natio­nalistische Positionen vertritt und sich gegen die Memoranden ausspricht] zu bilden, ist diese Dyna­mik unterschätzt worden. Dies war nicht die zwingend notwendige Antwort auf das Wahlergebnis und die damit entstandene Lage. Es gab in der Tat den Weg, das Parlament um ein „Tolerierungsvo­tum“ [bei dem Abgeordnete von anderen Parteien der Regierung Tsipras das Vertrauen ausgespro­chen oder sich enthalten hätten] auf der Grundlage der Verpflichtungen von Thessaloniki [wo Tsipras am 14. September 2014 einen „Wiederaufbauplan“ vorstellte und sagte, dies würden die ersten Maßnahmen einer künftigen Linksregierung sein] und des Programm der Gründungskonferenz von SYRIZA zu bitten.

Mit der Entscheidung des Parteitags von SYRIZA, der damit die SYRIZA-Gründungserklärung bekräftigt hat, ist die langjährige Ablehnung von politischen Bündnissen mit dem Mitte-Links-Lager wiederholt worden. Wir sind der Meinung, dass das auch (und noch weit mehr!) für Bündnisse mit Mitte-Rechts gilt.

Die „roten Linien“ von ANEL für die Bildung der Koalitionsregierung stehen im Widerspruch zur Stimmung eines großen Teils der SYRIZA-Mitglieder; auch werden sie als Transmissionsriemen wir­ken, über den das System Druck auf die Linksregierung ausüben wird.

Unter diesen Bedingungen gefährdet die Koalitionsvereinbarung mit ANEL das politische Projekt für eine Linksregierung mit einer Politik und einer Strategie des Übergangs.

4. Für die Mitglieder und UnterstützerInnen von Syriza, für die gesamte Linke, für AktivistInnen in den sozialen Bewegungen ist eine völlig neue Situation entstanden.

Die Umsetzung der Ankündigungen von Thessaloniki wird die erste „Etappe“ der neuen Regierung sein. Anhebung des Mindestlohns auf Vorkrisenniveau; Wiedereinführung der zusätzlichen Renten­zahlung für Arme [mit Bezügen von 700 Euro und weniger], die durch die Memoranden abgeschafft wurde; Wiederherstellung der Tarifverträge; Wiedereinführung des Freibetrags von 12 000 Euro bei der Einkommenssteuer und Abschaffung der Immobiliensteuer ENFIA [einer ausgesprochen un­gerechten Steuer auf Hausbesitz, selbst bei Leerstand, die von der Samaras-Regierung zunächst als Übergangsmaßnahme eingeführt, aber dann zur dauerhaften Regelung erklärt wurde] und Abschaf­fung der Sondersteuer auf Heizöl – all dies sollte eine erste starke Botschaft sein, dass die durch die Austerität verursachte Talfahrt beendet wird.

Mit der sozialen Bewegung an vorderster Front sollten wir den Weg zum Bruch mit der Austerität ein für alle Mal beschreiten. Damit alles eingefordert wird, was verloren gegangen ist! In diesem Sinn wird die Wiedereinstellung der entlassenen Beschäftigten der ERT [der öffentlichen Radio- und Fern­sehstation, die von der Regierung Samaras im Juni 2013 auf autoritäre Art und Weise geschlossen wurde], die Wiedereinstellung der Putzfrauen im Finanzministerium [die einen langen Kampf geführt haben, nachdem sie entlassen wurden und ihre Jobs an Werkvertragsfirmen vergeben wurde] und der anderen entlassenen Beschäftigten und der [für ein Jahr] „zur Verfügung“ [und danach entlasse­nen]gestellten Staatsbediensteten eine ebenso wichtige Botschaft aussenden – sowohl an die arbei­tenden Menschen auf unserer Seite und natürlich auch an die Gegenseite.

5. Unter diesen neuen Umständen hat SYRIZA als politische Partei eine durch nichts zu ersetzende Rolle. Die Handlungsfähigkeit der Parteigliederungen und der Mitglieder in ihren Basiseinheiten, eine kollektive Arbeitsweise der gewählten Gremien, die innerparteiliche Demokratie sind keine netten Zugaben, sondern eine Vorbedingung für den endgültigen Sieg von SYRIZA und für den endgültigen Sieg der gesamten Linken und unseres Volks.

Diethnistiki Ergatiki Aristera – Internationalistische ArbeiterInnenlinke

27. Januar 2015

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Der neue Chef des Geheimdienstes

Journalist to head Greece’s National Intelligence Service

Yiannis Roubatis, a journalist, was appointed chief of the National Intelligence Service (EYP) by Prime Minister Alexis Tsipras on Saturday.

Born in Ioannina, northwestern Greece in 1948, Roubatis holds a doctorate in international relations from the John Hopkins University.

He became a special adviser to Prime Minister Andreas Papandreou for global media following the latter’s rise to power in 1981, and served as government spokesman during the 1987-88 period.

He was elected to the European Parliament with socialist PASOK, serving as an MEP from 1994 to 1999.

In 1987, Roubatis published “Tangled Webs: US in Greece 1947-1967,” a book based on his PhD thesis in which he denounced American administrations and Greece’s postwar conservative parties for their cooperation with US secret services.

Quelle: http://www.ekathimerini.com/4dcgi/_w_articles_wsite1_1_31/01/2015_546746

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First we take Athens, then Madrid, then…

Zehntausende protestieren in Madrid gegen Sparpolitik

In Madrid sind Zehntausende Anhänger der spanischen Linkspartei Podemos aus Protest gegen die Sparpolitik der Regierung auf die Straße gegangen. Die Massen liefen bei dem „Marsch für Veränderung“ vom Cibeles-Brunnen zum Platz an der Puerta del Sol. Podemos ist eine Schwesterpartei des griechischen Linksbündnisses Syriza. Deren Erfolg bei der Wahl in Griechenland will Podemos im November bei den Parlamentswahlen in Spanien nacheifern.

„Die Zeit der Wende ist gekommen, das ist Demokratie“, sagte Parteiführer Pablo Iglesias auf der überfüllten Puerta del Sol. Unter dem Jubel seiner Anhänger warf der 36-jährige Politikprofessor der konservativen Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy vor, mit der Sparpolitik Elend zu schaffen. Die Teilnehmer skandierten „Ja, es ist möglich“ und hielten Plakate mit Slogans wie „Ticktack, Ticktack, die Stunde der Veränderung ist da“.

Die Anhänger wurden aus dem ganzen Land in die Hauptstadt gebracht, 260 Busse wurden laut Podemos gemietet. Hunderte Einwohner meldeten sich, um Demonstranten für die Nacht zu beherbergen.

Podemos liegt nach Umfragen in Führung

Podemos („Wir können“) hat sich vor fast einem Jahr gegründet, seit Mitte November ist die Bewegung formell eine Partei. Mittlerweile liegt die Linkspartei in einzelnen Umfragen für die im November 2015 anstehende spanische Parlamentswahl bereits in Führung vor Rajoys Volkspartei (PP) und den Sozialisten (PSOE). Bei der Europawahl im Mai 2014 hatte Podemos bereits 1,2 Millionen Stimmen (acht Prozent) bekommen und fünf Sitze in Straßburg errungen.

Nach dem Sieg der Linkspartei Syriza in Griechenland hofft auch Podemos in Spanien auf weiteren Zulauf. Während des Wahlkampfs in Griechenland unterstützte Iglesias den Syriza-Vorsitzenden Alexis Tsipras. Ebenso wie Syriza lehnt Podemos die Spar- und Reformpolitik strikt ab, zu der sich die Regierungen in Madrid und Athen im Gegenzug für Hilfen der internationalen Kreditgeber verpflichtet haben.

Spanien hat die Rezession zwar überwunden,und die Wirtschaft ist laut vorläufigen Daten im vergangenen Jahr um 1,4 Prozent gewachsen. Aber noch immer ist fast jeder Vierte arbeitslos. Besonders unter der Jugend hat die Arbeitslosigkeit dramatische Ausmaße angenommen. Die Löhne sind während der jahrelangen Krise zurückgegangen, während die Zahl der Angestellten mit gering bezahlten befristeten Verträgen stark gestiegen ist.

Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-01/spanien-podemos-madrid-syriza

 

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Stellungnahme des Blockupy-Bündnisses zur EZB – Was ist die Strategie der (noch) dominierenden Kreise in Europa?

Viel Lärm um nichts Neues – Stellungnahme des Blockupy-Bündnisses zum neuen Anleihekaufprogramm der EZB

Auch wenn die Aufregung in der bürgerlichen Presse und die Kritik von rechts einen anderen Eindruck erwecken wollen: Das neue Anleihenkaufprogramm der EZB bedeutet keine Kehrtwende in ihrer Politik. Seit dem Beginn der globalen Finan zund Wirtschaftskrise 2007 hat die EZB ihre Geldpolitik gelockert und mit immer neuen Maßnahmen Geld in das Bankensystem gepumpt, um die Krise zu entschärfen. Die Lösung der Krise war nie das Ziel, vielmehr geht es bei der Politik der EZB notwendigerweise nur um die Verwaltung des Ausnahmezustandes. Denn Fakt ist, dass die Krise mit den Mitteln der Geldpolitik nicht überwunden werden kann. Daran wird auch das neue Anleihenkaufprogramm nichts ändern. Der Einfluss der Geldpolitik auf die Entwicklung kapitalistischer Gesellschaften, ihre unheilbaren Widersprüche und Krisen ist ohnehin begrenzt. Im Fall der EZB zeigt sich das daran, dass ihre eigene Politik extrem widersprüchlich ist. Gemeinsam mit den europäischen Regierungen, der Europäischen Kommission und dem Internationalen Währungsfonds treibt die EZB jene Austeritätspolitik voran, die ihre geldpolitischen Maßnahmen zugleich konterkariert.

Die Sparpolitik verhindert öffentliche Investitionen; die Entlassungen im öffentlichen Dienst und die Lohnsenkungen vermindern die zahlungsfähige Nachfrage. Das Sozialprodukt in Griechenland ist dadurch in den letzten sechs Jahren um 25% geschrumpft. Aber die Austeritätspolitik ist nicht nur ein Problem für Griechenland – deutsche Kommunen sind von ihr genauso betroffen. Die deutsche „Schuldenbremse“ wurde mit dem Fiskalpakt europäisiert und verschärft, die deutsche Agenda 2010 ist heute Modell für die Arbeitsmarktreformen in Italien und anderen Ländern. Da die Kaufkraft der großen Mehrheit der Bevölkerung durch diese Politik gesenkt wird, sind Investitionen in die Produktion für den europäischen Binnenmarkt wenig profitabel. So ist es nicht verwunderlich, dass das von der EZB zur Verfügung gestellt Geld vorwiegend im Finanzsektor verbleibt und kaum von den Banken dazu genutzt wird, mehr Kredite an Unternehmen zu vergeben. Das zusätzliche Geld wird in existierende Wertpapiere und Immobilien gesteckt, deren Preise folglich steigen. Effekt dieser Politik ist, dass die Wohnungsnot in den großen Städten zunimmt, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden.

Unmittelbar nach der Parlamentswahl in Griechenland erwies sich die EZB erneut als Hardliner und lehnte die Teilnahme an einem Schuldenerlass ab: Sie verkündete, dass sie keiner Schuldenerleichterung zustimmen werde, bei der die griechischen Anleihen einbezogen werden, die bei der EZB liegen.

Warum hält die EZB so hartnäckig an einer Politik fest, die schon auf den ersten Blick irrational und zerstörerisch erscheint? Diese Politik soll erklärtermaßen den „Standort“ EU konkurrenzfähig machen und die globale Expansion der Konzerne aus den EULändern absichern. Durch Lohnsenkungen, den Abbau von Sozialleistungen und öffentlichen Dienstleistungen wird zu Gunsten der Kapitaleigner umverteilt, naturgemäß auf Kosten der Lohnabhängigen bzw. der großen Mehrheit der Bevölkerung in den EULändern. Dies ist der Sinn der von der EZB verfochtenen Austeritätspolitik. Durch ihre lockere Geldpolitik senkt die EZB zusätzlich den Kurs des Euro und fördert damit die exportorientierten Unternehmen in der Eurozone. Sie beteiligt sich somit an einem Abwertungswettlauf zwischen den verschiedenen „Standorten“, der am Ende nur zerstörerisch wirken kann. Nebenbei führt die Niedrigzinspolitik der EZB auch zu negativen Realzinsen und damit zur schleichenden Vermögensverlusten bei kleinen Sparern. Im Gegensatz zu diesen verfügen die großen Finanzinvestoren und Unternehmen über umfangreichere Handlungsmöglichkeiten, um ihre Vermögen gegen diesen schleichenden Wertverlust abzusichern. Das sind die Kollateralschäden des Versuchs der EZB, auf wirtschaftspolitischer Ebene die Widersprüche des europäischen Kapitalismus zu verwalten, um ihn am Laufen zu halten.

Die wütende Kritik von konservativer Seite in Deutschland an der Ankündigung der EZB bezieht sich daher auch nicht auf die Ziele der EZB-Politik, „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Währungsstabilität“. Der Streit dreht sich vielmehr nur um den richtigen Weg, um diese Ziele zu erreichen. Denn die konservativen Kritiker der EZB haben – gemeinsam mit den Rechtspopulisten der AfD – so sehr Angst, dass die Liquiditätsspritze für die Wirtschaft auch nur ein klein wenig „Reformdruck“ von den „faulen Südländern“ nehmen könnte, dass sie dafür sogar bereit sind, eine noch tiefere Krise zu riskieren. Die EZB will hingegen im Interesse des europäischen Gesamtkapitals nun ein wenig den Fuß vom Gas nehmen, damit nicht am Ende noch der ganze Austeritätszug entgleist. So oder so gilt: Die Bedürfnisse der Menschen spielen weder auf der einen noch auf der anderen Seite eine Rolle, sie müssen weiterhin gegen die Technokraten der EZB und der Bundesregierung und gegen ihre rechtspopulistische Konkurrenz durchgesetzt werden. Wenn wir hier auf die inneren Widersprüche der herrschenden Politik hinweisen, dann also nicht deshalb, weil es uns darum geht, uns den Kopf über die hausgemachten Probleme von Staat und Kapital zu zerbrechen. Unser Maßstab sind die Bedürfnisse der Menschen, nicht ihre Verwertung: Millionen in Griechenland und andernorts brauchen wieder Zugang zu ausreichenden Lebensmitteln und zur Gesundheitsversorgung, bezahlbaren Wohnraum, Anschluss ans Stromnetz und ein Einkommen, von dem sie leben können. Darum geht es. Wenn jetzt auch der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofs die Rechtmäßigkeit der Teilnahme der EZB an der Troika in Frage stellt, Vertreter der Europäischen Kommission einen neuen Schuldenschnitt für Griechenland in Erwägung ziehen – oder eben die EZB das nächste Anleihekaufprogramm auflegt, dann sollten wir uns davon aber nicht verwirren lassen. Es zeigt lediglich, dass die ökonomische Krise immer mehr zur politischen Krise wird, dass immer größere Teile der Bevölkerung in der EU nicht mehr bereit sind, die Politik der Regierungen und der Troika hinzunehmen, dass die Risse im Beton des Krisenregimes breiter werden. Es drohen jetzt einerseits nationalistische, rassistische und faschistische Krisenlösungen. Andererseits besteht eine echte Chance, dass es demokratischen Kräften gelingt, den rechten Rollback zu stoppen und grenzübergreifend mit der autoritären Krisenpolitik der EZB zu brechen. Deswegen kommt es nun auf uns an. Griechenland ist gegenwärtig das schwächste Glied in der Kette. Wir werden am 18.3. in Frankfurt unseren Teil dazu beitragen, diese Kette zu zerreißen.

Quelle: https://blockupy.org/4602/viel-larm-um-nichts-neues-stellungnahme-des-blockupy-bundnisses-zum-neuen-anleihekaufprogramm-der-ezb/

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„geltungssüchtigen Gernegroß-Gestalten wie Alexis Tsipras“ – der böseste Kommentar

[Deutsch Welle]

Kommentar: Griechenland läuft Amok

Athen geht auf Kollisionskurs, und das schneller als man in Brüssel erwartet hatte. Jetzt gilt es, schnell Gegenstrategien zu entwickeln, bevor Griechenlands Chaostruppe ganz Europa mit sich reißt, meint Barbara Wesel.

Ein paar Tage lang wurde in Brüssel gerätselt, ob und wie man mit der neuen griechischen Regierung ins Geschäft käme. Jetzt ist die Antwort aus Athen da und heißt: Überhaupt nicht! Finanzminister Yanis Varoufakis will nicht mehr reden mit der sogenannten Troika, die aus Europäischer Union, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds besteht. Das ist so, als würde man kurz entschlossen nicht mehr mit der Bank sprechen, die einem einen großen Kredit gegeben hat. Und zwar deshalb, weil man Banken, das internationale Finanzsystem und überhaupt die globale Wirtschaft für eine Schweinerei hält. Das zu glauben, ist niemandem verwehrt. Nur wird man dann die Konsequenzen tragen müssen: Es kommt kein Geld mehr in die Kasse.

Wer mit seinen Gläubigern nicht redet, geht bankrott

Es ist die Troika, die Gruppe der drei Geldgeber, die über weitere Zahlungen entscheidet. Und sie kann gar nicht anders, als die rund sieben Milliarden Euro, die Ende Februar noch aus dem letzten Hilfspaket fließen sollten, zu stornieren. Die wollen wir auch gar nicht mehr, sagt Athen dazu bockig. Allerdings werden im Februar und März schon rund elf Milliarden fällig, die Griechenland für Refinanzierungen, Zinsen etc. aufbringen muss. Will das Land aufhören, seine finanziellen Verpflichtungen zu erfüllen? Außerdem: Wirft Athen die Troika vom Hof, wird wohl die Europäische Zentralbank die griechischen Banken nicht mehr mit Liquidität versorgen. Das bedeutet: Es kommt kein Geld mehr aus dem Bankautomaten. Darüber hatte Regierungschef Alexis Tsipras noch gespottet und behauptet, keinesfalls wolle er sein Land in so ein Chaos zu führen. Das böse Erwachen für seine Bürger könnte allerdings ziemlich schnell kommen.

Barbara Wesel<br />
(Foto: DW) Barbara Wesel, DW-Korrespondentin in Brüssel

Nun könnte man über die Chaostruppe in Athen einfach lachen, wäre nicht das erklärte Ziel von Tsipras und Konsorten, die gesamte EU mit in ihren Strudel zu reißen. Deren Reisepläne sprechen da Bände: London, Rom und Paris stehen auf der Besuchsliste, weil man da auf Unterstützung hofft . Um Berlin macht Tsipras einen großen Bogen. Deutschland sei nur ein Land unter anderen, ätzt der griechische Ministerpräsident. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat das Nötige dazu bereits gesagt: Wir drängen den Griechen kein Geld auf. Wenn sie nicht mit uns reden wollen, dann eben nicht.

Tsipras will die EU spalten

Doch nun versucht Tsipras Italiener und Franzosen gegen Berlin in Stellung zu bringen. Außerdem sucht er Hilfe auch in London, wo die Meinung vorherrscht, Deutschland solle die Eurozone mit Geld fluten, um schnell Wachstum zu erzeugen. Die Briten allerdings müssen für diese Schulden nicht gerade sehen und sollten an dem Punkt den Mund halten. Und in Rom und Paris mag man zwar prinzipiell der Meinung sein, die EU solle einfach mehr Geld ausgeben, dann werde alles gut. Dort würde man sicherlich gerne den Stabilitätspakt noch weiter aufweichen. Einen Schuldenschnitt werden aber auch Italiener und Franzosen ablehnen. Nicht nur Deutschland müsste dann für 50 und 60 Milliarden Euro gerade stehen, auch Italiener und Franzosen müssten bluten.

Was die neue Regierung in Athen will, ist im Prinzip eine Schuldenkonferenz, auf der Griechenland ein Großteil der Schulden erlassen wird – so wie Deutschland nach dem Zweiten Krieg. Aber die Situation ist historisch nicht vergleichbar. Außerdem, Freunde und Genossen in Hellas, seid ihr nicht Opfer von Erdbeben, Bürgerkrieg oder Wirbelstürmen, sondern eurer eigenen korrupten und kleptokratischen Eliten. Niemand ist Schuld außer ihr selbst! Die Banken haben euch leichtfertig Geld geliehen. Das ist wahr. Aber keiner hat euch dazu gezwungen, es zu nehmen und damit über eure Verhältnisse zu leben. Hört auf, euch in der Opferrolle zu suhlen.

Die griechische Regierung kann gerne versuchen, mit der europäischen Union seine Spielchen zu treiben. Man wird sehen, wie weit sie damit kommt. Der Internationale Währungsfonds in Washington lässt sich von geltungssüchtigen Gernegroß-Gestalten wie Alexis Tsipras und seinen haltlosen Forderungen nicht beeindrucken. Man darf viel Spaß wünschen mit seiner Chefin Christine Lagarde.

Der „Grexit“ kann eine Option sein

Und schließlich: Man kann ja glauben, dass Frechheit siegt. Man kann ja auch besoffen sein von seiner neuen Macht und die Hände in die Hosentaschen stecken, wenn man einen seiner europäischen Kollegen verabschiedet. Aber man kann nicht die Leute, mit denen man letztlich am Verhandlungstisch sitzen wird, und sei es um den Staatsbankrott und den Austritt Griechenlands aus der EU zu verhandeln, pausenlos beleidigen. Angela Merkel muss sich nicht mit Hitler vergleichen lassen und Wolfgang Schäuble hat nichts mit einem vierten Reich zu tun.

Tsipras und seine Leute ersetzen Vernunft und Realitätssinn durch Unverschämtheit und schlechte Manieren. Die EU sollte sehr schnell über Mechanismen nachdenken, wie man der Abrisstruppe in Athen vielleicht den „Grexit“ möglich machen kann, bevor sie ganz Europa mit sich reißt. Reisende soll man nämlich nicht aufhalten, vor allem diese Sorte nicht.

Quelle: http://www.dw.de/streit-zwischen-eurogruppe-und-athen/a-18226721

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Niels Kadritzke zu den „Unabhängigen Hellenen“ und zur Koalitionsregierung

Nachdenkseiten
Die linke Syriza und die rechten „Unabhängigen Hellenen“, ein taktisches Bündnis
Verantwortlich: Wolfgang Lieb

Das Wahlergebnis vom 25. Januar ist klarer ausgefallen, als es die meisten Beobachter erwartet haben. Dieses Votum hat selbst die meisten Syriza-Wähler überrascht, und wahrscheinlich auch die Parteiführung. Was es bedeutet – auch für Europa – wird sich erst erweisen müssen, wenn die neue Regierung mit den EU-Partnern, der EZB und dem IWF über die Bedingungen – samt dem Kleingedruckten – eines neuen Vertrags mit dem Schuldnerland Griechenland verhandelt. Zu den Aussichten einer substantiellen Reduzierung der griechischen Schuldenlast, die die Tsipras-Regierung anstrebt, lässt sich derzeit noch wenig sagen – außer, dass zu einer Einigung stets zwei Parteien gehören. Die griechische Seite hat gerade in den letzten Wahlkampftagen außerordentlich zurückhaltende, maßvolle und realistische Töne angeschlagen. Das gilt auch für die letzte Pressekonferenz von Alexis Tsipras, auf der er einen bemerkenswerten Akzent setzte. Er sprach von der historischen Aufgabe der Syriza, die Zukunft des Landes zu gestalten. Der 25. Januar biete der griechischen Linken diese Chance „zum ersten Mal“ – um fast beiläufig hinzuzufügen: „oder zum letzten Mal“. Tsipras und seine Mannschaft sind sich offensichtlich sehr wohl bewusst, dass die eigentliche Bewährungsprobe für die erste linke Regierung noch bevorsteht. Und dass es auch schief gehen kann, mit weitreichenden Folgen nicht nur für die Syriza, sondern für die gesamte Gesellschaft. Von Niels Kadritzke

Maria Maragonis schreibt am Ende ihrer klugen Analyse des griechischen Wahlergebnisses in der linken US-Zeitung „The Nation“ (am 27. Januar auf den NDS unter Hinweise des Tages, Text 2 e): „Über den möglichen Preis eines Scheiterns nachzudenken – das hält man kaum aus. Denn für die Linke könnte dies für lange Zeit die letzte Chance sein, und nicht nur für Griechenland. Am Eingang eines Wahllokals in einem vorwiegend linken Athener Viertel traf ich einen Chrysi Avgi-Anhänger, der mir erklärte: „Wir wollen, dass Syriza gewinnt, sodass man sieht, sie sind nackt; und dann werden die Leute zu uns überlaufen. Wir wollen drittstärkste Partei werden, sodass wir im Parlament stark vertreten sind.“

Diese Drohung sollte man nicht unterschätzen. Die griechischen Neonazis sind tatsächlich drittstärkste Partei geworden. Aber Maria Maragonis geht auch auf ein aktuelle Frage ein, die alle Sympathisanten der Syriza beschäftigt oder beschäftigen sollte. Da die Syriza die absolute Mehrheit der Parlamentsmandate knapp verfehlt hat, musste sie eine Koalitionsregierung bilden. Tsipras hat es vorgezogen, sich auf einen höchst umstrittenen Bündnispartner einzulassen: die Rechtspopulisten um Panos Kammenos, dessen Partei Anel (Anexartiti Ellines oder: Unabhängige Hellenen) im Parlament mit 13 Abgeordneten vertreten ist, sodass die Regierung Tsipras/Kammenos mit 162 Stimmen eine relativ komfortable Mehrheit besitzt.

Die „Unabhängigen Hellenen“, ein Partner oder ein Handicap?

Für die meisten griechischen Linken sind die „Unabhängigen Hellenen“ im Grunde ein völlig undiskutabler Partner, schreibt Maria Maragonis: „Einmal abgesehen von ihren zutiefst abstoßenden Meinungen, könnten sie die Syriza in einer ganzen Reihe von Fragen blockieren, etwa was die Rechte der Frauen und der Homosexuellen betrifft, aber auch das Problem der Immigration und die maßlose Macht der Orthodoxen Kirche.“

Diese Bedenken sind meines Erachtens berechtigt. Und ich muss an dieser Stelle gestehen, dass die Koalitionsentscheidung der Syriza mich nicht nur überrascht, sondern auch schockiert hat. In meinen Einschätzungen war ich letztlich davon ausgegangen, dass Tsipras und die Linkspartei sich niemals mit einem solchen politischen Bettgenossen einlassen werden. Zum mindesten hätte ich im Fall eines Versuches mit heftigen Protesten von der Parteibasis gerechnet.

Dass auch dies (noch) nicht geschieht, zwingt mich natürlich, über die Grenzen meiner Kompetenz als „Griechenland-Versteher“ zu reflektieren. Offensichtlich hält die politische Kultur dieses Landes auch für jemanden, der vieles gelernt und durchschaut zu haben glaubt, immer wieder heftige Überraschungen bereit. Die ist in diesem Fall umso bitterer, als mich die FAZ bzw. deren (in Istanbul ansässiger) Griechenland-Korrespondent Michael Martens darüber belehrt, dass die Syriza in der Anel schon immer den „bevorzugten Koalitionspartner“ sah. Mit dem Einzug der Anel ins Parlament, schrieb Martens am 26. Januar, sei für Tsipras das Bündnis mit Kammenos automatisch besiegelt gewesen.

Das erklärt zumindest die optische Täuschung, der ich offenbar erlegen bin: Da die Anel bis kurz vor den Wahlen laut Umfragen an der 3-Prozent-Hürde zu scheitern schien, wurde in der Syriza über diese Koalitionsvariante praktisch nicht mehr diskutiert. Das war der Parteiführung durchaus recht. Denn der war die innerparteiliche Brisanz dieser Frage natürlich stets klar, und sie beschwor die Wahrscheinlichkeit einer absoluten Mehrheit auch deshalb so heftig, weil damit die K-Frage von der Tagesordnung abgesetzt war.

So viel zu subjektiven Fehleinschätzungen und optischen Täuschungen. Viel wichtiger sind natürlich zwei substantielle Fragen:

Wer ist Panos Kammenos und wie sieht das politische Profil des rechten „Mehrheitsbeschaffers“ der ersten griechischen Linksregierung aus?
Wie ist die Entscheidung von Tsipras für eine derart „unorthodoxe“ Allianz zu erklären?

Die erste Frage ist leichter zu beantworten als die zweite. Wer Kammenos ist (also die Anel, die nicht viel mehr als Kammenos ist) lässt sich anhand seiner politischen Karriere, seiner Ansichten und vor allem seinen Ambitionen zeigen. Was die Motive von Tsipras und seiner Umgebung betrifft, möchte ich darüber aus der Ferne nicht spekulieren. Ich habe deshalb einige meiner vertrauten und erfahrenen „Gewährsleute“ in Griechenland befragt und eine Reihe unterschiedlicher Interpretationen erhalten, die ich im zweiten Teil darstellen, aber nicht weiter kommentieren werde.

Warum wurde die Lösung Kammeno vorgezogen?

Vorweg allerdings einige Informationen über den Ablauf der Entscheidung, die für die Bewertung der Koalitionsfrage nicht unwichtig sind:

Nach einer sehr zuverlässigen Quelle hat die engere Syriza-Führung die „Option Kammenos“ stets als bevorzugte Lösung der Koalitionsfrage gesehen, auch wenn man darüber nie offen gesprochen hat. Sobald feststand, dass die absolute Parlamentsmehrheit nicht erreicht war, trat diese Option in Kraft. So konnte ein privater TV-Sender schon knapp nach Mitternacht des Wahltags melden, dass es eine Koalition Syrza-Anel geben wird.
Tsipras durfte sich sicher sein, dass die blitzschnelle Entscheidung für eine Koalition mit den Rechtspopulisten keine offene Kontroverse auslösen würde. Die Begeisterung der Parteibasis und der Syriza-Anhänger über das unerwartet gute Wahlergebnis (36, 5 Prozent der Wählerstimmen, 8,5 Prozent Vorsprung vor der ND, 4 Prozent mehr als ND und Pasok zusammen) war so groß, dass man sich die Stimmung nicht durch Streitereien vermiesen lassen wollte.
Tsipras konnte es sich leisten, Sondierungsverhandlungen mit anderen potentiellen Koalitionspartnern gar nicht erst aufzunehmen. Der Termin mit Kammenos am Montag Vormittag war der einzige, der vor Tsipras‘ Aufwartung bei Staatspräsident Papoulias angesetzt war, also vor dem offiziellen Auftrag zur Regierungsbildung. Die Parteiführung hat damit auf ein Prozedere verzichtet, das in Ländern, in denen Koalitionsregierungen zur politischen Kultur dazu gehören, völlig selbstverständlich ist: Die stärkste Partei führt Sondierungsgespräche mit allen denkbaren Partnern und entscheidet danach, welcher Koalition sie den Vorzug gibt.
Kammenos hat schon vor seinem morgendlichen Gespräch mit Tsipras im Parlaments-Café verkündet, eine Koalition mit der Syriza sei bereits im Sack. Als ganz ungewöhnlich – und befremdlich – wurde in Athen verzeichnet, dass es Tsipras seinem Juniorpartner Kammenos überließ, den Vollzug zu melden. Denn der Anel-Chef durfte am Ende seines Gesprächs mit Tsipras im Syriza-Hauptquartier triumphierend verkünden, „dass es von diesem Augenblick an eine Regierung gibt“. Der Syriza-Vorsitzende trat dagegen nicht vor die wartenden Journalisten, was darauf hindeutet, dass er sich in Situation nicht ganz behaglich vorkam.
Offenbar hat die Syriza es Kammenos überlassen, sich für ein Regierungsamt seiner Wahl zu entscheiden. Der Anel-Vorsitzende hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er sich das Verteidigungsressort wünscht und zutraut (mehr dazu weiter unten). Aber Tsipras hätte Kammenos diesen Wunschposten durchaus verwehren können. Damit hätte er sowohl die Ambitionen des Rechtspopulisten in die Schranken gewiesen, als auch einen möglichen Konfliktherd eingedämmt. Denn ein gestandener Nationalist wie Kammenos wird der Versuchung kaum widerstehen können, als Verteidigungsminister eine Art Neben-Außenpolitik zu betreiben.

Eine bezeichnende Episode

Ehe ich versuche, ein politisches Porträt von Kammenos zu zeichnen, muss eine Episode geschildert werden, die exemplarisch aufzeigt, welches Konfliktpotential die neue Athener Koalition enthält. Die gestrige Vereidigung des Kabinetts verzögerte sich um über eine Stunde, weil im letzten Moment eine Personalfrage „entschärft“ werden musste. In der Fraktionssitzung der Anel hatte Kammenos verkündet, welche Repräsentanten der Partei welche Regierungsposten bekommen würden. Unter den Namen war der von Nikos Nikopoulos (dem unbestätigten Berichten zufolge die Zuständigkeit für religiöse Angelegenheiten zufallen sollten). Nikopoulos ist ein christlicher Eiferer, der sich unter anderem den Kampf gegen die Einführung der „Schwulenehe“ auf die Fahne geschrieben hat. Berühmt wurde er mit einem Twitter-Eintrag, als er das Foto des schwulen luxemburgischen Ministerpräsidenten mit der Unterzeile versah: „Vom Europa der Vaterländer zum Europa der Schwuchteln!“ Der Name des homophoben Kandidaten, den Kammenos vorzeitig veröffentlicht hatte, führte blitzschnell zu einem Proteststurm in den „sozialen Medien“. Als die Berater von Tsipras ihren Chef darüber informierten, musste der die Reißleine ziehen. Tsipras forderte Kammenos auf, einen anderen Kandidaten zu benennen, was dann auch geschah.

Diese Episode zeigt zum einen, wie leichtfertig – aber auch dumm – Kammenos die Öffentlichkeit über angebliche Erfolge informiert, bevor die Brötchen gebacken sind. Sie zeigt aber auch, dass die Syriza-Führung die Wachsamkeit ihrer Gefolgschaft unterschätzt hat, die über die „unkeusche“ Koalition mit den Nationalisten von der Anel höchst beunruhigt ist. Und ich glaube zurecht, wenn man sich die Partei und die Person des Panos Kammenos genauer ansieht. Im folgenden stelle ich eine Reihe von Informationen zusammen, die in Griechenland allgemein bekannt sind (Kammenos kam auch in meinen Berichten häufiger vor, man findet diese Hinweise, wenn man im Suchkasten der NDS den Namen eingibt).

Panos Kammenos und seine “Unabhängigen Hellenen”

Der Verteidigungsminister der Syriza-Regierung ist in Griechenland seit jeher eine kontroverse Figur. Seine politische Karriere begann auf dem rechten christlich-patriotischen Flügel der Nea Dimokratia. 1993 wurde er, nur 28 Jahre alt, ins Parlament gewählt, dem er seitdem angehört. Danach gab er lange nur das enfant terrible, profilierte sich gar als Politclown und Krawallmacher. 2007 wurde er von Kostas Karamanlis erstmals in die Regierung berufen: zum Junior-Minister im Schifffahrtsministerium. Der Bruch mit der ND, der ihm einen gewissen Respekt einbrachte, kam mit dem Einschwenken seiner Partei auf die Troika-Politik. Im Frühjahr 2012 gründete Kammenos – zusammen mit zehn ND-Dissidenten der Fraktion – seine eigene Partei. Das politische start-up-Unternehmen namens Anel erreichte bei den Doppelwahlen im Mai und Juni 2012 auf Anhieb 10, 6 bzw. 7,5 der Wählerstimmen, womit sie mit 33, dann 20 Sitzen im Parlament vertreten war.

Programmatisch zielten die Unabhängigen Hellenen auf die Wähler, denen die Neonazis des Chrysi Avgi zu militant, zu ordinär und mit ihrem Nazi-Kult zu unpatriotisch sind, die aber – terminologisch ganz ähnlich wie die extreme Rechte – der ND und Samaras vorwerfen, mit ihrer „Memorandums-Politik das Vaterland verraten und an die quasi-Besatzungsmacht der Troika ausgeliefert zu haben. Darüber hinaus repräsentieren Kammenos und die Anel einige klassische Positionen und Ziele der Rechtsextremisten, wenn auch in weniger wüster Sprache und vor allem ohne physische Gewalt. Wobei Kammenos verbal manchmal ziemlich weit geht. So hat er etwa öffentlich dazu aufgefordert, jenen nordgriechischen Bürgermeister zu „lynchen“, der einem kanadischen Konzern die Lizenz für umweltzerstörende Goldförderung erteilt hatte.

Hier nun einige der programmatischen Forderungen der Anel, die politisch an entsprechende Positionen rechtspopulistischer Parteien (wie AfD oder den Front National) erinnern, zugleich aber ein sehr eigenes – sozusagen griechisch-orthodoxes – Aroma haben, das ohne die Geschichte des Rechtsradikalismus der Nachkriegszeit (einschließlich der Junta-Periode) nicht zu erfassen ist.

Eine rigorose Abschiebungspolitik gegen Migranten und Flüchtlinge;
Entschiedenen Widerstand gegen die Trennung von Kirche und Staat, um die „orthodoxe“ Identität der griechischen Nation zu wahren;
Misstrauen gegen Angehörige anderer Religionen, insbesondere gegen die muslimisch-türkische Minderheit in Thrazien, aber auch gegen die griechischen Juden, verbunden mit demagogischen Sprüchen: Noch kürzlich behauptete Kammenos im Fernsehen, „die Juden“ müssten in Griechenland keine Steuern zahlen (wobei typisch ist, dass der Anel-Chef solche widerlegbaren Behauptungen niemals korrigiert!)
Heftige Abwehrreflexe gegen andere Minderheiten und homophobe Tendenzen, die Kammenos persönlich mit dummdreisten Sprüchen über den früheren deutschen Außenminister dokumentierte.
eine patriotisch-orthodoxe Außenpolitik, die auf Bündnisse mit Völkern gemeinsamen Glaubens wie Serbien und vor allem Russland setzt.

Was diese „christlich-orthodoxe Außenpolitik“ betrifft, so macht Kammenos allerdings eine Ausnahme, die für alle griechischen Chauvinisten typisch ist: Gegenüber den ebenfalls orthodoxen Slawomazedonieren vertritt er eine völlig unnachgiebige Position, indem er dem Nachbarstaat jegliches Recht auf einen Staatsnamen bestreitet, der das Wort „Mazedonien“ enthält. Mit einer solchen Position würde sich Griechenland in der EU wie in der ganzen Welt vollends total isolieren. Auf der anderen Seite entwickelt Kammenos weit ausgreifende weltpolitische Phantasien, die Griechenland seinen verdienten Platz im globalen Machtgefüge verschaffen sollen. Zum Beispiel fordert er, dass China die „neue Seidenstraße“ bis Griechenland ausbauen soll (was immer das heißt).

Und auch für das griechische Schuldenproblem sieht er die Lösung eher auf weltpolitischer Ebene. Im griechischen Parlament enthüllte er im Dezember 2014 folgende Idee: „Statt unser Öl und unser Erdgas durch unsere Gläubiger beschlagnahmen zu lassen, wie sie das vor haben, müssen wir heute mit Russland und den USA verhandeln, damit uns erlaubt ist, Staatspapiere aufzulegen, die gegen künftige Profite aus unseren Bodenschätzen verrechnet werden. Damit werden wir zu einer vollständigen Tilgung unserer Schuldenlast voranschreiten.“ Dass die sagenhaften griechischen Gas- und Ölvorkommen noch ihrer Entdeckung harren – von einer profitablen Ausbeutung ganz zu schweigen – ist für Kammenos Zukunftspläne eher unerheblich. Von Details und möglichen praktischen Hindernissen, die seinen grandiosen Ideen entgegen stehen, lässt sich ein patriotischer Generalist wie Kammenos nicht irritieren.

Was die europäische Politik betrifft, so bekennt sich Kammenos zum „Europa der Vaterländer“, das er als Gegenmodell zum Europa der Bankenherrschaft und des deutschen Neokolonialismus sieht. Nur in einem solchen Europa kann Griechenland seine Souveränität wahren und sich gegen alle realen und imaginären Feinde zur Wehr setzen. Deshalb sitzt der einzige „Unabhängige Hellene“, der die Anel im Europa-Parlament vertritt, auch in der Fraktion der EU-kritischen Europäischen Konservativen und Reformisten (EKR), zusammen mit der polnischen PiS und der deutschen AfD. Wobei die Anel innerhalb der ERK auf dem äußersten rechten Flügel steht und deshalb beste Kontakte zu der EU-feindlichen britischen UKIP-Partei unterhält. Mit UKIP-Chef Farage sich Kammenos noch Anfang November letzten Jahres in London zu dem gemeinsamen Bekenntnis: “Europa muss seine Kultur und sein christliche Erbe schützen.“

Wie allerdings dieses Europa der Vaterländer mit der Solidarität vereinbar sein soll, die der ärmere Süden gegenüber dem reicheren Norden einfordert – zum Beispiel in Form eines Schuldenschnitts – verrät Kammenos den Griechen nicht. Und die Frage, wie weit es mit der Souveränität eines überschuldeten Landes her ist, das ohne europäische Solidarität den internationalen Finanzmärkten schutzlos ausgeliefert sein wird, eine solche stellt sich Kammenos gar nicht. Als Gegner jeder weiteren europäischen Integration stellt er sich automatisch gegen alle Entwicklungen in Richtung einer Union, die zum Beispiel eine einheitliche Steuerpolitik oder gemeinsame Eurobonds bringen könnte.

Für eine gemeinsame „europäische“ Steuerpolitik hat der Unternehmer-Spross Kammenos schon deshalb nichts übrig, weil er in wirtschaftspolitischer Hinsicht ein harter Neoliberaler ist. Er fordert, im Einklang mit der Nea Dimokratia eine massive Senkung der Unternehmens- und Gewinnsteuern, womit er Investoren auch aus dem Ausland anziehen will. Zum Beispiel ist er ein ausgesprochener Befürworter des chinesischen Engagements im Hafen von Piräus, das von der Syriza wegen der harten Lohnpolitik der Chinesen höchst umstritten ist.

Kammenos und seine Verschwörungen

Jenseits seiner ideologischen Positionen, die mit dem Ausdruck „Rechtspopulist“ eher verharmlost werden, hat Kammenos eine Schwäche, die ihn prinzipiell zu einem schwierigen Partner macht. Er setzt zu viele neue Ideen in die Welt, um deren Realitätsgehalt er sich anschließend nicht mehr viel kümmert. In England würde man ihn eine „loose canon“ nennen, also eine unberechenbare Figur. Auf ganz besondere Weise sich Kammenos auch als „Verschwörungstheoretiker“ profiliert, für den das Wort „Theoretiker“ allerdings zu hoch gegriffen ist, weil er sich schlicht zu häufig verspekuliert.

Kammenos begann seine politische Karriere mit einem Buch, das nachweisen sollte, dass die linksradikale Terrororganisation „17. November“ aus Kreisen der Pasok gesteuert wurde. Das Buch enthielt haarsträubenden Unsinn, der sich spätestens mit dem Prozess gegen Mitglieder des 17. November als solcher erwiesen hat. Eine Entschuldigung von Kammenos für die falschen Anschuldigungen erfolgte nie. Vielmehr hat er fälschlicherweise behauptet, er habe lediglich „Material” zusammengestellt – ohne allerdings zu sagen, woher ihm das Material zugespielt wurde. Kenner der Materie haben keine Zweifel, dass Kammenos sein Buch in enger Kooperation mit den griechischen Geheimdienstkreisen verfasst hat, die auf die Pasok und vor allem auf die Familie Papandreou angesetzt waren.

Auch nach dieser Jugendsünde (das Buch erschien 1993) blieb die Papandreou-Familie für Kammenos das bevorzugte Objekt seiner politischen Obsessionen. 2011 setzte er die „Theorie“ in die Welt, Andreas Papandreou, der jüngere Bruder Andres des damaligen Pasok-Regierungschefs, habe persönlich von einem staatlichen „Creditswap“-Geschäft profitiert und die Gewinne auf einem Schweizer Konto gebunkert. Andreas Papandreou klagte gegen diese Diffamierung, die sich als völlig haltlos erwies. Das Gericht verurteilte Kammenos zur Zahlung von 30 000 Euro.

Der Ertappte zahlte, reagierte aber auf eine Weise, die für versierte Verschwörungsspekulanten typisch ist: Statt sich für seinen Irrtum zu entschuldigen, setzte er die nächste Verschwörungsvariante in die Welt: Regierungschef Giorgos Papandreou habe ihm die falschen Informationen bewusst zugespielt, um ihm eine Falle zu stellen. Selbst wenn diese ebenso so abenteuerliche wie unbeweisbare Behauptung stimmen sollte, müsste er sich natürlich fragen, woran es liegt, dass er in diese Falle tappen konnte. Aber solche Fragen sind einem Mann wie Kammenos wesensfremd.

Eine feindliche Falle behauptete der Verteidigungsminister der Regierung Tsipras auch in einem für Kammenos sehr peinlichen Vorfall, der aus heutiger Sicht weitaus gravierender ist. Es handelt sich um einen nicht unterzeichneten Brief (in der griechischen Presse damals non-paper“ genannt), den Kammenos an Staatspräsident Papoulias geschrieben haben soll. Der Brief enthielt den Vorschlag, die Anel könne der kurz zuvor gebildeten Regierung Samaras beitreten, wenn man Kammenos den Posten des Verteidigungsministers anbieten würde.

In der Anel-Fraktion führte dieses „non-paper“ zu einem kleinen Aufstand gegen Kammenos, weil die Partei ihren Wahlkampf mit der Parole bestritten hatte, man werde niemals in eine „Regierung der Troika“ eintreten. Kammenos wusste sich nicht anders zu helfen, als zu behaupten, das non-paper sei eine Fälschung. Das war nicht nur eine dreiste Ausrede, sondern ein unerhörter indirekter Angriff auf Präsident Papoulias, dem er damit die Mitwirkung an einer „Verschwörung“ unterstellte. Papoulias reagierte mit der Erklärung, das Papier sei authentisch. Als daraufhin ein Anel-Abgeordneter den Rücktritt von Kammenos forderte, wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Die Klage auf Verleumdung, die der Anel-Vorsitzende damals gegen den Dissidenten ankündigte, ist bis heute bei keinem griechischen Gericht eingetroffen. Deshalb zweifelt kaum jemand daran, dass Kammenos damals bereit war, die Grundpositionen seiner Partei für den Posten des Verteidigungsministers in einer „Regierung der Verräter“ einzutauschen.

Diese Episode zeigt nicht nur, dass Kammenos nicht geneigt ist, Fehler einzugestehen und auf ehrliche Weise zu korrigieren. Sie zeigt vor allem, auf welchen Regierungsbereich der Ehrgeiz des „patriotischen“ Anel-Vorsitzenden schon immer gerichtet war. Könnte dies damit zu tun haben, dass Kammenos in früheren Jahren für die französische Rüstungslobby tätig war. Das ist pure Spekulation, auf dem Niveau von Kammenos eigenen Verschwörungsphantasien. Mit Sicherheit wird der neue Minister sein Amt im griechischen „Pentagon“ mit „sauberen Händen“ praktizieren; und um jedes Gerücht im Keim zu ersticken, hat Tsipras darauf bestanden, dass für den Bereich der „Rüstungsbeschaffung“ ein eigener Unterminister zuständig ist, den die Syriza nominiert hat.

Dennoch stellt sich die Frage, warum die Syriza bereit war, einem ausgewiesenen Rechtsnationalisten wie Kammenos das überaus wichtige Amt des Verteidigungsministers zu überlassen. Die schlichteste Antwort würde lauten: Wenn man sich mit der Anel einlässt, muss man dem Koalitionspartner zugestehen, sich den einzigen Ministerposten, den man ihm anbietet, auch selbst auszusuchen. Aber diese Antwort kann nicht ganz überzeugen. Auf keinen Fall hätte die Syriza etwa den Posten des Finanz- oder des Wirtschaftsministers einem „Unabhängigen Griechen“ überlassen. Und der eingangs geschilderte Fall des Anel-Kandidaten Nikolopoulos zeigt, dass die Syriza es sich leisten kann, die Anel auch in Personalfragen in die Schranken zu weisen.

Unterschiedliche Anworten auf eine wichtige Frage

Ich habe die Frage, warum die Syriza mit der Anel und nicht mit der Partei „To Potami“ koaliert, mehreren Freunden und Kollegen vorgelegt. Dabei fragte ich nach der plausibelsten rationalen und der besten irrationalen Erklärung. Die Antworten sind unterschiedlich, ergänzen sich aber in gewisser Weise. In der Regel spiegeln sie eine ironische bis resignierte Distanz, versuchen aber doch eine realistische Erklärung zu bieten. Sie enthalten auch einen Gutteil begründeter Spekulation, aber mehr ist im Moment nicht zu kriegen.

Es gibt allerdings ein hartes Faktum, das den Antworten zugrunde liegt: Es gibt offenbar eine Art „Koalitionsvertrag“ zwischen Tsipras und Kammenos, über den die Kathimerini vom 26. Januar unter Berufung auf „Quellen der Unabhängigen Griechen“ berichtet hat. Demnach habe die Anel zugestimmt, das Wirtschaftsprogramm der Syriza mitzutragen, das Tsipras im September 2014 in Thessaloniki verkündet hatte. Dafür habe der neue Regierungschef zugesagt, „nicht mit Änderungen auf Gebieten vorzupreschen, bei denen die Kammenos-Partei Einwände hat“. Diese Zusage beziehe sich vor allem auf außenpolitische Themen wie einem Abkommen mit Mazedonien (also der FYROM, wie sie offiziell heißt) über einen zusammengesetzten Namen, mit dem Kammenos nicht einverstanden ist (in Gespräch ist ein Name wie Ober-Mazedonien, der für griechische Nationalisten schon einen Verrat darstellt). Zudem habe Syriza zugstanden, keinerlei Pläne für die Trennung von Kirche und Staat voranzutreiben.

In diesem Bericht, der sehr plausibel klingt, wird ein höchst knapper Koalitionsvertrag beschrieben, der eher einem Nichtangriffspakt ähnelt. Dieser Charakterisierung entspricht auch die Einschätzung, die aus den meisten der jetzt darstellten Antworten herauszufiltern ist. Denn alle Befragten sehen in der Koalition Syriza-Anel nur eine taktische Konstellation und kein strategisches Bündnis. Und sie stellen den äußeren Zwang in Rechnung, dass die Syriza sehr schnell eine Regierung bilden musste, schon um nach außen zu signalisieren, dass es nicht zu einer zweiten Parlamentswahl kommen wird.

Antwort 1: Für die Syriza hat die Frage der Schuldenregelung absolute Priorität. Eine Lösung muss innerhalb weniger Monate (spätestens bis Juli) gefunden werden, dem allein dient das Bündnis mit Kammenos, mit dem einzig in dieser Frage eine Art Einigung besteht. Die Syriza kalkuliere für diese Koalition maximal ein Jahr; danach werde man sehen, wie es um andere Koalitionsmöglichkeiten steht – oder vielleicht Neuwahlen anstreben. Die Kammenos-Partei sei in dieser zentralen Frage einfach berechenbarer und einfacher zu behandeln. Mit Potami hätte man vielleicht komplizierte Verhandlungen führen müssen, für die auch die von der Verfassung vorgesehenen drei Tage kaum ausgereicht hätten. Fazit: Man wollte unbedingt ganz schnell eine Regierung bilden, was nur mit Kammenos möglich war.

Antwort 2: In den Verhandlungen mit der EU und dem IWF braucht die Syriza eine möglichst geschlossene Front. Man glaubt, maximale Forderungen stellen zu müssen, um einen möglichst günstigen Deal herauszuschlagen (was die Bedingungen einer Schuldenreduktion betrifft). Mit der Potami-Partei und deren Vorsitzenden Theodorakis hätte man sich darauf einlassen müssen, schon in den Koalitionsverhandlungen die eigene Position zu „verwässern“. Diese Gefahr besteht bei Kammenos nicht, der eher noch härtere Forderungen als die Syriza-Ökonomen vertritt.

Antwort 3: Was die Innenpolitik betrifft, so bereitet sich die Syriza auf einen großen Konflikt mit den „Oligarchen“ vor, denen man vor allem ihre Machtpositionen in den Medien bestreiten will. Dazu muss man wissen, dass die großen Fernsehsender fast alle hoch verschuldet sind, und dass die Regierung Samaras in einem ihrer letzten Gesetze den privaten TV-Sendern erneut ein großes Geschenk gemacht hat, das sie vor dem Bankrott bewahren soll (sie müssen für ein weiteres Jahr die Mehrwertsteuern nicht abführen, die sie von ihren Werbekunden kassieren). Das Problem mit Theodorakis wäre gewesen, dass viele Linke diesen als „Produkt“ eben dieser privaten Medien sehen. In der Tat war der Potami-Chef im Wahlkampf der Darling von Sendern, die ihn als Alternative zur Pasok aufbauen wollten. Man konnte sich also nicht sicher sein, wie Theodorakis sich bei einem Konflikt mit den „Medien-Oligarchen“ verhalten würde.

Antwort 4: Das Hauptziel von Tsipras sei, die Troika so hart wie möglich zu bedrängen, um zumindestens einen Teil seiner Forderungen durchzubringen. Dies glaubt er nur mit eine Partner tun zu können, der nicht schon vor vornherein sagt, dass er „nur“ einen Kompromiss will. Bei Potami hätte er seine Forderungen schon reduzieren müssen, ehe er überhaupt in Brüssel, Frankurt und Berlin antritt. Bei Kammenos kann er sich sicher sein: Wenn der das Verteidigungsministerium kriegt, was sein ganzer Ehrgeiz ist, hat er sein Spielzeug und wird sich nicht in die Syriza-Verhandlungsstrategie einmischen.

Im Übrigen sei der Syriza eine „rechte Präsenz“ in der Regierung durchaus willkommen, um Polizei und Armee einigermaßen still zu stellen. Und dass Tsipras auf die Syriza-Pläne zur Trennung von Staat und Kirche oder zur Schwulenehe verzichtet, wird ihm gar nicht unlieb sein, da diese Forderungen nach wie vor noch nicht mehrheitsfähig seien. Diese Themen sind eher „heiße Eisen“, die man jetzt erst mal abkühlen lassen will. Der Preis, den man Kammenos zahlen muss, sei also durchaus annehmbar.

Antwort 5: Die Anel ist eine Partei im Abstieg (von 10, 6 Prozent im Mai 2012 auf nur noch 4,8 Prozent bei diesen Wahlen). Sie ist also keine ernstzunehmende Konkurrenz, im Gegensatz zu To Potami, die eine neue Kraft mit noch unerforschtem Potential ist. In einer Koalition mit Potami hätte man ständig mit Profilierungs-Rivalitäten rechnen müssen, zumal deren medienerfahrener Chef Stavros Theodorakis ebenfalls eine gewisse Ausstrahlung auf ein größeres Publikum hat.

Antwort 6: Tsipras und andere Syriza-Leute haben dieselbe falsche Idee wie Kammenos: dass Griechenland das Zentrum der Welt sei, und dass man erreichen kann, was man will, wenn man nur laut genug danach schreit. Tsipras ist Produkt eines linken Systems, das bis jetzt nur Forderungen aufgestellt hat, ohne die Konfronation mit der Realität zu riskieren. Kammenos dagegen ist der Sohn eines reichen Unternehmers, der ihn in die Politik geschickt hat, und der dann schnell merkte, dass man mit Populismus eine Karriere machen kann. Beide haben also noch nicht die Erfahrung gemacht, dass es in der realen Welt immer um Kompromisse geht. Im Übrigen bestehen ähnliche Illusionen in allen griechischen Parteien, also auch bei Potami, Pasok und Nea Dimokratia.

Soweit meine kleine Meinungsumfrage. Eine Interpretation sollte sich jeder Leser zumuten. Ich sehe aber einen großen gemeinsamen Nenner: Es handelt sich um ein rein taktisches Bündnis mit dem Ziel, einen möglichst günstigen Kompromiss in den Verhandlungen um die „griechische Rettung“ herauszuholen. Die Frage stellt sich allerdings, ob man das mit einem Verbündeten erreichen kann, der die Verhandlungspartner als „Besatzungsmacht“ beschimpft.

Ich würde das bezweifeln. Aber das ist natürlich ein sehr vorläufiger Befund.

Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=24781

Veröffentlicht unter Niels Kadritzkes Analysen, Syriza-Regierung | Hinterlasse einen Kommentar