Es gibt keine Minderheiten in Griechenland

[auf dem Schild: „zum Abhang“ auf wallachisch]; Bild: Yorgos KonstantinouImagistan

Von Yorgos Konstantinou

Das ist eine oft gehörte Behauptung im Land. Hier halten sich alle für ethnisch griechisch, Nachfahren des antiken Hellas und wer das Gegenteil behauptet, wird vom Mainstream als Verräter gestempelt.
Es gibt gewiss nur eine, die offiziell als muslimische Minderheit anerkannte, in Thrazien. Aber diese Muslime dürfen sich selbst niemals als Türken bezeichnen. In Griechenland gibt es ja offiziell keine ethnischen Minderheiten, und in Thrazien ist nur eine religiöse Minderheit anerkannt.

100 Jahre nach dem kriminellen Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei ist ethnische, religiöse und sprachliche Homogenität immer noch das erstrebte Ziel. Auch wenn die neuen Verfassungen der meisten Balkanstaaten Minderheiten anerkennen und mehrere Sprachen offiziell anerkennen, bleibt Griechenland immer noch stur in der alten monokulturellen Politik verankert.

Für die, die sich Arvaniten nennen, für mazedonisch sprechende, oder Roma Menschen, für Wallachen, oder Pontos Griechen gibt es weder eine staatliche Anerkennung als Volksgruppen, noch eine Anerkennung ihrer Sprachen.
Seit Gründung des griechischen Staates werden ihre Sprachen von der Erziehung, dem staatlichen Fernsehen und den Kulturinstitutionen systematisch ferngehalten.

Nach der offiziellen staatlichen Politik soll in Griechenland nur eine Sprache gesprochen werden. Alle anderen Sprachen werden bewusst verdrängt. Ein Kommitee aus Kirche, Universität, Militär und Politik hat über Jahrzehnte systematisch Ortsnamensänderungen diktiert, und somit wurde Fremdsprachlichkeit fast flächendeckend aus der Geographie des Landes eliminiert. Menschen mit „ungriechisch“ klingenden Namen mussten eine hellenische Variation ihres Namen adoptieren. Teils mit Verboten, mit Gewalt, mit Bedrohungen und Repressalien wurde Anderssprachigkeit unter Druck gesetzt – deren Sprachräume sind in 100 Jahren extrem geschrumpft.

Das westeuropäisch kolonialistisch geprägte Zerrbild Griechenlands, als Geburtsort einer angeblich weißen europäischen Hochkultur und die phantasierte ununterbrochene Kontinuität von der Antike bis zum heutigen Tage prägen den Staat und die Identität seiner Bürgerinnen.
Nicht nur rechtsextreme Nationalisten sehen sich gerne als Teil der größten aller Nationen und Sprecher der Mutter aller Sprachen. Wer will schon so eine großartige Identität verneinen, und auf so eine tolle Vergangenheit verzichten?
Klar gibt es in Griechenland keine Minderheiten. Sondern nur stolze Griechen.

Ihr wusstet nicht, dass griechisch die Mutter aller Sprachen ist? Und dass es sogar einen internationalen Konsens darüber gibt?
Wer und wie das wohl behauptet hat?
Unsere geliebte Panhellenische Föderation der vlachischen Kulturvereine.
In einem sagenhaften „Internationalen Wissenschaftlichen (!!!) Kongress“ an der Aristoteles-Universität von Thessaloniki, wo abgesehen von Ankündigungen über den „dorischen Ursprung der Vlachen“ (Vortrag von Gregorios Papathomas, Bischof von Peristeri), der Beschluss gefasst wurde, daß die „Vlachen-Frage“ endgültig gelöst sei, daß es keine Vlachen sondern nur „vlachofone Griechen“ gäbe, und dass wenn jemand etwas anderes sage, „der Zusammenhalt der Nation untergraben“ werde.

Sowas ist leider nichts neues, sondern wird immer wieder seit Jahrzehnten behauptet, mit einer erstaunlichen Schamlosigkeit und Arroganz. Dieses mal durfte die Pseudo-Wissenschaftlichkeit sogar mit staatlicher Unterstützung unter der Schirmherrschaft des griechischen Parlaments glänzen.
Die Föderation wallachischer Kulturvereine (POPSV), beharrte seit Jahren auf der Position, dass es keine walachische Sprache gibt. Es gibt höchstens „wallachische Idiome“ die aber nur mündlich existieren, und daher ist jeder Versuch, sie zu schreiben oder in der Erziehung einzubeziehen unwissenschaftlich und verräterisch. Bei diesem letzten Kongress wurde es zum ersten Mal offiziell akzeptiert, dass man wallachisch doch schreiben darf aber sowas darf nur mit dem griechischen Alphabet passieren. Daß wallachisch eine romanische Sprache ist, dass die gesamte akademische Bibliographie zum Walachischen die lateinische Schrift benutzt, dass es für mehrere Laute dieser Sprache keine griechischen Buchstaben gibt, scheint egal zu sein.
Hier ist ein Auszug aus der Pressemitteilung der Panhellenischen Föderation der Vlachischen Kulturvereine:
„Jeder Versuch, eine andere Schreibweise durch das lateinische oder rumänische Alphabet für die vlachische Sprache zu definieren, wird vom vlachischen Hellenismus abgelehnt, weil er seinen Zusammenhalt und seine Zukunft untergräbt und sich von der Mutter aller Sprachen entfernt, die nach internationalem Konsens das Griechische ist.“

Wieviel mehr Lächerlichkeit kann man zustande bringen?
Wäre da nicht die tragische Tatsache des Sterbens unserer Sprache, dann wäre es alles eine harmlose Anekdote. Würde der Nationalismus nicht sein Unwesen treiben, indem er diejenigen verleumdet und bedroht, die sich gegen das Verschwinden einer jahrhundertealten sprachlichen Tradition wehren, wäre das Ganze nur lachhaft.
Gäbe es keine geheimdienstliche Verfolgung von Andersdenkenden, und keine institutionelle Diskriminierung, dann wäre alles nur ein schlechter Witz.

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