Griechische Krankenhausärzte-Vereinigung verklagt die Regierung wegen mangelhafter Covid-Krankenversorgung

AthensLive Newsletter, 27.3.2021:
>“…am Dienstag, reichte die Griechische Krankenhausärzte-Vereinigung (OENGE) eine Klage zur Situation der Patienten in Krankenhäusern beim obersten Gericht Areopag ein. In ihrem Bericht betonen die Krankenhausärzte, dass sowohl für die Dutzenden von schwer kranken Patienten, die auf normalen Stationen an behelfsmäßigen Beatmungsgeräten intubiert werden, als auch für die Besetzung der Covid19-Patientenstationen mit Ärzten nicht relevanter Spezialisierung allein die Regierung die Verantwortung trage. Außerdem weisen sie darauf hin, dass es die Regierung sei, die entscheide, dass intubierte Patienten auf Nicht-ICU-Stationen untergebracht werden. Es sei die Regierung, die entscheide, dass Ärzte von nicht relevanten Fachrichtungen Covid19-Patienten behandeln. Die Krankenhausärzte entschieden das nicht.

Am selben Tag, an dem OENGE den Bericht einreichte, musste am Dienstag, in der Nacht, eines der größten Athener Krankenhäuser, Laiko, das für Covid19-Notfälle im Einsatz war, abrupt den Dienst quittieren, da ihm die Betten komplett ausgingen. Der Chefarzt der Covid19-Station, Nikos Orfanos, erklärte, dass „es sogar Patienten in Feldbetten gibt“. Der Vorsitzende der Krankenhausmitarbeiter, T. Antonopoulos, berichtete, dass in den vorhergehenden Tagen zwei weitere Coronavirus-Patienten ums Leben kamen, die darauf warteten, dass auf der Intensivstation ein Bett frei wurde. „Sie haben zwei und drei Tage gewartet“, sagte er. Orfanos betonte auch, dass es noch zwei weitere intubierte Patienten gab, die fünf Tage lang in Betten außerhalb der Intensivstationen lagen, da keine Betten auf Intensivstationen verfügbar waren. „Menschen, die nicht auf der Intensivstation liegen, sind gefährdet. Die Lebenserwartung ist anders. Es gibt kriminelle Handlungen und Fahrlässigkeit.“-

„Es ist inakzeptabel, dass jemand in meiner Klinik stirbt oder intubiert wird, wenn es nur 500 Meter entfernt eine private Intensivstation gibt, deren Besitzer 1.700 Euro pro Tag für ein Bett auf der Intensivstation verlangt“, sagte Ilias Sioras, der Vorsitzende der Angestellten des Evangelismos-Krankenhauses, in einem Interview am Dienstag und fügte hinzu, dass das Krankenhaus weit über seiner Kapazität operiert. Sioras sagte auch, dass das Krankenhauspersonal sogar 30 Stunden am Stück gearbeitet hat. Er betonte den Mangel an Betten auf der Intensivstation und verwies auf eine offizielle Liste von 125 intubierten Patienten, die nicht auf der Intensivstation liegen.

Die Ärzte haben wiederholt dazu aufgerufen, dass der Staat angesichts des enormen Notstands Privatkliniken anfordert. Doch nur eine Handvoll von ihnen war es – unter anscheinend günstigsten Bedingungen. Letzte Woche requirierte Gesundheitsminister Kikilas 200 private Ärzte, um in öffentlichen Krankenhäusern zu arbeiten (das Honorar soll per Dekret festgelegt werden). Auf diese Weise beraubte er einige Menschen ihres persönlichen Arztes, der eigentlich für die völlig demontierte staatliche medizinische Grundversorgung einsprang. Mit diesem Schritt hat die griechische Regierung ein weiteres Mal bewiesen, dass sie alles tun wird, außer dringend benötigtes festes Krankenhauspersonal einzustellen und das öffentliche Gesundheitssystem zu stärken.

„Wir sind voll. Wir haben keine Wahl mehr“, sagte die Leiterin der Intensivstation des Krankenhauses „Sotiria“ und Professorin für Intensivtherapie Antonia Koutsoukou in einem Interview. „Sie können sich gar nicht vorstellen, unter welch ungeheurem emotionalen Druck wir stehen. Sie rufen dich an und fragen: ‚Wir haben einen 50-, 60-jährigen Patienten intubiert. Was sollen wir tun?‘ Und es ist kein Bett verfügbar und Sie werden verrückt. Du kämpfst darum, Wege zu improvisieren, um den Patienten am Leben zu erhalten. Wir alle bemühen uns, wir versuchen zu sehen, ob es jemandem besser geht und er entlassen werden kann, um ein Bett frei zu machen. Können Sie sich das einfach mal vorstellen?“< (Quelle: AthensLive Newsletter)

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Eine Antwort zu Griechische Krankenhausärzte-Vereinigung verklagt die Regierung wegen mangelhafter Covid-Krankenversorgung

  1. Ralf Kliche schreibt:

    Am 26.03.2021 hat die Interessenvertretung der Ärzte an den griechischen Krankenhäusern OENGE neue Zahlen über die Entwicklung der Anzahl der Intensivbetten während der Corona-Pandemie vorgelegt. Sie beruhen auf den offiziellen Zahlen von EKEPY, einer staatlichen Organisation zur Verwaltung der Intensivbetten vom 20.03.2021. Danach gibt es in Griechenland derzeit 1022 Intensivbetten, darin sind sowohl 62 Betten aus Militärkrankenhäusern enthalten, als auch neue „mobile“ Betten, die in Containern eingerichtet wurden. Es wurden während der Pandemie insgesamt 400 neue Intensivbetten eingerichtet. Die meisten davon wurden nicht durch öffentliche Ausgaben sondern aus privaten und institutionellen Spenden finanziert. Beim Personal je Bett wurde der zuvor geltende Mindeststandard von 1 Arzt und 3 Pflegekräften je Bett unterschritten.

    In den letzten 2 Jahren (seit Regierungsantritt ND) wurden im griechischen öffentlichen Gesundheitssystem insgesamt 270 neue Fachärzte und ca. 2.000 andere Beschäftigte fest eingestellt. Das ist weniger als durch Pensionierung das System verlassen haben. Daneben wurden insgesamt 8.000 Teilzeitbeschäftigte eingestellt mit einer Vertragsdauer von 6 Monaten, 1 Jahr oder 2 Jahren. Sie haben allerdings Beschäftigte ersetzt, deren Zeitverträge ausgelaufen waren, so dass auf diesem Wege kein Personal aufgestockt wurde. Deshalb, so stellt die Organisation fest, waren während der Pandemie weniger Personen im Gesundheitssystem beschäftigt als vorher.

    Zur „Weigerung“ von Ärzten, sich auf ausgeschriebene Stellen zu bewerben, heißt es:
    1. Die Ausschreibungen waren nicht permanent sondern auf 2 Jahre befristet.
    2. Die Rücknahme der Zusage von Mitsotakis über feste Stellen hat die Verunsicherung potentieller Bewerber über ihre berufliche Zukunft vergrößert.
    3. Bei Ärzten mit Zeitverträgen wurden Gehaltszahlungen verschleppt und extreme Mehrarbeit wurde nicht vergütet.

    Das Budget des Gesundheitsministeriums im Haushalt 2021 wurde trotz Covid um 600 Mio. Euro gekürzt.

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