Der lange Widerstand gegen den Goldabbau in Skouries

Die Kassandra Mine ist das größte Bergbauprojekt Europas, geplant ist unterirdischer Abbau ebenso wie der offene Tageabbau. Der kanadische Mutterkonzern El Dorado und seine griechischen Partner besitzen weitere Minenprojekte in der Türkei und in Rumänien. Wenn man sich der Mine nähert wird man sofort von den ständig anwesenden Securityleuten ins Vesier genommen, teils schon bereits auf dem Hinweg fahren die Autos der Wachmannschaften „Besuchern“ hinterher. Die Hauptzugangstrasse ist die bestausgebauteste Strasse Griechenlands, sie hat den Zu- und Abgangstransport durch riesige LKW´s während der Bauphase gewährleistet und bedingt durch den jahrelangen Widerstand der Bevölkerung hat sie auch die hochgerüsteten Polizeikräfte, die gegen die unzähligen Demonstrationen eingesetzt wurden befördert. Noch heute liegen an den Strassenrändern Tränengaskartuschen wie stumme Zeugen der Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre. Neben den riesigen Maschinen und Anlagebauten erstreckt sich ein gigantisches Loch tief in die Erde hinein und hinweg über eine gewaltige Gesamtfläche. Die seltene und vielfältige Natur ist bereits erheblich zerstört oder beeinträchtigt worden. Staub und Schadstoffablagerungen der Bausphase ersticken Pflanzen, Bäume und verseuchen die Flüsse der Region. Die touristische Küstenregion in den Städtchen entlang der Küste Chalkidikis sind ebenfalls durch die potentielle Verunreinigung bedroht, ein Grund, das auch die vom Fremdenverkehr lebenden Menschen z.B. in Ierissos sich gegen die Goldmine wehren, auch wenn die Stärke des Widerstandes bis heute nachgelassen hat.

Die Unterstützung der Widerstandsbewegung gegen den Goldabbau in ganz Griechenland war groß: jedes Jahr gab es Solidaritätskonzerte namhafter Musikgruppen, jedes Jahr organisiert das ortsansässige Kampfkomitee ein mehrtägiges Widerstandscamp mitten im Wald gelegen: dort wurde über die ökologischen Schäden des Goldabbaus, die Folgen für Grundwasser und Pflanzenwelt, die Vergiftung durch hochgiftige Ausschwemmungen in die Flüsse und ins Mittelmeer berichtet. Eltern und Kindern wurde die Flora und Fauna Skouries nahegebracht. Es wurde gemeinsam gekocht, geredet, gewandert und sich ausgetauscht. Ein im Skourieswald lebender bereits älterer Aktivist hatte Jahre lang um sein Häuschen herum von den Früchten des Waldes gelebt: Walnüsse geerntet, er baute Kiwis an, sein Haus war umgeben von satten Blumenwiesen, sauberen Wasserquellen und den wunderbaren Geräuschen des Waldes. Eines Tages wurde sein Haus von Gegnern des Widerstandes zerstört, er selbst starb auf den Tag genau ein Jahr später nach dieser mutwilligen Zerstörung.

An dem ersten Abend in Megali Panagia kamen wir spät im Dorf an, wir wurden wunderbar in einem kleinen Häuschen eines der Aktivisten untergebracht und gingen spätabends noch in ein Restaurant mitten im Dorf. Zum Glück wurden wir trotz der späten Stunde noch bekocht und bewirtet. Wie immer ging ein wildes Durcheinander dreier Sprachen über den Tisch und wie immer schuf dies eine neue Grundlage der Verständigung und des Austausches über Neuigkeiten, Einschätzungen und vorsichtigen Prognosen wie es mit dem Widerstand wohl weitergehen mag. Die neue Regierung unter Mitsotakis verheißt nichts Gutes: es wird befürchtet, daß sich über ökologische Gutachten bzgl. der Umweltschäden genauso hinweg gesetzt werden wird, wie über den Willen der Bevölkerung. Die Spaltung der Bevölkerung in Gegner und Befürworter des Goldabbaus sitzt tief: es ist ein uralter Konflikt: die Hoffnung auf Arbeitsplatzsicherheit gegen den nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen der Natur. Diese Spaltung geht seit den langen Jahren des Widerstandes gegen die Goldmine durch Familien und Ehen, durch die Nachbarschaft und die Dörfer. Die Sozialstruktur in diesen Berg-,Wald- und Küstenregionen ist anders als in den mittlerweile anonymer gewordenen Großstädten. Die Repressionswelle des griechischen Staates erfasste viele. Viele der Gegner*innen des Goldabbaus wurden verhaftet, angeklagt, teils mit Terrorismus-Anklagen konfrontiert, es traf alte wie junge Menschen. Die Strafverfahren kosteten mehrere Tausend Euro, die die Bewegung aufbringen musste. Im Zuge dieser Anklagen vor den Gerichten hielten die Familien aus den Dörfern zusammen, es galt den Verwandten beizustehen. Dies ist wohl auch gelungen, teils zogen sich die Verfahren über Jahre hin, mittlerweile sitzt wegen dieser Anklagen niemand mehr im Gefängnis. Dieser Zusammenhalt ist allerdings in der Frage des Dafür oder des Dagegen gegen die Mine nicht von Bestand.

Eine Schwächung des Widerstandes entstand auch in den Zeiten der Syriza-Regierung unter Tsipras. Durch das Verhalten der Partei und durch Syriza nahestehende Bürgermeister und deren Anhänger in der Küstenregion, die vom Tourismus lebt, wuchs die Hoffnung „Syriza wird schon unseren Kampf unterstützen und die ureigensten Angelegenheiten können wir den reformwilligen Kräften überlassen – sie werden es schon machen“. Derart motiviert ließ der offensive, teils auch militante Widerstand nach, es wurde angeraten „durchaus mal etwas Ruhe einkehren zu lassen“. Die Bewegung flaute ab, viele der Kämpfer*innen waren ermüdet, teils resigniert, der Kampf gegen die Repression absorbierte die Kräfte. Dennoch trifft sich das Kampfkomitee auch heute noch jede Woche, an die 20 Mitglieder kommen zusammen, Frauen bilden in dieser Runde die Mehrheit.

Mehrmals versuchten wir Deutschen die Chancen alternativer Erwerbsquellen für die Bevölkerung mit den Mitgliedern des Kampfkomitees zu erörtern: Wander- und Bildungreisen-Tourismus, ökologische Touren, sanfter Tourismus. Wir trafen immer auf dieselbe Antwort: dies könne man sich nach den miteinander gemachten Erfahrungen und Erlebnissen nicht mehr vorstellen. Die Narben der Konfrontationen, die Grenzen der Kommunikation, die erfahrenen Beziehungsabbrüche, ein Gegeneinander durch stigmatisierendes Verhalten zueinander, Beschuldigungen und Verrat ziehen sich durch die alten sozialen Verhältnisse. „Wie lebt es sich neben einem Nachbarn, der dich vor der Justiz mit Lügen beschuldigt hat, dies obwohl er dich hat aufwachsen sehen und ihr früher ganz normal nebeneinander gelebt habt?“ Die entstandenen Gräben sind tief, teils nicht reparabel und verstärken die Resignation in dem noch immer notwendigen Widerstand.

Wie wir später erst in Deutschland mitbekommen haben, ist in der türkischen Region südlich der Stadt Canakkale in den „Gänsebergen“ ein reger Widerstand gegen die dort von El Dorado, dem Mutterkonzern geplante Goldmine entstanden. Überwiegend von den Frauen der umliegenden Dörfer initiiert ziehen mittlerweile die häufigen Aktionen weite Kreise und es finden vielfältige kulturelle Aktivitäten statt, die auch ehemalige Gezi-Parkaktivisten und Oppositionelle aus Istanbul anziehen. Neben Informations-und Musikveranstaltungen werden auch regionale landwirtschaftliche Produkte angeboten.

In Megali Panagia vereinbaren wir mit unseren Freundinnen und Freunden ein zweites Wiedersehen und wollen dann weiter über die Erfahrungen eines mehrjährigen Kampfes gegen einen multinationalen Konzern reden und reflektieren. Was uns beeindruckt hat, ist der nach wie vor stattfindende Austausch mit ähnlichen Initiativen in anderen Ländern. So waren die Freunde und Freundinnen aus Skouries auch im Hambacher Forst und wir „Alten“ erzählen manchmal aus vergangenen Zeiten, z.B. über den vielfältigen Widerstand gegen die Castortransporte im Wendland, oder wir vergleichen die Spaltung von GegnerInnen und Befürwortern z.B. in der Lausitz bzgl. des Kohletageabbaus und der Dorfumsiedelungen. Grundsätzlich geht es immer wieder um Fragen der Nachhaltigkeit und der antikapitalistischen Kritik an der Zerstörung der Natur. Es geht unter anderem um Fragen der Effizienz und Langlebigkeit von unterschiedlichen Widerstandsformen: wie entgeht mensch z.B. der Spaltung in friedvolle an Reformen glaubende Aktionsformen, die die Menschen erreichen und ebenso der Wirksamkeit von radikaleren oder militanten Widerstandsformen, die auch in Skouries die Verantwortlichen in Politik und Konzernen zum Handeln gezwungen haben.

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