Syriza-Radiosender schmeißt aufmüpfige Angestellte raus

Update: siehe Kommentar vom 14.2. (unter diesem Beitrag)
Von Ralf Kliche, 8.2.2018
Der Radiosender „Sto Kokkino“ (Zum Roten) ist ein unter griechischen Linken sehr bekannter und geschätzter Kanal. Nicht nur, weil er als zentralen Jingle eine leicht gebrochene Form der Internationalen verwendet und bei der Musikauswahl einen guten Geschmack beweist (zumindest aus der subjektiven Brille des Verfassers), sondern vor allem wegen seiner durchweg kritischen Berichterstattung über die griechischen Verhältnisse, die auch vor Kritik an der Regierung nicht zurückscheut.
Das ist insofern erwähnenswert, als Sto Kokkino zusammen mit der Parteizeitung To Avgi (Der Aufbruch) dem Medienkonzern von SYRIZA gehört, der Left Media AG.
Bei Sto Kokkino nun ist der Konflikt zwischen Beschäftigten und Unternehmensführung seit Jahresbeginn offen ausgebrochen und eskalierte in dieser Woche mit einem 48-stündigen Streik der Beschäftigten und Demonstrationen vor der SYRIZA-Parteizentrale.

Der Reihe nach: Am Anfang stand die Ankündigung des Vorstands der Left Media, dass der weitere Betrieb der Radiostation ohne deutliche Gehaltskürzungen für die Beschäftigten nicht möglich sei. Ziel war es eine Gehaltskürzung um 20% herbeizuführen, was nach Angaben der Beschäftigten zu Monatsgehältern um 750 Euro führen wird. Dazu waren sie Mitte Dezember von Direktor Konstantinos Nikoltsios aufgefordert worden, neue, individuelle Arbeitsverträge zu unterzeichnen. Als die Beschäftigten dem nicht nachkamen, wurden Mitte Januar drei Beschäftigte entlassen und der Vorstand erklärte: „Die Beschäftigten haben sich auf Absprachen zur Sicherung der Überlebensfähigkeit des Senders nicht eingelassen. Der Vorstand hat deshalb das Arbeitsverhältnis mit drei Mitarbeitern in einem rechtskonformen Verfahren gelöst und wird auch weiter alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um Kosten zu reduzieren und Betrieb, Partnerschaft, Entwicklung und Konsolidierung des Senders sicherzustellen “ (1)

Die Beschäftigten nahmen diese Kündigungen nicht hin, legten mehrfach kurz die Arbeit nieder, taten sich mit ihren Kollegen der Parteizeitung zusammen, die vor ähnlichen Problemen stehen, eröffneten einen eigenen Internetauftritt (2) und forderten von ihrer journalistischen Interessenvertretung, in Verhandlungen mit der Geschäftsführung einzutreten. Klares Ziel: Rücknahme der drei Kündigungen.

Auf einer Generalversammlung der Beschäftigten wurde dann ein 24-stündiger Streik beschlossen und ein Streikkomitee bestimmt, das die Maßnahmen organisieren sollte. Am 24. Januar wurde dann das Radioprogramm vollkommen im Zeichen der Auseinandersetzungen gestaltet. Dort heißt es u.a., dass die Aufgabe der Beschäftigten nicht nur darin besteht, Medium von SYRIZA zu sein. Sie sehen ihre wichtige Rolle auch in der Information der Bürger. Sie wollen nicht bloßer Lautsprecher sein sondern ggf. auch deutliche Kritik an der Regierung üben. Daraus spricht die Vermutung einiger, dass es nicht nur finanzielle Gründe für den Konflikt gibt. (3)

Left Media reagierte, indem sie zum Wochenbeginn vier weitere Beschäftigte entließ. Es sind dies Mitglieder des Streikkomitees, das in den Auseinandersetzungen im Januar gebildet worden war. Die Geschäftsleitung bestreitet allerdings einen Zusammenhang: „Wir möchten klarstellen, dass in keiner Diskussion oder Verhandlung mit dem Vorstand ein „Streikkomitee“ vorgestellt wurde. Von seiner Existenz haben wir heute aus dem Internet erfahren.“

Die Reaktion der Beschäftigten kam schnell: sie versammelten sich am Donnerstag, 08.02. vor dem Gebäude des Senders und demonstrierten zur Parteizentrale von SYRIZA, wo sie ironisch Sprüche von Tsipras skandierten: „Entlassungen bei Sto Kokkino, es war gerecht, es wurde gemacht‘“.

In einer Erklärung formulierten sie ihre Forderungen, insbesondere Streikmaßnahmen bis zur Rücknahme der Kündigungen:

  • Wir fordern die sofortige Rücknahme der Rache-Kündigungen beim Sender, sowohl der vier Mitglieder des Streikkomitees als auch der drei Kollegen, die im Januar entlassen wurden.
  • Wir rufen unsere Gewerkschaften auf, solange zu 48-Stunden-Streiks aufzurufen, bis alle Entlassungen zurückgenommen sind.
  • Wir werden die Einrichtungen des Senders für die Dauer des Streiks zu Streik-Sendungen nutzen.
  • Wir machen eine Pressekonferenz, um unsere Positionen zu erklären.
  • Wir halten unseren Vorschlag zur Senkung der Lohnkosten aufrecht und rufen die Gewerkschaft auf, eine Verhandlungslösung ohne Entlassungen zu finden.“

Die Geschäftsleitung besteht im Gegenzug auf den Sanierungsmaßnahmen:

Ihr Ziel „kann ohne einen umfassenden, detaillierten und langfristigen Sanierungsplan nicht erreicht werden, der zentral die Senkung der Arbeitskosten umfassen muss, da mehr als 70% der gesamten Betriebskosten auf den Lohn entfallen.

Es sei bekannt, dass die Einnahmen hauptsächlich auf den Abonnements und der Unterstützung durch SYRIZA-Mitglieder und Zuhörer basieren. Auch würden die Gehaltskürzungen niemanden treffen, der weniger als 750 Euro monatlich verdiene und am Ende würden die Beschäftigten noch immer mehr verdienen als die große Mehrheit im Mediensektor.

Wir verstehen, dass ein Teil der Mitarbeiter denkt, dass, da SYRIZA der kollektive Eigentümer ist, unbegrenzt finanzielle Ressourcen verfügbar sind. Es werden auch politische Spiele mit offensichtlicher Ausrichtung auf den kollektiven Besitzer gespielt, die sich objektiv gegen die Lebensfähigkeit der Station richten… Wir betonen, dass der Vorstand in seinen Plänen nie auf Entlassungen zurückgreifen wollte… Angesichts der Tatsache, dass aber die Lohnkosten gesenkt werden müssen, damit die Station wirtschaftlich überleben kann und einseitige Lohnkürzungen keine Option sind, ist die Lösung der Arbeitsbeziehungen nun unausweichlich geworden.“ (4)

In der Partei selbst kommt der Konflikt nicht vor:
Sie bekräftigt ihre Zustimmung zum Beschluss der Parteiführung, To Avgi und Sto Kokkino substantiell zu unterstützen und weiterzuentwickeln. Sie sieht in den Konsolidierungsplänen den einzigen Weg, Kontinuität in den Medien zu bewahren und Arbeitsplätze zu sichern.

Die Kündigungen werden hier nicht einmal erwähnt. Vielleicht sollten die Verfasser mal ihren eigenen Sender hören…

Quellen:

  1. http://www.efsyn.gr/arthro/apolythikan-treis-ergazomenoi-toy-1055-sto-kokkino
  2. https://ergazomenoistokokkino.blogspot.de/
  3. https://ergazomenoistokokkino.blogspot.de/2018/01/24-1-2018.html
  4. http://www.efsyn.gr/arthro/48ori-apergia-sto-kokkino-stin-koymoyndoyroy-oi-ergazomenoi

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Syriza-Regierung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Syriza-Radiosender schmeißt aufmüpfige Angestellte raus

  1. Ralf Kliche schreibt:

    Am Dienstag, 13,02. wurde auf einem Treffen zwischen Geschäftsleitung und Mitarbeitervertetern die folgende Übereinkunft getroffen:
    1. Die sieben Kündigungen werden zurückgenommen.
    2. Die Gehaltskürzungen bleiben bestehen alleridngs in zwei Stufen:
    2a: Bei Beschäftigten mit einem Monatsgehalt von weniger als 1.200 Euro beträgt die Gehaltskürzung 15%
    2ba: Bei Beschäftigten mit einem Monatsgehalt von mehr als 1.200 Euro beträgt die Gehaltskürzung 20%

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s