Griechischer Außenminister: Deutschland betreibt Wirtschaftsrassimus

kotzias_sey_141215„Damals und heute betrachtet Deutschland mit Überheblichkeit die ansässige Bevölkerung der Kolonien und der Schuldenkolonien als „Diebe“, „Faule“, „Korrupte“, als unfähig die rechte deutsche Handlungsweise im Bereich der Wirtschaft zu verstehen  …“ (Kotzias, Seite 47)

Gerade wurde ein Sammelband wissenschaftlicher Aufsätze unter dem Titel “Griechenland im europäischen Kontext” veröffentlicht, herausgegeben von Aristotelis Agridopoulos und Ilias Papagiannopoulos (Wiesbaden 2016). Darin findet sich der Artikel „Schuldenkolonie Griechenland: Die EU als Imperium und Deutschlands Primat“ von Nikos Kotzias, dem griechischem  Außenminister (alle Zitate sind aus diesem Artikel).

Kotzias erörtert die Verantwortung der griechischen Beourgoisie. „Die hauptsächliche Verantwortung für die Situation in Griechenland tragen ca. 25 Familienclans (aus Politik und Wirtschaft) und deren Unterstützer.“ (57). Ihre Position heute sei, dass Griechenland alle Bedingungen der Gläubiger akzeptieren und um deren Vertrauen werben müsse.

Das eigentliche Thema des Authors ist, was er das europäische imperiale Dreieck nennt: Finanzunternehmen und Finanzmärkte bestimmen, was gemacht wird, die EU-Bürokratie führt es aus. Dabei haben bestimmte EU-Länder – allen voran Deutschland – eine führende Rolle. Kotzias weist auch auf die Kontinuität des deutschen „Wirtschaftsnationalismus“ und „Wirtschaftsrassismus“ von der deutschen Kolonialzeit über den Nationalsozialismus bis zur Gegenwart hin (siehe das Zitat im ersten Absatz oben). „Unter den Kolonialimperien gehörte Deutschland zu den gewalttätigsten.“ (46)

„Während der Krise hat Deutschland bei jedem Schritt und bei jedem Misstrauensempfinden den „Galgenknoten“ für die überschuldeten Länder immerzu enger gezogen.“ (57)

„Die Herrschaftsapparate des Dreiecks kontrollieren in Griechenland … die Politik selbst. … Oft ist die Regierung bloß dazu da, um die Entscheidungen dieser Vormundschaftsapparate umzusetzen.“ (57f)

Heute ist Kotzias selbst einer der führenden Politiker der „Schuldenkolonie“. Wie müssen wir die Veröffentlichung dieses Artikels auf deutsch zu diesem Zeitpunkt verstehen? Als ordentlicher Professor schrieb er Bücher und Artikel über den „imperialen Staat“, Deutschland und dessen „Schuldenkolonie“ Griechenland.

Als Wissenschaftler ist er konsequenter Kritiker der deutschen imperialen Politik und des deutschen Wirtschaftsrassimus. Kann er als Außenminister etwas anderes als „bloß dazu da [sein], um die Entscheidungen dieser Vormundschaftsapparate umzusetzen“?

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7 Antworten zu Griechischer Außenminister: Deutschland betreibt Wirtschaftsrassimus

  1. Georgios Catselas schreibt:

    Diese Regierung hat es geschafft aus links rechts und aus einem klaren Nein ein absolutes Ja zu machen…. Keiner weiß mehr ob er nun ein Linker oder ein Rechter ist…. Laßt mal im Gedanken in Deutschland die Löhne, Gehälter und Renten um 40 % fallen…. Wieviele Hakenkreuze wir auf den Straßen dann sehen werden, möchte ich mir nicht mal ausmalen, sonst passiert es noch womöglich…. Was ist noch zumutbar in Griechenland? Das ist hier die große Frage

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    • PM schreibt:

      Tja, mein vereehrter Freund in Deutschland wird effizient gearbeitet, man ist puenktlich, organisiert, stehts bestrebt nach hoechster Qualitaetsarbeit….wir zahlen unsere gerechten Steuern, helfen in der zwischen Zeit so vielen Laender der Welt….warum soll der deutsche Arbeiter, der fleissige Rentner Eure griechische Schlamperei, Eurer korrupte Mafia die ihr Geld in der Schweiz einlegt, denn unterstuetzen???

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      • georgbrzoska schreibt:

        Dieser Kommentar von PM drückt das aus, was ich in meinem Kommentar (s. unten) beschreiben wollte: das Gefühl von vielen Deutschen, s i e seien das Opfer, s i e seien ja fleißig gewesen… das trifft sich auch mit dem, was Kotzias Wirtschaftsrassismus nennt.

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  2. Sophia Georgopoulou schreibt:

    Ich finde die Fragestellung bzw. das Dilemma des Kurzberichtes über den griechischen Außenminister Kotzias rhetorisch und unreflektiert – ja gar trotzig. Es ist berechtigt aus der Sicht der außerparlamentarischen Opposition, Es impliziert jedoch auch, dass man lieber auf die Revolution wartet und sich in der Zwischezeit mit Kritik und Ablehnung begnügt. Das sollte man sich ehrlicherweise auch eingestehen. Nichts ist schwarz weiß, wenn man sich noch in seiner Lebenszeit wehren will!
    Die reine Lehre ist nur in der Theorie vertretbar, wenn man aber sich aktiv einimischt in diesem saublöden System, dann kann man nicht mit der „Bibel in der Hand“ schreiten und streiten.
    Und zum Thema des Nein der Griechen, daran hat sich nichts geändert. Auch wenn wir alle mit dem „erzwungenen Ja“ zu knappsen haben, bleibt es doch ein lautes Nein des griechischen Volkes gegen die Drohgebärden des vereinigten Resteuropa und seiner Diktate.
    Und vorerst sind wir alle Enttäuschten froh, dass wir es nicht wie seit 40 und mehr Jahren mit einer korrupten oligarchenfreundlichen Regierung zu tun haben. wir sehen auch auf was für Widerstände sie im In- und ausland zu kämpfen hat. Es vergeht kein Tag, an dem in den Inlandsmedien ihr Untergang prophezeit wird. – Sie wird gewiss auch verschleißen und sich auch durch die Macht korrumpieren lassen. Ich hoffe, dass dieser Zeitpunkt noch recht weit liegt. .

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  3. georgbrzoska schreibt:

    Liebe Sophia,
    ja, der Kurzbericht über den Artikel von Kotzias ist provokativ geschrieben. Ich wollte zuspitzen, um aufzurütteln. Wir versuchen, nicht mit der “Bibel in der Hand zu schreiten und streiten“ (wie Du schreibst – auch nicht mit „Das Kapital“ von Marx in der Hand). Deshalb schreiben wir vor allem über den ungeheuren Druck, den die imperialen Mächte und das internationale Kapital auf Griechenland und auf die griechische Regierung ausüben.
    Je länger ich über den Inhalt des Artikels von Kotzias nachdenke, desto mehr gefällt mir diese Verbindung zwischen Imperialismus- Kolonialismustheorie, deutscher Fremdenfeindlichkeit/ Rassismus und deutscher Opferhaltung.
    Eine wichtige Ergänzung der Ausführungen von Kotzias scheint mir der Beitrag von Alban Werner zu sein (http://www.neues-deutschland.de/artikel/979089.unwissen-ist-macht.html). Er führt darin aus, dass viele Deutsche sich selbst, nicht die Griech*innen als Opfer sehen. Schließlich hätten die Deutschen das notwendige Opfer (die Agenda 2010) erbracht, um Deutschland wieder wettbewerbsfähiger zu machen.
    Außerdem habe ich Respekt davor, dass Kotzias am 6.12.2015 im griechischen Parlament sehr deutliche Worte zur EU fand: „Last but not least, I want to talk about the EU. We are endeavoring to help it find its values and principles again. That cohesive substance that can hold it together on a democratic and socially just path. Against its current neoliberal dogmatism. There is an imperative need for the EU to break out of a mindset that limits its external action to sanctions, embargoes and punitive actions. A mindset that is often accompanied by threats.“

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  4. mondschein schreibt:

    Fakt ist: die Griechen haben sich selber tot korrumpiert, über Generationen!!!! Leider sehen sie das immer noch nicht ein.

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    • leon der semiprofi schreibt:

      Fakt ist: Die Griechen sind noch lange nicht „tot“, auch wenn es einige wohl nicht erwarten können.

      Fakt ist: Die Griechen haben schon Schlimmeres überstanden und sprechen und denken -trotz osmanischem Reich / Wehrmacht / Hollywood – immer noch Griechisch.

      Fakt ist: Auch wenn alle immer mit dem Finger auf die Korrumpierten zeigen, die Korrumpierer sind aufgrund ihrer bessergestellten Ausgangslage doch wohl mindestens genauso schuld, wenn nicht schuldiger.

      Fakt ist: Deutschland ist völlig korrupt. Egal bei welchem Problem – ob akut oder kaum diskutiert – Sie beginnen an der Oberfläche zu kratzen, es braucht nicht lange und schon stoßen Sie auf ebendiesen FAKT! Beispiele gefällig? Ein paar auf die Schnelle? ..Krankenhauskeime auf Frühchenstationen, Schwarzgeldkoffer unter Finanzministerschreibtischen, NSU / NSA / BND, Fraport, DB (S21), Hoeneß, VW/BMW/Benz, DeMisere/Sachsensumpf/Tino Brandt, bis hin zu den f*#%ing Regensburger Domspatzen, von der hiesigen Presse ganz zu schweigen!

      Höchste Zeit den dicken fetten Balken vor der eigenen Stirn endlich wahrzunehmen, ansonsten wird Ihnen Ihr ach so korrektes neoliberales Deutschland nicht nur Ihre Mutter sondern auch noch Ihren Mondschein vor der Nase wegprivatisieren.

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