E-Mail an die Soli-Bewegung – aus Griechenland anlässlich der Wahlen; von Margarita Tsomou

Liebe alle,
finde diese Maildiskussion [darüber, ob Syriza jetzt ein Feind sei; Anm. GB] tatsächlich unproduktiv in jede Richtung, aber nehme sie zum Anlass auf einen Punkt aufmerksam zu machen.

Ich bin seit einem Monat in Griechenland und die Desillusionierung über die heutigen postdemokratischen Verhältnisse über die für die Menschen wirklich völlig überflüssgen Wahlen („Egal was man wählt alles wird gleich“, ist der Tenor), die nur ratifizieren sollen, was schon längst im Memorandum beschlossen ist und die Trauer über die Auswegslosigkeit ist hier viel weiter verbreitet und intensiver zu spüren, als in der deutschen Linken.

Syriza ist – ob gut oder schlecht – nicht mehr die hegemoniale führende progressive Bewegung – kann es auch nicht, weil es Wahlkampf mit Programm dem Memorandum machen muss, das setzt einem Grenzen. Es ist eben nun alles widersprüchlicher und nicht mehr einfach gleich zu setzen „Syriza-Unterstützer“ ist auch gleich „Griechenland-Solidarität“. Damit tritt man jedem in den Rücken, der enttäuscht ist und nach Wegen sucht das Memorandum zu bekämpfen mit Kämpfen von unten, in dessen Augen das politische System sich nach dem 13 Juli noch mehr deligitimiert hat und es nicht fassen kann akzeptieren zu müssen, dass sein Schicksal die Troika ist, egal was er wählt. (diese Menschen sind weder mit Syriza noch mit LAE identisch).

Will sagen: die Bevölkerung hat viel differenziertere Haltungen und noch mehr andere Sorgen hier als „Syriza oder nicht-Syriza“ und dass die Diskussion in Deutschland völlig auf diese Ebene verkürzt wird.
Ich fände es wichtig, dass die Griechenland-Solibewegung diese Differenziertheit versteht und nicht in eindeutiger Weise sich auf die Seite dieser oder jener Partei schlägt, wenn keine der jetzigen Parteien das Begehren der Bevölkerung ( das OXI)
umsetzen können.
Daher mein Plädyoer für Ausgeglichenheit auf der Liste [gemeint ist die überregionale Mailingliste der Soligruppen] und möglichst Neutralität hinsichtlich Wahlkampf und Parteiunterstützung, um an der Seite der gesamten Bevölkerung zu bleiben, die sich nicht auf Syriza reduzieren lassen. Wenn die Griechenlandsolibewegung wirklich Parteiwahlkampf machen möchte, würde ich dafür plädieren entsprechende Untergruppen zur Unterstützung dieser oder jener griechischen Partei innerhalb von Griechenlandsoli zu bilden.
Die Gefahr ist sonst, die gesamte Solidynamik zur Unterstützung eines unvollständigen Teils der griechischen Gesellschaft zu instrumentalisieren und überhaupt nicht hinzuhören, dass die Lösung in der Bevölkerung nicht als einfach wahrgenommen wird und vor allem nicht darin besteht die richtige Partei zu wählen.

Vielleicht noch also, um ein bisschen die Dinge zu verkomplizieren und mehr Facetten zu vermitteln hier ein Text von Yiannis Albanis (Ex-ZK-Komittee Syriza, Ex-Presse-Büro-Chef von Tsipras, zurückgetreten aber nicht bei LAE und nun politisch Heimatlos) zu der Lage :
http://www.zeitschrift-luxemburg.de/neubeginn-in-der-sackgasse/
Ich fände es gut, wenn die Griechenlandsolibewegung an der Seite der komplexen Haltungen der griechischen Bevölkerung bleibt und uns unterstützt egal, was wir wählen werden in diesen – wie es hier heisst – „stummen Wahlen“, paradigmatisch für die Art der Wahl, die man in der Postdemokratie des schuldeninformierten Neoliberalismus noch hat.

Ich danke euch für euere tolle Arbeit
liebe Grüsse aus der Insel Skiathos
Margarita

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6 Antworten zu E-Mail an die Soli-Bewegung – aus Griechenland anlässlich der Wahlen; von Margarita Tsomou

  1. kokkinos vrachos schreibt:

    Kalimera, finde den Text von Margarita von der Insel Skiathos sehr gut. Ich bin auch der Meinung das die verschieden GR-Solidaritätsgruppen unabhängig von Parteien und Stiftungen arbeiten sollten, und Projekte und Intiativen hier und in GR unterstützen, und sich nicht von Parteien ob nun Syriza, KKE oder die LAE vereinahmen.

    Auf dem Berliner Blog Lower Class Magazin gibt es auch zwei gute Artikel zur Wahl:

    Kopf an Kopf-Rennen
    In Griechenland stehen Neuwahlen an: Eine Wahl haben die GriechInnen kaum
    http://lowerclassmag.com/2015/09/kopf-an-kopfrennen/

    Nochmal zur linken Griechenland-Debatte…
    http://lowerclassmag.com/2015/09/nochmal-zur-linken-griechenland-debatte/

    Für alle die immer noch glauben das Parlamentarismus und das „Linke“ Parteien wie Syriza oder Podemos was ändern könnten, sei der Artikel „Syriza kann Griechenland nicht retten“ wärmstens ans Herz gelegt:
    http://crimethinc.blogsport.de/2015/03/11/syriza-kann-griechenland-nicht-retten/

    schönen Sonntag noch, kv

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  2. Christoph Hefel schreibt:

    Danke Margarita für deine ernsthaften und weiterführenden Gedanken. Es ist nicht an uns, irgendwelche Vorgänge der linken Parteien und Gruppieren in Griechenland zu kritisieren, wenn wir es hier verpasst haben, eine grosse europäische Unterstützungsbewegung aufzubauen und uns den Schäubles und Co. vor den Weg zu stellen!

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    • kokkinos vrachos schreibt:

      Kalispera Christoph, das sehe ich anders. Selbstverständlich dürfen wir uns als Teil der Außerparlamentarischen Linken von hier (aus dem Herzen der Bestie) kritisch solidarisch zu den Entwicklungen, Strategien usw. von Syriza, KKE, ANTARSY und LAE äußern und analysieren. Unabhängig davon ob wir eine grosse europäische Unterstützungsbewegung aufgebaut haben oder nicht.

      Es darf halt nicht zu einer unsolidarischen Kritik von hier aus dem Ikea-Sofa (oft von weißen privilegiert Männern) verkommen, nach dem Motto ich erzähle euch mal was ihr falsch macht und wie es zu laufen hat. Die Linke hier versucht ja gerne den Menschen im Süden zu erklären wie sie zu kämpfen hat. Sitzen aber selbst nur in irgendwelchen linksintellektuellen Lesekreisen an der Uni.

      In Hamburg finden sehr viele Veranstaltungen mit Syriza oder Syriza nahen Leuten statt, und diese Veranstaltungen sind ja auch da, um kritische Fragen oder Anmerkungen zu stellen.

      Die Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker!

      vg, kv

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      • Christoph Hefel schreibt:

        Hallo kv,
        danke für deine Entgegnung. Ich bin ja auch nicht für Enthaltsamkeit… aber ich sehe auch in meinem Umfeld, dass sehr engagiert über den richtigen Kurs, Kräfteverhältnisse, etc. diskutiert wird und darob aus dem Auge gerät, was wir hätten alles tun können, um gegen diese Kampagne anzukämpfen. So kurz zu diesem Thema.
        Herzlichen Gruss, ch

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  3. kokkinos vrachos schreibt:

    Kalispera Christoph, was du äußerst ist natürlich ein altbekanntes Problem in der hiesigen Linken.

    Wie hatte Karl Liebknecht gesagt „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“. Das sollten wir nicht vergessen.

    kalinichta, kv

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  4. kokkinos vrachos schreibt:

    „Für die sozialen Bewegungen in Deutschland kann nur gelten die Kämpfe in Griechenland zu unterstützen. Durch Information, Aufklärungsarbeit, Spendensammlungen oder den Besuch von Genoss_innen und Freund_innen in Griechenland selbst.“
    http://www.linksnet.de/de/artikel/32581

    vg, kv

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