Von Panos Kosmas, efsyn 27. September 2026:
„Die beiden „Griechenlande“ in Wirtschaft und Gesellschaft: Rekordgewinne der Unternehmen und die niedrigsten Löhne in Europa
Auf der einen Seite erreichen die Gewinne der börsennotierten Unternehmen einen Rekord nach dem anderen, auf der anderen Seite gehören die Löhne zu den schlechtesten und die Armutsquote zu den höchsten in Europa. Zwei „Welten“ auch bei der Gesamtheit der Unternehmen.
Auf der einen Seite ein Triumph nach dem anderen. Auf der anderen ein Verharren auf europäischem Niedrigstand. Auf der einen Seite der Eurostat-Index für die Profite der Unternehmen auf gesamtwirtschaftlicher Ebene, die Ergebnisse des ersten Halbjahres von 48 großen, an der griechischen Börse notierten Unternehmen sowie die Entwicklung der Gewinne und der Dividendenausschüttungen in den vergangenen drei Jahren – all dies zeichnet das Bild einer regelrechten Erfolgsgeschichtei der Unternehmensgewinne. Auf der anderen Seite stehen die Daten zu Löhnen und zur Armutsquote, die Griechenland auf den vorletzten Platz in Europa verweisen.
Zwei „Welten“ also, die zugleich die beiden Pole der Wirtschaft darstellen, aber auch in Gegensatz zueinander stehen und sich in entgegengesetzte Richtungen entwickeln. Doch die wirtschaftlich-sozialen Bruchlinien beschränken sich nicht darauf. Sie zeigen sich auch im Wachstumsmodell selbst – in Form eines scharfen Widerspruchs zwischen dem Anstieg der Profite und der Herausbildung starker „nationaler Champions“ auf der einen Seite und dem erheblichen Rückstand bei grundlegenden Wirtschaftskennzahlen wie Produktivität, Anlagekapital und Zahlungsbilanz auf der anderen.
In der Wirtschaft zeigt sich eine sozioökonomische Realität mit zahlreichen Bruchlinien und unterschiedlichen „Geschwindigkeiten“, die weit von der von der Regierung propagierten Erfolgsgeschichte entfernt ist.
Die Gewinne
Die Daten zur Rentabilität des griechischen Unternehmenssektors sind tatsächlich beeindruckend. Das vielleicht eindrucksvollste Detail ist, dass der von Eurostat verwendete Indikator für die Gewinne der Gesamtwirtschaft Griechenland in den Jahren 2024, 2025 und 2026 an die Spitze Europas setzt (letzteres Jahr auf Grundlage der Frühjahrsprognosen der Kommission).
Konkret wird für 2026, ausgehend vom Referenzjahr 2020 (2020 = 100), ein Gewinnindex von 166,4 für die Gesamtwirtschaft prognostiziert. Das bedeutet einen Anstieg der Rentabilität um 66,4 % im Dreijahreszeitraum 2024–2026. An zweiter Stelle – mit deutlichem Abstand – folgt Kroatien mit einem Index von 149, an dritter Stelle Irland.
Das bedeutet allerdings nicht, dass alle Unternehmen Gewinne erzielen. Selbst bei den börsennotierten Unternehmen sind die Unterschiede bei den Gewinnmargen groß. Hier dominiert eine erste, eine „First Class“ von Unternehmen, die 90 % der Kapitalisierung und 85 % der Gewinne aller börsennotierten Unternehmen auf sich vereint.
Es handelt sich um eine beeindruckende Konzentration innerhalb der unternehmerischen Elite der börsennotierten Unternehmen, die das Ausmaß der Konzentration von Macht und Gewinnen verdeutlicht. Ein weiterer Hinweis auf die Gewinnexplosion ist, dass diese zahlenmäßig kleine „First Class“ die gesamte Rentabilität der Wirtschaft auf das höchste europäische Niveau hebt!
Der andere Pol
Am anderen Ende erzählen die Löhne und die Indikatoren für soziale Benachteiligung eine Geschichte der Stagnation und sozialen Anfälligkeit. Die Daten von Eurostat sind im einzelnen erschütternd:
- Der Anteil der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen liegt in Griechenland bei 27,5 %, gegenüber 20,9 % im europäischen Durchschnitt. Damit weist Griechenland nach Bulgarien den zweithöchsten Wert in der EU auf.
- Beim Armutsrisiko liegt Griechenland mit 19,6 % auf dem vierthöchsten Wert in der EU.
Der erste Indikator ist allerdings aussagekräftiger, da er auch das Risiko materieller Entbehrung und des eingeschränkten Zugangs zu grundlegenden Bedürfnissen berücksichtigt.
Ähnlich erschreckend ist die Situation bei den Löhnen. In Griechenland lag der durchschnittliche Jahreslohn 2024 – dem letzten Jahr, für das die vollständig verfügbare und uneingeschränkt vergleichbare Datenmenge von Eurostat vorliegt – bei 18.000 Euro, gegenüber 39.800 Euro im europäischen Durchschnitt. Der durchschnittliche Jahreslohn in Griechenland beträgt damit nur etwa 45 % des EU-Durchschnitts.
Mit diesem Wert hatte Griechenland den zweitniedrigsten durchschnittlichen Jahreslohn in der EU, nur vor Bulgarien.
Die im Vergleich zum europäischen Durchschnitt sehr niedrigen Löhne haben zudem eine deutlich geringere Kaufkraft: Gemessen in Kaufkraftstandards (KKS) lagen sie im selben Jahr 20 % unter dem europäischen Durchschnitt.
Daher lag 2024 Griechenland auch beim nominalen durchschnittlichen Jahreslohn für Vollzeitbeschäftigte auf Platz 26 der 27 EU-Länder, also auf dem vorletzten Platz – wiederum nur vor Bulgarien …
Die anderen „Bruchlinien“
Wir haben jedoch auch von anderen Bruchlinien gesprochen. Zunächst innerhalb des Wachstumsmodells der griechischen Wirtschaft, das sich im Zeitraum 2021–2026 herausgebildet hat. Dies zeigt sich anhand von drei grundlegenden Indikatoren:
- Die Zahlungsbilanz: Das Defizit bleibt auf unzulässig hohem Niveau und wird 2026 gegenüber 2025 sogar weiter steigen – auf 7 % des BIP oder mehr.
- Die Arbeitsproduktivität: Griechenland liegt 2025 bei einem Wert von 54,6 gegenüber einem europäischen Durchschnitt von 100. Der Fortschritt gegenüber 2020 (52,5) ist dabei äußerst langsam und deutet auf einen Entwicklungsverlauf hin, bei dem es viele Jahrzehnte dauern würde, bis das europäische Durchschnittsniveau erreicht wird.
- Das Anlagekapital, also das produktive Rückgrat der WirtschafSchließlich zeigt sich eine weitere große „Bruchlinie“ innerhalb des Unternehmenssektors insgesamt. Dort verläuft eine gedachte „rote Linie“ zwischen den allgemein robusten Unternehmen – also jenen, die mit relativer Leichtigkeit überleben können – und der Masse der kleinen und mittleren Unternehmen, die unablässig um ihre Existenz kämpfen, ohne ausreichende Liquidität und vom Zugang zu Bankfinanzierungen ausgeschlossen. Hier lauert zugleich eine unsichtbare gesellschaftliche Bruchlinie, denn diese Unternehmen beschäftigen einen sehr großen Teil der Lohnabhängigen insgesamt. In einer schwierigen wirtschaftlichen Lage könnte daraus eine massenhafte Arbeitslosigkeit entstehen.
Anmerkung
i Die Regierung spricht von „success story“, was mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen ist, vor allem zynisch gemeint im Hinblick auf die Armut im Lande.


