Heldin im Film und in der Wirklichkeit – aber erst im Gefängnis, jetzt vor Gericht.

Der Schauprozess gegen Sarah Mardini und 23 weitere Angeklagte geht weiter.
Diese Geschichte schreite danach, verfilmt zu werden. Und sie wurde. Auf Netflix ist der mitreißende 2-Stunden-Film zu sehen.

Die Realität:


Der Netflix-Film:

(Zum Film unten mehr.)
Eine der beiden Schwestern, die die Heldinnen des Films sind, Sarah Mardini, war 2018 dreieinhalb Monate im griechischen Gefängnis. Seidem läuft ein Verfahren gegen sie und 23 weitere Angeklagte. Ihr drohen viele Jahre Gefängnis.
Es fängt damit an, dass die damals 20jährige Sarah Mardini 2015 zusammen mit ihrer 17jährigen Schwester Yusra das Leben von 18 anderen Geflüchteten rettete. Der Motor des Bootes, auf dem sie und ihre Schwester auf dem Weg nach Lesbos waren, fiel aus. Die beiden Schwestern waren vor ihrer Flucht Mitglieder des syrischen nationalen Schwimmteams. Sie zogen das fahrunfähige Boot dreieinhalb Stunden schwimmend ans Land, zur Insel Lesbos. Zwei Männer, die zunächst halfen, gaben auf.
Danach schafften die Mardini-Schwestern es, auf der Balkanroute weiter nach Berlin zu flüchten.
Für ihre Rettungstat wurden sie gefeiert und ausgezeichnet. 2016 erhielten sie „Stille Helden Bambis“. „Bambis“ sind in Deutschland sicherlich keine unbedeutenden Preise.
Schon ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft in Deutschland kehrte Sarah Mardini zum ersten Mal nach Lesbos zurück – um Geflüchtete aus Seenot zu retten. Sie studierte in Berlin, kam aber immer wieder für längere Zeit nach Lesbos, um zu helfen und zu retten.

Im August 2018 wurde sie, als sie schon viele Monate wieder auf Lesbos war, aus heiterem Himmel verhaftet. Sie wurde wegen Menschenhandel, Geldwäsche, Betrug und Spionage angeklagt. Diese Vorwürfe wurden den Mitarbeitern der griechischen NGO ERCI (Emergency Response Centre International) gemacht, zu denen Mardini gehörte. Dreieinhalb Monate verbrachte sie in Athen in Untersuchungshaft, bevor sie auf Kaution freigelassen wurde.

Human Rights Watch hat ausführlich begründet, dass die Vorwürfe haltlos sind und es offensichtlich um die Kriminalisierung von Helfer*innen geht.
„Die Anschuldigungen sind außergewöhnlich schwerwiegend, aber keineswegs ungewöhnlich, da die Behörden in ganz Europa weiterhin Menschen und Organisationen kriminalisieren, die Geflüchteten helfen und sie unterstützen und Leben retten (auf See und an Land). Im Jahr 2019 wurden 171 Personen in 13 europäischen Staaten kriminalisiert und zwischen 2020 und 2021 wurden mindestens 44 Personen in Griechenland mit ähnlichen Anschuldigungen konfrontiert wie Sarah Mardini, Seán und Nassos. Die Kriminalisierung fällt mit der Sicherung der Grenzen und besorgniserregenden Fällen von Pushbacks und kollektiver Abschiebung zusammen, insbesondere auf See.“ (Aus der Solidaritätserklärung von 49 NGOs für die Angeklagten vom 11.11.2021.)

Drei Jahre brauchte die griechische Justiz, um den Fall vor Gericht zu bringen. Am 18.11.2021 fand in Mytilini auf der Insel Lesbos ein erster Gerichtstermin statt. Aus verfahrenstechnischen Gründen wurde der Prozess allerdings sofort wieder vertagt. Sarah Mardini durfte und darf nicht zum Prozess gegen sie selbst nach Griechenland reisen, obwohl sie darum gebeten hat. Ihr wurde 2018 verboten, in den nächsten sieben Jahre nach Griechenland zu reisen. Da sie keine EU-Bürgerin ist, gilt sie als besonders gefährlich.

Am kommenden Dienstag, dem 10.1.2023 soll nun der Prozess endlich beginnen – viereinhalb Jahre nach ihrer Festnahme und der dreeinhalb Monate dauernden Inhaftierung.

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Zum Netflix-Film „Die Schwimmerinnen“

Der Film zeigt, wie die Mardini-Schwestern wegen des Krieges um ihr Leben fürchteten und entschieden, aus Syrien zu fliehen, er zeigt ihre furchtbaren Erlebnisse auf ihrer Flucht durch viele Länder bis nach Deutschland. Der Film ist sehr spannend, er geht unter die Haut. Insofern ist sehr zu empfehlen. Schade fanden wir, dass die Kriminalisierung der Lebensretterin Sarah Mardini nur am Ende des Films in einem kurzen Text behandelt wird.

Siehe auch die Filmkritik von Matthias Halbig auf der Seite des Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) vom 23.11.2022:
Flucht und Sieg: Sally El Hosainis Syrien-Drama „Die Schwimmerinnen“ bei Netflix

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