Die schreckliche Lage im Gesundheitssystem von Thessaloniki

Christina Kidona, Leiterin der Covid-Abteilung des Hippokrates-Krankenhauses

Von Ralf Kliche
Der folgende Augenzeugenbericht von Christina Kidona wurde bei einer Online Diskussion der Bewegung „Die Stadt auf dem Kopf“ am Ende der vergangenen Woche vorgetragen. Christina Kidona ist Intensivmedizinerin und leitet die Covid-19-Abteilung am Hippokrates-Krankenhaus von Thessaloniki. (1)

Die Bewegung „Die Stadt auf dem Kopf“ versteht sich als „antikapitalistische Bewegung in der Stadt Thessaloniki“. Sie war erstmals als junge Basisbewegung im Vorfeld der Kommunalwahlen in Thessaloniki in Erscheinung getreten, hatte aber keinen eigenen Kandidaten benannt. (2) Die Vereinigung der Krankenhausärzte von Thessaloniki (ENITH) arbeitet wohl mit dieser Gruppe zusammen. Dabei sind die Ärzte, von denen einige auch in der Solidarischen Klinik von Thessaloniki mitarbeiten, auch durch allgemeine politische Stellungnahmen aufgefallen. Zuletzt wurden staatsanwaltliche Ermittlungen eingeleitet, nachdem sich die Präsidentin von ENITH, Daphne Katsiba, in einem Interview für ein Brechen des Demonstrationsverbotes zum Jahrestag des Aufstands am Polytechnikum ausgesprochen hatte. (3)

Die folgende Erklärung von Christina Kidona folgt der Veröffentlichung bei der Ef.Syn vom 22.11.2020: (4)

„Ich bin Intensivmedizinerin, aber jetzt spreche ich zu Ihnen als Covid-Ärztin, weil ich nicht auf der Intensivstation arbeite. Meine Erfahrungen mit Covid stammen aus der ersten Welle der Pandemie in Griechenland, als ich in die Zentralstelle des Universitätsklinikums von Thessaloniki (AHEPA) wechselte und so die ersten Fälle sah, die in Griechenland behandelt wurden. Vor ungefähr 15 Tagen wurde ich in die Covid-Abteilung des Hippokrates-Krankenhauses abgeordnet, die am 1. September mit 35 Betten eingerichtet worden war. Als aber am 1. November plötzlich 70 Patienten in der allgemeinen Notaufnahme (6) erschienen, beauftragten sie mich zusammen mit der Spezialistin für Infektionskrankheiten, Athena Pyrpasopoulou, den Ausbau der Covid-Abteilung zu leiten. Vom 2. / 3. November bis heute, 20. November, wo ich zu Ihnen spreche, haben sich die Notfälle von 70 auf 240 erhöht.

Viele von diesen wurden auf Anordnung der Verwaltung an die Krankenhäuser Agios Pavlos, Agios Dimitrios oder 424 überwiesen, damit unsere Betten wieder geleert werden und neue Patienten beim nächsten Notdienst wieder auf die Intensivstation verlegt werden konnten. Das bedeutet ein schreckliches Verschieben von Fällen, wobei bereits alle Betten des blauen Gebäudes belegt sind und wir dazu übergegangen sind, das alte neoklassizistische Gebäude des Hippokrates-Krankenhauses einzubeziehen. Heute Abend werden wir auch das Gebäude A belegen. Laut Prognose für morgen früh werden wir die Anzahl von 300 benötigten Betten überschreiten. Jetzt denke ich, dass Sie verstehen, dass Zahlen nicht die ganze Wahrheit widerspiegeln.

Als die Klinik im November mit ihrem Programm begann, war geplant, maximal 50 Patienten zu versorgen, und das Personal muss heute 300 Patienten versorgen. Ich möchte nicht über die Müdigkeit, die Erschöpfung, die Krankheitswellen beim Personal sowie die Wellen der Angst sprechen, die im Krankenhaus herrschen, ich halte dies für selbstverständlich. Ich möchte mich auf die schrecklichen Bedingungen unsicherer Versorgung und medizinischer Behandlung unserer Patienten im Hippokrates-Krankenhaus konzentrieren: Die Stationen im Krankenhaus sind für durchschnittlich 50 Personen ausgelegt. Das blaue Gebäude hat fünf Stationen auf drei Etagen und wir haben höchstens 1 qualifizierten Allgemeinarzt und 1 Facharzt pro 50 Fälle zur Verfügung.

Die jetzt aufgenommen Patienten haben einen mehr als mittelschweren Krankheitsverlauf. Während wir im September und Oktober noch ausreichend Personal zur Betreuung hatten, haben wir im November nur noch mehr als mittelschwere Fälle aufgenommen. Im anderen Falle hätten wir Betten bis zum Strand aufstellen müssen. Jetzt entlassen wir auch früher, das heißt, wir warten nicht auf eine vollständige Genesung. Wir entlassen die Patienten, sobald wir uns sicher fühlen, dass sie mit eigenem Sauerstoff nach Hause gehen können. Wir tun dies, um ein paar freie Betten zu haben, weil das Hippokrates-Krankenhaus alle 4 Tage seine Tore für den Notdienst wieder öffnen muss.

Ein Facharzt und ein qualifizierter Allgemeinarzt arbeiten je 50-Patienten-Station 26 Stunden lang in Schutzausrüstung ohne Pause, wobei mindestens 30% aller Fälle sehr schwer sind. Jetzt wenden wir eine nicht-invasive mechanische Beatmung mit speziellen Dämpfen an, die wir einsetzen, damit so wenige Patienten wie möglich intubiert werden müssen. Wir wollen so ihre Aufnahme auf die Intensivstation vermeiden, da dort keine Betten verfügbar sind. Laut Gesetz müsste genaugenommen ein Anteil der Fälle, die jetzt auf den Covid-Stationen behandelt werden, auf den Intensivstationen (ICU) mit viel mehr medizinischem und pflegerischem Personal und Monitoren liegen.

Leider gibt es keine weiteren Ärzte, die uns unterstützen könnten. Wir haben unsere Suche nach Mitarbeitern, die sich mit Innerer Medizin auskennen, beendet und Augenärzte, HNO-Ärzte, Chirurgen, Gynäkologen usw. angerufen. Sie können zwar nicht an einem Tag ausgebildet werden, aber wir setzen sie als Hilfen für Blutentnahmen und die Untersuchung lebenswichtiger Organe usw. ein. All dies macht die Behandlungsbedingungen für Kranke furchtbar unsicher. Ich weiß, welche Kritik wir vorgebracht haben, bis wir hier angekommen sind, und was wir sagen werden, wenn das einmal alles vorbei ist. Leider befinden wir uns aber jetzt mitten in einem großen Feuer und müssen Lösungen vorschlagen, die die Welt sofort retten.

Wir haben darum gebeten, Hotels in der Stadt zu mieten oder zu nutzen, um Quarantänefälle dorthin auszulagern, denn wenn wir auf negative Befunde warten müssten, hätten wir keine Betten. Diejenigen, die wir wegschicken, fördern die Verbreitung in der Stadt. Manche haben vielleicht nicht die Möglichkeit, zehn Tage alleine zu Hause sitzen und halten sich deshalb an ihre Familie, zu der Menschen gehören, die schutzbedürftigen Gruppen angehören. In Thessaloniki kann selbst der Lockdown die Verbreitung des Virus leider nicht einschränken, da selbst die Entlassenen, die in ihre Häuser zurückkehren, diesen Teufelskreis fortsetzen.

Wir haben Hotelbelegschaften gebeten, eine Woche zu bleiben, Quarantänefälle mit Essen, bei Bürotätigkeiten und Reinigung zu unterstützen und ihnen die Medikamente zu geben, die sie benötigen. Das wäre für die städtischen Behörden durchaus machbar. Es geschah aber nichts. Wir haben um einen Ort gebeten, an dem Personal bereitgestellt wird, damit ältere Menschen, die entlassen wurden, aber Pflege benötigen, dorthin gehen können. Auch das ist nicht passiert.

Drittens haben wir um die Beteiligung der Armee gebeten, weil wir glauben, dass ihre Sanitätseinrichtungen die Notfallversorgung EKAB stärken könnten, vielleicht sogar unsere eigenen Notfalleinheiten. Das ist auch nicht passiert. Und schließlich haben wir in der letzten Woche um die Abordnung von Krankenschwestern aus privaten Kliniken von Thessaloniki gebeten. Und natürlich bestehen wir schon seit vorgestern auf der Bereitstellung von Intensivbetten aus Privatkliniken, weil es absolut nichts Freies mehr gibt.

Die Intubationsrate im Hippokrates beträgt 3 bis 5 Personen pro Tag, und in Nordgriechenland gibt es nirgendwo ein Bett, Beatmungsgeräte werden jenseits jeder Sicherheitsgrenze eingesetzt.

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir uns aufgrund unserer Überanstrengung nicht mehr müde fühlen, aber die Ärzte des Hippokrates-Krankenhauses werden vielleicht schon morgen anfangen, nach dem Staatsanwalt zu rufen, weil sie für die nächsten Intubationen keine Lösung haben. Bis morgen früh wird es keine Lösung geben. Wir selbst werden gezwungen sein, den Staatsanwalt zu rufen, weil wir keinen Ausweg mehr sehen.

Abgesehen von den absolut gefährlichen Bedingungen des Krankenhausaufenthaltes möchte ich die Situation des Pflegepersonals beschreiben. Heute, während wir sprechen, arbeitet immer noch die Nachmittagsschicht, und drei Krankenschwestern betreuen in einer Schicht durchschnittlich 45-50 Patienten. Wer sich verschmutzt, muss gesäubert werden; gelöste Versorgungsschläuche müssen wieder befestigt werden; Patienten, die sich in der Aufregung die Sauerstoffversorgung herausreißen, müssen wieder versorgt werden – diese Sachen passieren bei 20% der Patienten. Daneben muss das Personal das Essen bringen, an die Kranken verteilen, sie ggf. füttern und ihnen Wasser geben. Wie Sie verstehen werden, trägt auch das alles zur Genesung oder Intubation eines kritischen Patienten bei. Wie Sie verstehen werden, kann dies alles nicht getan werden, auch wenn die Krankenschwester ohne Unterbrechung läuft.

Und ich erkläre: Die meisten Kranken essen nicht, weil viele von ihnen nicht in der Lage sind, alleine zu essen. Auch wenn sie nicht sehr alt sind, gibt es Menschen in den Sechzigern, die so depressiv sind, Kurzatmigkeit haben, die nicht das Bett verlassen können, die nicht aufstehen und die Tupperflasche öffnen und trinken können, sie haben nicht einmal die Kraft, die Flasche vom Nachttisch zu nehmen. Ich möchte nicht im Sinne einer Show dramatisieren, aber ich bestehe auf diesen Details, weil sie von niemandem beleuchtet werden. Mit anderen Worten, wir sprechen nicht nur über Personalmangel, den ich derzeit durchaus sehe, ich spreche über die Tatsache, dass Patienten oft mit Grundlegendem nicht versorgt sind. Dies liegt daran, dass es menschlich unmöglich ist, es ihnen zu geben.

Ich denke, für dieses schreckliche große Verbrechen, zusammen mit den darin verborgenen kleinen Verbrechen, gibt es Schuldige, und viele von uns haben sie angeklagt. Ich denke jedoch, dass wir von innen und die Bewegung von außen sich auf unmittelbare Lösungen konzentrieren sollten, zumindest was Nordgriechenland betrifft. Das heißt, ein solches SOS zu senden, damit unsere klaren Vorschläge so weit wie möglich umgesetzt werden. Dies bedeutet, dass morgen früh die Intensivstationen und Stationen aller Privatkliniken in Thessaloniki auf Anfrage geöffnet werden. (5) Denn morgen früh endet unsere Notbereitschaft, die 300 Patienten versorgt hat, und die nächste Notbereitschaft ist am Dienstag.(6)“

Übersetzung: Ralf Kliche

Quellen / Anmerkungen:

  1. Das Hippokrates-Krankenhaus ist eines von fünf großen öffentlichen Krankenhäuser der Stadt. Es wurde 1908 von der österreichisch-jüdischen Bankiersfamilie Hirsch zur Versorgung der jüdischen Gemeinde Thessalonikis gegründet. Nach Besatzung und späterem Betrieb als Krankenhaus des Roten Kreuzes wurde es 1952 von der jüdischen Gemeinde an die Stadt überschrieben und 1962 umbenannt.
  2. https://ipolianapoda.gr/, https://www.efsyn.gr/stiles/apopseis/196832_i-poli-anapoda
  3. https://www.in.gr/2020/11/12/greece/thessaloniki-paremvasi-eisaggelea-gia-kalesma-enith-se-kinitopoiiseis-polytexneiou/
  4. https://www.efsyn.gr/node/269686
  5. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser in Thessaloniki haben organisiert, dass sie reihum nur an bestimmten Tagen öffnen, so dass nicht immer alle Notaufnahmen geöffnet sind.
  6. Am 20.11.2020 hat das griechische Gesundheitsministerium zwei Privatkliniken samt Personal requiriert. https://www.griechenland.net/nachrichten/politik/28290-gesundheitsministerium-requiriert-privatkliniken-in-thessaloniki
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Eine Antwort zu Die schreckliche Lage im Gesundheitssystem von Thessaloniki

  1. kokkinos vrachos schreibt:

    „Die tödliche Politik der Regierung soll im nächsten Jahr mit Tempo fortgeführt werden. Das zeigt der Haushaltsentwurf 2021, der in diesen Tagen im Wirtschaftsausschuss diskutiert wird. Medienberichten zufolge sieht der Entwurf nicht etwa eine massive Aufstockung, sondern eine Kürzung der öffentlichen Gesundheitsausgaben um 572 Millionen Euro vor. Während in diesem Jahr 4,83 Milliarden für die Gesundheit bereitstanden – davon 523 Millionen für die Bekämpfung der Pandemie – sollen es im nächsten Jahr nur 4,26 Milliarden sein, und davon nur 131 Millionen für Corona-Maßnahmen. Laut OECD-Zahlen steht Griechenland im europäischen Vergleich an vorletzter Stelle bei den zusätzlichen Gesundheitsausgaben im Kampf gegen Covid-19.“

    „Stattdessen will die Regierung noch mehr Geld in die riesige Kriegsmaschinerie pumpen: Der Verteidigungshaushalt soll um 30 Prozent von 3,8 Milliarden in diesem Jahr auf 5,4 Milliarden Euro im nächsten Jahr steigen.“

    „Gelder werden nicht für die Gesundheit und den Schutz der Bevölkerung mobilisiert, sondern kommen vor allem den Banken und Großunternehmen zu Gute. Am Montag (23.11.) verkündete Regierungssprecher Stelios Petsas weitere 120 Millionen Euro Staatshilfe an die Aegean Airlines zu schenken.“

    https://www.wsws.org/de/articles/2020/11/25/grie-n25.html

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