„Ihr habt keine Wahl, also wählt!“ Stücke von Volker Braun im Berliner Ensemble

braunInterview mit Volker Braun (aus Lunapark21, Heft 36)
„Volker Braun, 77, war einer der bedeutendsten Dramatiker und Dichter der DDR. Er war lange Zeit Dramaturg im Berliner Ensemble. Als Dissident wurde er wiederholt von der Stasi verfolgt. Heute lebt und arbeitet er in Berlin.“

Ihr habt keine Wahl, also wählt!“

Die Griechen“ und „die Putzfrauen“ von Volker Braun im Berliner Ensemble.

„Was ist Griechenland? Oder genauer gefragt: Was ist Griechenland nicht? „Irland ist nicht Griechenland“, verkündete 2010 Angela Merkel. „Frankreich ist nicht Griechenland“, echote Christine Lagarde, und ähnliches wiederholten für ihre Länder Silvio Berlusconi, Mariano Rajoy und andere in Europa. Somit distanzieren sie sich von einem Land, das, wie es Wolfgang Schäuble abschätzig formulierte, eine „Ausnahme“ darstellt – finanziell wie politisch. Griechenland war das, was die anderen Länder nicht sein wollen, ein schauriges Götzenbild, das sie möglichst schnell durch den Grexit los haben wollen. Mit seinen Politikern und seinem Volk war kein Staat zu machen, mit den Parias Europas unterhalten sie nur widerwillig Kontakt.

Zu Unrecht, befindet der Dramatiker Volker Braun. In seinen zwei Theaterstücken „Die Griechen“ und „Die Putzfrauen“, die gemeinsam unter dem Titel „Demos“ im Berliner Ensemble aufgeführt werden, zeigt er ein leidendes, aber auch ein mitreißendes Griechenland, das den anderen Ländern den Spiegel vorhält. Es geht erstens um den Versuch der Gläubiger, eine Postdemokratie zu errichten, also eine vom demokratischen Gehalt entleerte Demokratie, gleichsam „dem Gewirre, wo kein Faden zu greifen ist“ (Braun). Gleichzeitig geht es zweitens um das Umfallen von Tsipras, um den Stinkefinger von Varoufakis sowie um den Kampf der 400 entlassenen Putzfrauen des griechischen Finanzministeriums für ihre Wiedereinstellung, aber auch um die inneren Kämpfe und um die Zerrissenheit der Hauptakteure. Der Höhepunkt ist das Referendum des 5. Juli 2015, bei dem fast 62 Prozent der Wähler gegen das Programm der Gläubiger votiert hatten – um nur wenige Tage später festzustellen, dass Tsipras unter deren Druck das „Nein“ zu einem wundersamen „Ja“ verwandelte. Drittens geht es um die scheinbare Alternativlosigkeit. Volker Braun diktiert im Gegenzug den Griechen: „Ihr habt keine Wahl, also wählt!“ Und es geht schließlich um Stücke, die alle gegensätzlichen Begriffspaare des klassischen Dramas – Geld und Schulden, Vertrauen und Verrat, Macht und Ohnmacht, Aufbegehren und Kapitulation – enthalten, die zugleich aber, wegen der aktiven Einmischung der Politik, eine vom unausweichlichen Schicksal losgelöste Anti-Tragödie oder, anders gesagt, eine Tragödie von ganz neuem Typus darstellen.

Was hat Sie dazu bewogen, diese zwei Stücke zu schreiben?

Die Geschichte, die sich vor meinen Augen in Attika ereignete. Das erste Stück, „Die Griechen“, ist 2011 entstanden. Das versuchte den Fall Papandreou als ein Modell zu zeigen, wie geschichtliches Handeln durch höhere Mächte zu Fall gebracht wird. Mir schien das als ein Beispiel für die Entstehung einer Postdemokratie. Das hatte für mich eine antike Größe. Und das ermöglichte mir, es als wirkliches Drama darzustellen.

In der antiken Tragödie ist bekanntlich das Schicksal der Akteure unausweichlich. Die heutigen Politiker hingegen unterliegen zwar Sachzwängen, handeln aber ansonsten innerhalb von ihnen frei, ihr Schicksal hängt vorrangig von ihrer Macht und von ihrem Willen ab. Hatten sie auch diese Vorstellung im Hinterkopf gehabt, als Sie Ihre griechischen Dramen verfassten?

Sicher. Als ich einmal diese Stücke bei einer Veranstaltung las – es war gerade die Zeit des Referendums in Schottland – hat mich jemand aus dem Publikum gefragt, was für mich der tragischere Vorgang ist, das mit Schottland oder das mit Griechenland. Meine Antwort war, na ja, was in Schottland geschieht, ist relativ unerheblich, es ist sozusagen ein Nachbarschaftsstreit. Was in Griechenland hingegen geschieht hat viel mehr Gewicht, Schwere, weil es da letztlich um die Art der Gesellschaft geht. Das aber nicht im Sinne einer griechischen Tragödie, klar, sondern eines politischen Dramas.

Ist die Rolle der Putzfrauen eine ebenso aktive wie jene der Politiker?

Ja. Die Putzfrauen saßen jeden Tag vor dem Finanzministerium und Varoufakis, als er Finanzminister war, war ihr Mann in der Syriza-Regierung. Sie waren aktive, handelnde Personen. Das heißt, sie beobachten, was er tut, sie ermutigen ihn auf ihre Weise, sie nehmen wahr und freuen sich, dass er ein besonderer Typ ist …

ein Blender…

…Nein! Für die Medien vielleicht. Für sie ist er ein eigenständiger, ein unabhängiger Mann, ihnen gefällt das Anarchische an ihm, das Selbstbewusste. Sie haben eine erotische Beziehung miteinander. […]

Hatten die Putzfrauen sozusagen Hausrecht bei dieser Auseinandersetzung?

Nein. Die Krise nimmt sie auch mit, sie wird in ihnen ausgetragen, sie wird Teil ihrer Körper und ihrer Seele. Das trübt auch ihr Urteil. Da dürften die Putzfrauen, darf das Volk nicht moralisch als etwas Gutes angesehen worden, es ist die Masse, die alles in sich hat, die auch gefährlich ist, die auch dumm ist … – sonst ist sie nicht real.[…]

Eines der ergreifendsten Momente in den „Putzfrauen“, ist jener, wo Schäuble plötzlich mit den Namen aller möglichen Frauen der antiken Geschichte und Mythologie konfrontiert wird. Diese weibliche Omnipräsenz, die auch Potenz beinhaltet, kommt in der Rechnung Schäubles gar nicht vor. Wo haben Sie die Namen her?

Ich habe sie der Kosmogonie von Hesiod entnommen, in der Hunderte und Tausende weibliche Namen vorkommen. Die Idee war, dem Volk, das üblicherweise anonym ist, ein Gesicht zu geben, es durch die Namen der einzelnen Personen zu benennen. Dadurch wurden die unsichtbaren Putzfrauen als Menge sichtbar, konkret. Schäuble kommt am Anfang der Begegnung mit der Phrase: „Ihr da, unnütze Bäuche!“ Und dann folgen die namenstragenden Frauen wie ein Rausch … Schäuble sagt nur noch: „Was soll die Raserei der Weiber!?“ und verlässt dann fluchtartig die Szene.

Ist es nicht so, dass nicht nur die Griechen den Deutschen, sondern auch die Deutschen den Griechen vieles schulden?

Sicher. Die Deutschen müssen zunächst die Zwangsanleihe, die sie der griechischen Nationalbank während der Besatzungszeit abgeluchst haben, zurückerstatten; danach die ruinöse Sparpolitik, die sie der griechischen Regierung aufoktroyiert haben, einstellen; alsdann müssen sie anerkennen, dass Griechenland und Italien einen enormen Beitrag bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise leisten; und schließlich auch akzeptieren, dass das Problem der griechischen Schulden nur durch einen Schuldenschnitt gelöst werden kann. Das kann ich auch aus der Sicht des Theaters klar sagen: Es gibt keinen anderen Weg als den Schuldenschnitt. Nur so kommt man aus der Schuldenfalle raus. […]

Hat Europa eine Bringschuld gegenüber Griechenland, wie viele Griechen meinen, wegen seines kulturellen Erbes? Ist das nicht eine absurde Forderung?

Na ja, ich habe in den „Putzfrauen“ einen kurzen Passus, in dem es heißt: „Griechenland – dort wo Europa gedacht, geträumt wurde. Und jetzt denkt ihr das Europa ohne die Griechen“. Ich habe das hineingeschrieben, obwohl ich damals der Meinung war, Griechenland hätte wahrscheinlich in diesem Moment den Grexit machen sollen. Ich dachte damals, Mensch, Griechenland ist noch nicht verloren, es könnte Hilfe von Russland, China, Brasilien bekommen. Es hat sich herausgestellt, dass es nicht so leicht war. Die Hilfe sollten also doch die Europäer leisten. Aber eine Bringschuld gegenüber den großen Leistungen des Landes in der Philosophie, im Theater und dergleichen mehr – das muss ich verneinen. Gegenüber der großen Kultur hat man keine Bringschuld, wie man auch gegen den Deutschen wegen ihrer klassischen Musik und Philosophie keine Forderung stellen kann. Allerdings muss man dem Land Respekt erweisen – was wiederum nicht bedeutet, dass man nicht auf seine heutigen Widersprüche, wie die schwache Steuermoral, hinweisen soll.

Wie haben Sie auf das Regierungsbündnis der Syriza mit der rechtspopulistischen Anel reagiert?

Ich habe mir gedacht, dass wenn Syriza keinen anderen Partner hat und ohne Partner nicht regieren kann, man keine andere Wahl hat. Das kann man nicht moralisch betrachten. Wichtig ist aber, dass Tsipras sagte, ich mache das Falsche, aber ich mache es gegen meine Überzeugung – so wie er das auch mit der Vereinbarung mit den Gläubigern im Juli 2015 machte. […] Er macht eigentlich eine Politik, die falsch ist, die unannehmbar ist, aber zugleich artikuliert er dies.

Finden Sie es aber nicht eigenartig, dass Tsipras sich nicht bloß den Gläubigern unterwirft, sondern sich auch ihr Programm zu eigen macht? Ist dies vielleicht die neue Form des Tragischen?

Natürlich. Wie Trotzki sagte, als er gefragt wurde, ob es im Sozialismus noch eine Tragödie gibt: „Natürlich gibt es eine Tragödie – und zwar dann, wenn du etwas machen musst, das vollkommen gegen deine Überzeugung ist“. So ist es auch heute mit Tsipras. Als Grieche zumindest würde ich mir denken, das ist nicht mehr mein Mann.

Das Gespräch mit dem Autor führte Nikos Chilas. Eine Erstfassung des Interviews erschien in der Tageszeitung To Vima, Athen. Chilas verfasste – zusammen mit Winfried Wolf – das Buch „Die griechische Tragödie. Rebellion. Kapitulation. Ausverkauf“ (Promedia Wien März 2016 und Januar 2017). „

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