An die angeschwemmten toten Kinder und Erwachsenen hat sich hier noch niemand gewöhnt

rettungClaus Kittsteiner, z.Zt. in Mytilini/Lesbos

Bericht von der Flüchtlingsarbeit in Griechenland, Stand 7. Dezember 2015

Seit Anfang November bin ich nun auf Lesbos und werde bis Mitte Januar hier weiter als Flüchtlingsprojekt-Organisator tätig sein, danach ca. zwei Wochen in Thessaloniki oder Idomeni helfen, je nach Lage. Auch Athen ist möglich, weil viele Refugees dorthin zurückgeschickt werden und neue Massenlager entstehen. Hilfe wird allenorts dringend gebraucht, vor allem auch Köche oder Köchinnen für die bis zu 3000 Mahlzeiten pro Tag. Auch medizinische Fachkräfte aller Art und fleißige Hände zum Sortieren und Ausgeben von gespendeter Kleidung werden dringend benötigt, wie wir es auch von Deutschlands Flüchtlingsunterkünften kennen.
Wenn Ihr jemand wisst, besonders für Idomeni und Athen, gebt u.a. auch meine Mailadresse weiter, ich habe entsprechende Kontakte in Griechenland.
Die an der mazedonischen Grenze festsitzenden nicht Durchgelassenen werden zur Zeit massenhaft in die wachsenden Athener Camps zurücktransportiert. Neue Dramen kündigen sich an! Ein zur Zeit wenig in den Medien bekannt gemachter Grund ist:
In den Lagern vor und in der Türkei ertragen die seit längerem dort internierten Einzelpersonen und Familien die menschenunwürdigen (Über-)Lebensumstände ohne genügende Gesundheitsversorgung, Wasser, Toiletten usw. sowie die fehlenden Schulmöglichkeiten für die Kinder nicht mehr, also fliehen sie mit allen Familienangehörigen vom Baby bis zu den Großeltern weiter, wie und wohin auch immer, trotz der ihnen bekannten Lebensgefahr, solange sie die Schlepper in Richtung Europa bezahlen können. Jede Art Leben ist besser als das, was sie aktuell erleben und zuhause im Krieg erlebten.

Zur Zeit kommen hier auf Lesbos weniger Schlauchboote an als in den letzten Monaten. Gründe sind u.a. das Winterwetter mit Regen, kaltem Wind und höheren Wellen und die merkbaren Folgen des Deals zwischen EU-Merkel-Erdogan. Die Polizei an der Türkischen Küste greift seit kurzem demonstrativ hart zu, verhaftet wenige Schlepper und viele Flüchtende (wohl bis die von der EU zugesicherten Euros auf Erdogans Konto sind…) und schiebt sie ab.
Es gelingt trotzdem vielen die Flucht. Heute nacht hatten wir wieder Alarm an der Südküste von Lesbos. Bis zwei Uhr waren wir, wie sonst vor allem an der Nordküste, in Aktion für die durchnässten, durchgefrorenen, zitternden und teilweise unter Schock stehenden Geflohenen, die die nächtliche Überfahrt in den unsicheren Booten mit z.T. zu wenig Benzin von der türkischen Küste geschafft hatten.
An die angeschwemmten toten Kinder und Erwachsenen hat sich hier noch niemand gewöhnt. Sie werden in den Medien mal erwähnt, mal nicht, z.B. die laut Schilderung von Bootsinsassen in viel zu überbesetzten zu engen Booten erdrückten Kinder, oder ein von einem Schlepper über Bord geworfenes schreiendes Baby, das die heimliche nächtliche Tour angeblich gefährdete.
Hilfe tut Not, deswegen habe ich mich entschlossen länger als geplant zu bleiben.

Grüße aus Griechenland,   Claus Kittsteiner
claus.kittsteiner@gmx.de

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