„Grenzschutz kann es nicht geben, wenn es keine Toten gibt!“

Der amtierende griechische Minister für Migration Thanos Plevris erklärte öffentlich, „Grenzschutz kann es nicht geben, wenn es keine Toten gibt!“. Das Video dokumentiert seine Aussage aus dem Jahre 2011.

Refugee Support Aegean berichtet über zwei Vorfälle an den letzten Tagen bei denen allem Anschein nach wieder Boote der Küstenwache Flüchtlingsboote rammten und dadurch mindestens zwölf Menschen töteten.
Refugee Support Aegean, 19.10.2026:
„Zwölf Tote auf Lesbos und Samos: Todesfälle auf See dürfen nicht zur Normalität werden.
Zwölf Menschen haben bislang bei zwei neuen tödlichen Vorfällen auf Lesbos und Samos ihr Leben verloren. Eine weitere Person wird auf der Intensivstation von Mytilini mit schwersten Schädel-Hirn-Traumata behandelt, während sich unter den Überlebenden Verletzte mit Knochenbrüchen befinden.

Insbesondere der Vorfall auf Lesbos weist besorgniserregende Ähnlichkeiten mit dem tödlichen Vorfall auf Chios im Februar 2026 auf. Erst vor wenigen Monaten wurde zudem der Frontex-Bericht veröffentlicht, der zu dem Schluss kam, dass die gefährlichen Manöver der Küstenwache beim Schiffbruch vor Lesbos im April 2025 das Leben von Geflüchteten gefährdet haben. Einmal mehr lautet die entscheidende Frage, was genau auf dem Meer geschah und welche operativen Rettungsmaßnahmen oder Versäumnisse den Todesfällen und schweren Verletzungen vorausgingen.

Dieses Mal muss von der ersten Minute an sichergestellt werden, dass alle verfügbaren Beweismittel gesammelt, aufbewahrt und den zuständigen Behörden übergeben werden: Aufzeichnungen von Kameras, von VDR (maritimen „Flugschreiber“ ), Navigationsdaten und andere Systeme der beteiligten Schiffe, Kommunikationsaufzeichnungen und Audiomaterial des Gemeinsamen Koordinierungszentrum für Such- und Rettungsmaßnahmen (EKSED) sowie jede andere relevante operative Akte. Ebenso wichtig ist es, die Sicherstellung und Verwahrung der Boote, auf denen sich die Flüchtlinge befanden, als wesentliches Beweismittel zu gewährleisten.

Die vollständige Sicherung der Beweise ist notwendig, damit die wahren Umstände, die zum Tod von zwölf Menschen führten, unabhängig, effektiv und tiefgehend untersucht werden können, die Überlebenden gehört werden und – wo sich Verantwortlichkeiten ergeben – zur Rechenschaft gezogen wird.

Jedes Mal, wenn wir mit einem solchen tragischen Vorfall konfrontiert werden, wird der öffentliche Raum mit Erklärungen über die Gleichgültigkeit und die kriminelle Verantwortung der Schleuser überschwemmt, während die Verantwortung eines Staates und der Europäischen Union ausgeblendet wird. Der Schutz des menschlichen Lebens auf See darf hinter keinem Ziel zurückstehen. Die beiden Ereignisse bestätigen, dass die Politik Griechenlands und der EU, die sich auf die Abwehr statt auf die Rettung von Geflüchteten konzentriert, mit mathematischer Genauigkeit zu mehr Toten führt.

Die Existenz sicherer und legaler Fluchtwege für Geflüchtete und die Gewährung von internationalem Schutz sind der Weg, um Menschenleben zu schützen und Schleusernetzwerke zu zerschlagen.

Wir erinnern daran, dass Griechenland vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) wegen des illegalen Schusswaffengebrauchs gegen Geflüchtete auf See (in den Fällen Pserimos und Symi), wegen des Versäumnisses der Durchführung von Such- und Rettungsaktivitäten (in den Fällen Agathonisi und Farmakonisi) sowie wegen der systematischen Praxis von Pushbacks (Fälle A.R.E. und G.R.J.) verurteilt wurde. Zudem wurde im Fall des tödlichsten Schiffsunglücks im Mittelmeer der letzten Jahre – dem Schiffbruch von Pylos – Strafverfolgung gegen die zwei vorherige Chefs der Küstenwache und eine Reihe von Führungskräften eingeleitet.

Im Moment hat das Elementarste Vorrang: den Überlebenden angemessene und würdige Aufnahme- und Unterbringungsbedingungen, eine vollständige medizinische Versorgung, substanzielle psychosoziale und unabhängige rechtliche Unterstützung sowie einen ungehinderten Zugang zum Asylverfahren für all jene zu garantieren, die internationalen Schutz beantragen möchten.

Die RSA (Refugee Support Aegean) stand wiederholt an der Seite von Überlebenden tödlicher Vorfälle auf See und den Familien der Menschen, die ihr Leben verloren haben. Sie leistete rechtlichen und humanitären Beistand, unterstützte bei den Prozessen zur Identifizierung und Bestattung der Toten und erwirkte so die Verurteilungen des EGMR zugunsten der Geflüchteten. Das Gleiche werden wir auch jetzt tun. Wir werden an der Seite der Menschen stehen, die überlebt haben, und an der Seite der Familien der Toten. Wir werden auf Gerechtigkeit beharren.“

Diese tödlichen Vorfälle sind keineswegs Einzelfälle, wovon die Rechtsanwältin und Mitarbeiterin von „Refugee Support Aegean“ Eleni Spathana im März dieses Jahres auf der Veranstaltung des Bündnisses Griechenlandsolidarität Berlin berichtete (siehe die Videoaufzeichnung der Veranstaltung oben).

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Geflüchtete., Küstenwache, Plevris veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen