Der Tod von Jorgos Mazonakis und ein intransparentes, korruptes, kaum kontrolliertes privates Gesundheitsökosystem

Giorgos Mazonakis; Foto: Fwtistilk Wikipedia CC BY-SA 3.0

Isabel Armbrust
Der Tod von Jorgos Mazonakis bewegte nicht nur seine Fans, seine Beerdigung wurde intensivst medial begleitet. 54-jährig war der beliebte griechische Laiko-Sänger am 9. September an einer Plasmaustauschtherapie verstorben.
Aus Sicht der Autoren von AthensLive Wire hat dieser Tod auch eine politische Dimension. Denn er wirft Fragen auf über den Zustand des gesamten privaten „Gesundheitsökosystems“, das in der Grauzone zwischen Medizin, „Wellness“ und offenem Quacksalbertum operiert.

AthensLive Wire 373, 19. 9.2026:
„Wie der Fall Mazonakis zu einer Ermittlung wegen eines Tötungsdelikt wurde

In der vergangenen Woche hat die Untersuchung zum Tod von Giorgos Mazonakis eine dramatische Wendung genommen. (Seine Songs dominierten gleichzeitig die Charts.) Die beiden Ärzte, die die Privatpraxis in Kolonakii betrieben, in der der Sänger starb, wurden in Untersuchungshaft genommen. Ihnen wird nun die deutlich schwerere Straftat der Tötung mit eventuellem Vorsatz zur Last gelegt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen also vor, dass sie verstanden, dass ihre Handlungen oder Unterlassungen zum Tod führen könnten, aber dennoch fortfuhren.

Mazonakis erlitt einen Herzstillstand während einer Plasmapherese, einem komplexen Verfahren, das nach Einschätzung medizinischer Behörden nicht in einer gewöhnlichen Privatpraxis hätte durchgeführt werden dürfen. Ermittler stellten digitale Daten des Geräts sicher, die Berichten zufolge wiederholte Alarme, Unterbrechungen und Versuche dokumentieren, die Prozedur neu zu starten. Diese Beweise veranlassten die Staatsanwaltschaft, die ursprüngliche Anklage – Gefährdung einer Person mit Todesfolge – zu verschärfen. Zwei technische Sachverständige wurden hinzugezogen, um zu erklären, was die Alarme bedeuteten und ob die Reaktion der Ärzte medizinisch angemessen war.

Die Ärzte bestreiten die Vorwürfe und behaupten, Mazonakis habe um 16.15 Uhr einen Herzstillstand erlitten, ein Rettungswagen sei sechs Minuten später gerufen worden und die Einsatzkräfte seien rasch eingetroffen. Die Verteidigung versucht, einen Teil der Verantwortung auf das Rettungsteam abzuwälzen und behauptet, die Wiederbelebung sei unterbrochen worden, als der Sänger aus dem Gebäude getragen wurde. Die Ermittler untersuchen unterdessen die verzögerte Erkennung des Notfalls, das Fehlen geeigneter Ausrüstung und die Reaktion der Ärzte auf die Warnsignale des Geräts.

Doch der Fall hat auch noch eine politische Dimension. Der Migrationsminister – und ehemalige Gesundheitsminister – Thanos Plevris räumte ein, dass er einen der beschuldigten Ärzte angerufen habe, nachdem er vom Tod Mazonakis’ erfahren hatte. Er sagte, er habe verstehen wollen, was passiert sei, und betonte, der Arzt habe ihn zuvor ausschließlich als Patienten behandelt.

Von PASOK veröffentlichte Dokumente zeigten anschließend, dass Plevris und die beiden Ärzte 2012 gemeinsam an der Gründung desselben medizinrechtlichen Vereins beteiligt waren. Plevris sagt, der Verein habe nie operativ gearbeitet, es habe keine berufliche Zusammenarbeit gegeben, und seine persönliche Arzt-Patient-Beziehung habe erst 2016 begonnen. PASOK wirft ihm vor, zunächst eine unvollständige Zeitleiste präsentiert zu haben, und meint, die Enthüllungen stellten seine Glaubwürdigkeit infrage. Die verfügbaren Belege zeigen eine frühere Verbindung – nicht, dass Plevris in die fraglichen Behandlungen involviert war.

Die gerichtliche Untersuchung weitet sich nun aus. Der Athener Staatsanwalt Aristidis Korreas hat eine dringende Voruntersuchung angeordnet, um zu klären, ob die Athener Ärztekammer oder eine andere öffentliche Behörde strafrechtlich verantwortlich ist, weil sie die Praxis nicht gestoppt hat. Berichten zufolge sollen bereits 2025 Bedenken über Plasmapherese in der Klinik die Ärztekammer erreicht haben.

Eine separate Geldwäscheermittlung wird die Bankkonten, Vermögenswerte, Einkünfte und mögliche Verbindungen der Ärzte zu Firmen untersuchen, die medizinische Geräte importieren.

Der Fall dreht sich längst nicht mehr nur darum, was an einem Nachmittag in einem einzigen Raum geschah. Es wird nun untersucht, wer Bescheid wusste, wer nicht handelte und wie lange das System die Praxis gewähren ließ.

Das Problem ist größer als eine einzelne Klinik

Der Fall Mazonakis mag in seiner Sichtbarkeit außergewöhnlich sein, doch das zugrunde liegende Problem ist es keineswegs.
Informationen der Nationalen Transparenzbehörde Griechenlands zeigen, dass ihre routinemäßigen Kontrollen bereits Beanstandungen bei 287 privaten Gesundheitsanbietern ergeben haben – darunter Arztpraxen, Diagnosezentren, Kliniken, Wellness-Betriebe und Einrichtungen für alternative Behandlungen. Die Fälle offenbaren nicht ein einzelnes regulatorisches Schlupfloch, sondern ein Patchwork schwacher Aufsicht.

Kontrolleure fanden eine dermatologische Klinik, die ohne Dermatologen betrieben wurde, in der Haartransplantationen angeblich von einem Anästhesisten und Pflegepersonal durchgeführt wurden. Ein Zentrum für psychische Gesundheit bot Dienstleistungen an, ohne einen Psychologen zu beschäftigen. In einem anderen Fall führte ein Mitarbeiter einen medizinischen Eingriff durch, während er Anweisungen eines Arztes per Videoanruf erhielt. Die Kontrolleure identifizierten außerdem einen Kinderarzt, der einen abgelaufenen Impfstoff verabreichte, sowie private Einrichtungen, die ohne Anwesenheit ihres wissenschaftlichen Leiters arbeiteten.

Der graueste Bereich betrifft Unternehmen, die sich als Wellness- oder Alternativmedizin-Zentren präsentieren. In zwei naturheilkundlichen Zentren trafen Kontrolleure auf eine selbsternannte Therapeutin ohne medizinischen Abschluss, die unbelegte Behauptungen über Behandlungen zahlreicher Krankheiten aufstellte. Sie soll Geräte zur Bioresonanz betrieben und kolloidales Silber als Nahrungsergänzungsmittel ohne die erforderliche Genehmigung verkauft haben. Das größere Problem ist, dass Griechenland weiterhin keinen umfassenden Rechtsrahmen für Alternativmedizin-Zentren besitzt, was es einigen ermöglicht, ohne berufliche Zertifizierung oder spezifische Betriebslizenz zu arbeiten.

In einem weiteren Fall soll ein Arzt ein Wohnhaus in eine illegale ästhetische Klinik umgewandelt haben, die über soziale Medien beworben wurde. Kontrolleure fanden verschreibungspflichtige Botox- und Dysport-Produkte, gefälschte Verpackungen, Ampullen unbekannter Herkunft, illegal vertriebenes Wachstumshormon, Hyaluronsäure, Nadeln und andere medizinische Materialien. Anderswo wurden bei einer Untersuchung bei einem Kinderarzt und einer Apotheke 45 Impfstoffe entdeckt, für die keine Rezepte ausgestellt worden waren.

Die Transparenzbehörde hat Berichte an Staatsanwälte, Disziplinargremien, die Nationale Arzneimittelorganisation und andere zuständige Stellen übermittelt. Die Aktivitäten zweier privater Nabelschnurblutbanken wurden nach Kontrollen gestoppt, während ein separater Fall, der die Weitergabe von Stammzellen an eine Privatschule betrifft, an das Bildungsministerium weitergeleitet wurde.

Es geht bei allen diesen Fällen nicht nur um betrügerisches Agieren. Es geht um die Zersplitterung der Verantwortung. Ärztekammern stellen Berufslizenzen aus. Regionale Behörden lizenzieren Einrichtungen. Das Gesundheitsministerium, die Arzneimittelbehörde, die Transparenzbehörde, EOPYYii und Staatsanwälte kontrollieren jeweils unterschiedliche Teile des Systems. Werbung findet inzwischen über Instagram, TikTok und private Nachrichten statt, während Kontrollen nur verzögert und oft nur nach Beschwerden erfolgen und institutionell aufgeteilt bleiben.

Der Staat erscheint oft erst, nachdem ein Patient geschädigt wurde. Der Fall Mazonakis hat Griechenland gezwungen, sich dem zu stellen, was diese Inspektionsberichte längst gezeigt hatten: Ein an der Wand hängender Arztausweis bedeutet nicht zwangsläufig, dass jede Behandlung hinter dieser Wand lizenziert, angemessen oder sicher ist“.



Anmerkungen

i Reicher Stadtteil Athens zwischen dem Syntagma-Platz und den Ausläufern des Lykabettus-Hügels.

ii EOPYY ist die Abkürzung für die Nationale Organisation für die Erbringung von Gesundheitsdiensten in Griechenland

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Gesundheitssytem, Plevris veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse einen Kommentar