
Von Isabel Armbrust
Griechenland hat ehrgeizige Pläne beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Mit einem Zuwachs an Erneuerbaren um 61 % zwischen 2014 und 2023 gehört es zu den 7 „Klassenbesten“ der EU. 2024 kam bereits 51-55 % des Stromes aus Erneuerbaren, bis 2030 sollen es 75,2 % und 2035 sogar 95 % sein, so die Vorgaben des aktuellen Nationalen Energie- und Klimaplans, veröffentlicht im Oktober 2024. (1)
Realisiert werden die Anlagen meist von großen Playern wie Terna Energy, die bislang wenig Rücksicht auf soziale oder ökologische Belange nahmen und die einfach dort bauten, wo der meiste Wind war. Dieser Wildwuchs, 2021 noch völlig ungebremst aufgrund des Fehlens einer strategischen Raumplanung*, hat Vassiliki Kati, Professorin für die Erhaltung der Artenvielfalt an der Uni Ioannina zu einer Studie motiviert.
(Wir berichteten 2021 mit einem Beitrag von Evrydiki Bersi: https://griechenlandsoli.com/2021/10/30/zu-viel-des-guten-windkraft-und-der-kampf-um-griechenlands-wildes-herz/ )
Vassiliki Kati zeigt darin, wie ein Ausgleich zwischen Natur- und Landschaftsschutz und der Produktion von nachhaltiger Energie gelingen könnte. Ökologisch sensible Gebiete, immerhin 58,6 Prozent von Griechenlands Landfläche, sollen von der Bebauung mit Windrädern ausgeschlossen werden. 41,4 Prozent verblieben als Investitionszone, um dort in ausreichendem Umfang für Griechenlands Bedarf und auch für das Ziel der Klimaneutralität grüne Energie zu produzieren.
Nicht nur klimaneutral bis 2050, sondern Exportdrehscheibe
Innerhalb Griechenlands und besonders von der Industrie wurde der Vorschlag Katis abgelehnt, schreibt Evrydiki Bersi 2021, und sie beantwortete auch schon warum. Denn Katis Plan geht von der Vorgabe aus, Griechenland wolle eben „nur“ bis 2050 klimaneutral werden und dafür die nötige Kapazität erreichen.
Aber Griechenlands Regierung und die Windkraft- und Solarindustrie wollen schon seit einigen Jahren mehr: Sie wollen Griechenland zum großen Exporteur von grüner Energie machen. Und dafür sind dann unverhältnismäßig viel größere Kapazitäten an Erneuerbaren erforderlich, als von Vassiliki Kati angesetzt. Zumal die Energie, soll sie an entferntere Länder verkauft werden, zunächst – recht energieintensiv! – in gasförmigen grünen Wasserstoff (für Gaspipelines) oder in flüssiges Ammoniak (für Schifftranport) verwandelt werden muss. Griechenlands neuer Energie- und Klimaplan von Oktober 2024 setzt nun auch verstärkt auf das Potential von Offshore-Windanlagen.(1)
Schritte in Richtung des Exports grüner Energie über Wasserstoff hat Griecheland längst unternommen. Der Gaskonzern Linde hat 2022 in Mandra, nahe Athen, mit der Produktion von grünem Wasserstoff begonnen.(2) In Amyntaio in Nordgriechenland realisiert die 2023 gegründete Hellenic Hydrogen eine Produktionsstätte für Grünen Wasserstoff, die 2027 in Betrieb gehen soll. (3) Und es sollen mehr werden. Wie das alles auf einem ökologisch nachhaltigen Weg gelingen kann, ist offen. Denn für die Produktion von Wasserstoff braucht es auch Süßwasser – und das wird auch in Griechenland immer knapper. Es müsste also langfristig aus Meerwasserentsalzungsanlagen kommen, die allerdings einen hohen Strombedarf haben. Der Energiebedarf wäre damit also noch größer!
Anmerkungen
(1) https://www.rnd.de/politik/griechenland-macht-tempo-bei-der-energiewende-26WDEG7FI5FRNKYVINOV27T2TY.html
(2) https://esgnews.com/de/amp/Linde-startet-die-Produktion-von-gr%C3%BCnem-Wasserstoff-in-Griechenland/
(2) https://www.gtai.de/de/trade/griechenland/branchen/-wir-wollen-kooperationen-im-wasserstoffsegment-anstossen–1870426
* Auf einen nationalen Raumordnungsplan für erneuerbare Energien wartet die Öffentlichkeit bis heute. Im Oktober 2024 hat die griechische Regierung zwar den überarbeiteten Nationalen Energie- und Klimaplan NECP veröffentlicht, der immerhin einen starken Akzent auf u.a. die oben erwähnten Vorgaben für den Ausbau der Erneuerbaren benennt. Ein strategischer Raumplan zur Ausweisung von Flächen für Windkraft und Solaranlagen, den die Regierung 2021 ebenfalls für 2024 in Aussicht gestellt hat, wurde unseren Recherchen zufolge (Stand April 2025) noch nicht veröffenticht.

