Die „Schwerindustrie“ Griechenlands

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Zeitschrift OXI 08.08.2017, Margarita Tsomou: „Er ist da, der Hochsommer. Auch wenn hierzulande nicht immer spürbar… Dafür kann man aber ja in den Süden fahren – zum Beispiel nach Griechenland! Griechenland ist nach einer Studie des Marktforschungsunternehmens Gfk in diesem Jahr das zweitbeliebteste Reiseziel der Deutschen – rund 3 Millionen sollen das Krisenland als Urlaubsort aufsuchen. In der deutschen Presse überlagern sich die Berichte zum Thema – man hat fast das Gefühl man wolle das Griechenlandbashing der letzten Jahre mit dem Bild des deutschen Tourismuskonsumenten wieder gut machen.

Aber auch die griechischen Medien schwärmen von dem Rekordjahr 2017. 30 Millionen Touristen sind auf dem Weg ins Land, letztes Jahr waren es noch 28 Millionen. Das ist sicher erfreulich: denn Griechenlands Tourismusbranche gilt, wie der Generalsekräter des Tourismusministeriums, Dimitris Trifonopoulos es ausdrückt, als die „Schwerindustrie“ des Landes. Die Wirtschaftslokomotive Tourismus wird nach Schätzungen des World Travel and Tourism Council (WTTC) in 2017 18,6% des BIP erwirtschaften.

Profitieren tut Griechenland dabei von der schlechten politischen Lage in der Türkei und in Ägypten: das Land gilt als sicher, vor allem, so heißt es, nachdem seit 2015 die vielen Demos und Streiks abgeebt sind und der EU-Türkei-Deal die Menge an Geflüchteten zurückhält. Nicht zuletzt scheint das Phänomen des Solidaritätsurlaubs einzusetzen: man möchte eine Art Wiedergutmachung leisten und als Touristen helfen.

Doch auf meiner Herkunftsinsel, dem beliebsten Reiseziel Skiathos, wird trotz der hohen Ankunftszahlen, vor allem unter Geschäfteinhaber*innen und Restaurantbesitzer*innen gejammert, die Gewinne wären nur mäßig. Tatsächlich folgen den hohen Touristenzahlen nicht die entsprechenden Einnahmen, das war schon 2016 der Fall. Gemäß der letzten Zahlen der Griechischen Nationalbank sind die Einnahmen des Sektors in 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 4,2% und damit um 576 Millionen Euro gesunken. Dabei sind durchschnittlichen Ausgaben eines/r Tourist*in pro Reise um 9% zurückgegangen. Mehr Touristen also geben insgesamt weniger aus. Das liegt auch daran, dass durch die wiederholten Erhöhungen der Mehrwertsteuer Griechenland teurer geworden ist.
Die erhöhten Steuern drücken auch die Gewinne, der vor allem durch Kleinunternehmertum gestützten Branche. Meine Freundin Alex (36), die auf Skiathos ein kleines Souvenirgeschäft betreibt, konnte früher den ganzen Winter davon leben. Mittlerweile, berichtet sie, findet sie sich nach Abzug der Steuern am Ende der Saison mit ein paar Tausend Euro wieder und überbrückt die Zeit mit Arbeitslosengeld.

Die erhöhten Kosten werden aber auch durch die schlechten Arbeitsbedigungen und die miserablen Löhne ausgeglichen. Die Lage der Arbeitnehmer*innen im Tourismus ist die Schattenseite der boomenden Zahlen.

Die Saisonarbeit im Sommer war schon immer einer der prekärsten und unreguliertesten Beschäftigungssektoren des Landes. Arbeit in den Erholungsstätten bedeutet über Monate lang jeden Tag zu arbeiten, oft ohne einen einzigen Tag Pause. Zudem gibt es meistens keine festgelegten Arbeitszeiten, man arbeitet so lange Nachfrage da ist, 14 Stunden am Tag sind keine Ausnahme, Überstundenzuschläge existieren nicht mal als Idee. Unversicherte und schwarze Arbeit ist ebenfalls üblich – vor allem bei den vielen migrantischen Saisonarbeiter*innen aus Albanien, Bulgarien und Rumänien. Dazu kommt das Problem der Behausung: Saisonarbeiter*innen finden bei den touristischen Unterkunftspreisen keine bezahlbare Wohnung, sie kommen in den letzten Absteigen unter und müssen sich oft zu mehreren Personen Zimmer teilen – auch um das Geld für den Winter anzusparen. Denn das Durchschnittsmonatsgehalt für eine Reinigungskraft beträgt rund 700 Euro, 800 für eine* Kellner*in. Meine Freundin Natalia (39), die als gelernte Betriebswirtin in einem Reisebüro arbeitet, fühlt sich mit 1000 Euro schon als priviligiert. Aber angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen und der niedrigen Löhne, ist der Tourismus oft die einzig sichere Einkommensquelle und deswegen macht man es trotzdem.
„All das Wachstum im Tourismussektor, all diese Rekorde an Besuchern und Einnahmen, scheinen keine positiven Auswirkungen auf die Arbeit zu haben, erklärt Panagiotis Prountzos, vom Verband der Angestellten im Tourismus und der Gaststättenbranche.

So regt sich auch zaghafter Widerstand: eine neue wilde Gewerkschaft der Tourismusarbeiter*innen mit dem Namen „Latza“, griechisch für „Tellerwäscher“, hat im Juli die Kampagne #saisonfight begonnen. Dabei werden schlechte Arbeitsbedigungen registriert und sich untereinander organisiert.
Denn die Lokomotive der griechischen Wirtschaft wird von der Armee der „working poor“ angebetrieben – um den ökonomischen Erfolg des Spitzensektors zu einem wirklichen Ausweg der Bevölkerung aus der Krise zu machen, müssten die Arbeitsverhältnisse entsprechend angepasst werden.“

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3 Antworten zu Die „Schwerindustrie“ Griechenlands

  1. Claus Kittsteiner schreibt:

    Ergänzung bzgl. nachlassender Einnahmen trotz steigendem (Auslands-)Tourismus in Griechenland:
    Meine Freunde auf Lesbos, Tavernenbesitzer in Mytilini, klagen immer wieder über die Tatsache, dass trotz steigender z.B. deutscher Tourist*innenzahl im Unterschied zu früher vor allem die fehlenden griechischen Inlandstouristen vom Festland mangels Geld eine primäre Ursache des Lochs in ihrer Kasse sind. Ursache? Hier wohl keine Frage…
    Claus Kittsteiner, Mytilini u. Berlin

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  2. Herbert Hensler schreibt:

    Gibt es in der griechischen Presse keine Informationen über die Auswirkungen der All inklusiv Angebote ausländischer Großkonzerne? Ich habe den Eindruck, hier wird totgeschwiegen, dass die Tourismuskonzerne den Rahm abschöpfen, die Tavernen und kleinen einheimischen Hotels leiden darunter.

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