Urlaub im Elend – Bericht aus Idomeni

Von Nannina Matz und Florian Kessler

IdomeniWir sind ein nettes, harmloses Pärchen. Und wir waren im Urlaub. In Griechenland. Das Wetter war gut, die Menschen freundlich. Dabei waren wir an einem Ort, an den sich die Europäische Union nicht hintraut: in Idomeni.

Elftausend Flüchtlinge leben hier nach wie vor auf offenem Feld vor der mazedonischen Grenze. Das Camp ist ein einziges Chaos aus zerschlissenen Iglu-Zelten, staubigen Feldwegen, von privaten Hilfsorganisationen aufgebauten Containern. Dazwischen überall Feuerstellen. Die Leute kochen in leeren Konservendosen. Auf den Bahngleisen spielen Kinder Seilspringen. An den Essensausgaben der Privatinitiativen warten ihre Eltern viele Stunden, wenn nicht gerade vorne am Grenzzaun mit Tränengas auf sie geschossen wird.

Spätestens seit hier die Balkanroute mit einem Rumms zugemacht wurde, woraufhin sich in Deutschland die Laune unserer besorgten Bürger besserte, helfen viele Dorfbewohner aus Idomeni und Umgebung, wo sie nur können: Sie kochen für die Flüchtlinge, spenden Kleidung, bringen nachts Zeltplanen zu einer syrischen Großmutter im Rollstuhl, die mit ihrer verzweifelten Familie ohne Essen und Schutz unter freiem Himmel übernachten muss.

Wie viele freiwillige Helfer aus ganz Europa wollten auch wir helfen. Zwei Wochen lang haben wir Lkw ausgeladen, Spenden sortiert, Kleider an Flüchtlinge ausgegeben, Bananen an Kinder verteilt. Gemeinsam mit einer fast 70-jährigen Holländerin und ihrem Sohn, Studenten aus Norwegen, Hippies aus Spanien, in Kabul geborenen Sprachtalenten aus Dänemark, Organisationsgenies in Warnwesten aus Tschechien und einem bayerischen Gastronomen, der 10.000 Hipp-Baby-Gläschen mit Geschmacksrichtung „Kaiserschmarrn“ organisiert und mit dem Lkw nach Griechenland gefahren hat. Und wenn wir alle spät abends kaputt zusammensaßen, dann fanden wir schon bemerkenswert, wie die Europäische Union derzeit mit den Kriegsflüchtlingen in Idomeni und überhaupt mit Flüchtlingen umgeht.

In dem 300-Seelen-Dorf Idomeni hat inzwischen eine Western-Union-Bankfiliale aufgemacht, vor der die Flüchtlinge in ihren kaputten Kleidern und Schuhen Schlange stehen. So schlecht gekleidet sind sie, weil Griechenland durch die schwerste Krise seiner Staatsgeschichte taumelt und die Sache mit der Flüchtlingsversorgung nicht hinbekommt. Aber die Flüchtlinge wissen sich notgedrungen auch anders zu helfen. Über Western Union bekommen sie Geld zum Überleben, das ihnen ihre Verwandten senden, solange diese selbst noch letzte Reserven haben. Mitten in Europa überleben seit zwei Monaten Kriegsflüchtlinge nur, weil sie unter anderem Hilfe aus dem ausradierten Aleppo, aus dem Hindukusch, aus den aus dem Boden schießenden, Sklavenarbeits-Nähereien für syrische Flüchtlinge in der Türkei und im Libanon bekommen.

Europa hat sich in Idomeni von jeglicher Schutzverpflichtung abgewandt. Hier schauen höchstens ein paar müde griechische Polizisten mit Mundschutz aus der Ferne zu, wie Familien gegen die Nachtkälte ihre Isomatten verbrennen. Hier verkaufen Klein-Unternehmer aus dem Zelt heraus Zigaretten, während neben ihnen Mütter um Babynahrung für ihre Kinder betteln.

Die Forderung ist also simpel. Und im Grund auch konservativ, da sie unsere demokratischen Überzeugungen schützen und erhalten will. Sie lautet: Behandelt Flüchtlinge angemessen, und sichert ihnen geregelte Verfahren. Wofür sie sofort aus Idomeni herausgeholt werden müssen. Europa darf Idomeni und die vielen anderen griechischen Lager nicht uns harmlosen Pärchen überlassen.

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3 Antworten zu Urlaub im Elend – Bericht aus Idomeni

  1. Havelblogger schreibt:

    Hat dies auf Ein "Willkommen" für Flüchtlinge rebloggt und kommentierte:
    ERSCHÜTTERND:

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  2. Ursula Mathern schreibt:

    Sehr gut!

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  3. Sigrid Muschik schreibt:

    Seit dem Sommer 2015 arbeite ich fast täglich, und nicht nur ich, in Idomeni. Insgesamt haben die tausenden von ehrenamtlichen Helfern und Gruppen von Menschen, die keiner staatlichen Organisation angehören sondern NUR helfen wollen, mehr als als 35 Millionen Portionen Essen in Griechenland in 2015 an die Flüchtlinge verteilt. Essen, dass z.B. auch von den Bauersfrauen in Idomeni gekocht und verteilt wurde. Die staatliche Hilfe ist nicht existent, und das offensichtlich ganz bewußt. Man will vor allem in Idomeni nichts tun und hofft so, dass die Flüchtlinge von alleine aufgeben und dort verschwinden. Das sie noch immer aushalten hat viele Gründe. Sie hoffen eben vor allem noch immer, dass die Grenze plötzlich doch geöffnet wird. Jeden Abend versuchen ungefähr 1000 Menschen illegal die Grenze zu überschreiten. Am nächsten Tag werden die gefassten wieder zurückgebracht. Da die Menschen nicht nur direkt in Idomeni an der Grenze ausharren sondern auch in den vorgelagerten Lagern und in wilden Camps um Idomeni herum, kann man nicht genau die Zahl der Flüchtlinge angeben. Die verschiedenen ausländischen Gruppen, wie z.B. die Sozialküchen mit ihren täglichen heißen Suppen, leisten eine unglaubliche und bewundernswerte Arbeit. Aber sie werden von der griechischen Regierung und der Polizei nicht geliebt. Am liebsten hätte man keine ausländischen Organisationen und Hilfsgruppen vor Ort. In den von der Armee betriebenen Camps mehr im Landesinneren haben ehrenamtliche, egal ob Griechen oder Ausländer keinen oder nur selten Zutritt. Die Flüchtlinge müssen dort mit dem ausharren, was das Militär und regierungstreue NGOs ihnen zur Verfügung stellen. In einigen ist besonders die Situation für Babys und Kleinkinder äußerst gespannt, da die Bereitstellung von Milch und Babynahrung bisher ausschließlich durch Ehrenamtliche erfolgte. Das Militär hat eben keine Erfahrung damit, dass Babys keinen Erbseneintopf essen. Es stimmt, in Idomeni gibt es jetzt die Möglichkeit für die Flüchtlinge Geld geschickt zu bekommen. Aber, überlebt haben diese Flüchtlinge auf ihrer 15tägigen Odysee durch Griechenland nur und ausschließlich auf Grund der unfassbaren und umfangreichen Solidarität von privaten Personen, Griechen und Ausländern, die ihre eigenen Ausgaben beschnitten haben um so auch noch, und wenn nur einmal jede Woche, 5 oder 6 weitere Menschen mit einer gekochten Mahlzeit versorgen zu können. Die Menge an Lebensmitteln, Kleidung, Schuhen, Windeln, Feuchttüchern, Toilettenpapier etc, die täglich für die laut Regierung 54 000 Flüchtlinge aufgebracht werden müssen, ist unfassbar groß und wird durch die Bevölkerung geleistet. Seit einigen Wochen nehmen Griechen verstärkt Flüchtlinge in ihre Wohnungen auf. Dies ist die Antwort darauf, dass die Grenzen zu sind und der Staat nichts macht.
    Wie muss die Forderung an Europa heißen?
    1. Einhaltung der Genfer Konvention ohne jegliche Abstriche!
    2. Öffnung der sicheren Landwege für Flüchtlinge an die griechische Grenze – denn es gibt eine Grenze mit der Türkei, die nicht über das Meer führt. Viele viele Menschen könnten leben, wenn man ihnen diesen sicheren Landweg erlaubt hätte!
    3. Eine menschenwürdige Behandlung aller Flüchtlinge in allen Ländern!

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