Neujahr 2016 auf Lesbos (von Claus Kittsteiner)

Liebe Freunde,

zum Jahresbeginn 2016 wünsche ich Euch Gesundheit, eine möglichst angstfreie Zeit angesichts des vielerseits herbeigeschriebenen oder realen Gefahrenpotentials und viel Energie beim Sichzeigen gegen die drohende Dominanz von Bauchgefühlen im näheren oder weiteren Umfeld. Es gibt viel zu tun für uns alle. Der Mensch ist, was er tut.

Mein Tun beschränkt sich, wie im August schon, seit Anfang November bis Mitte Januar auf die Arbeit, die sich durch die Ankunft derer auf Lesbos und anderen griechischen Inseln in der Nähe der Türkei ergibt, die sich wegen Kriegen und Existenznöten auf den Weg zu uns machen. Meist aus den durch Bomben und Krieg zerstörten syrischen Städten kommend, aber auch aus Regionen und Ländern, die sich wegen interner Machtkämpfe grundlegend verändern – auch durch unseren Hunger nach Energie und die damit zusammenhängenden Kriege in den letzten Jahrzehnten und durch die Konkurrenzkämpfe um Einflusszonen in Nahost. Die Bevölkerung wurde dabei nicht gefragt, die Erträglichkeit ihrer Lebensbedingungen und ihre kulturellen Bedürfnisse gehörten nicht zu den Berechnungsfaktoren, ebensowenig wie die Zukunftsfolgen der Kriege für die jeweilige Region.


So folgen nun viele Migranten – symbolisch aus meiner Sicht – der Spur ihres Öls, oder – von der afrikanischen Küste kommend, u.a. der Spur ihrer von den Schleppnetzen der ausländischen Fangflotten rücksichtslos und massenhaft weggefischten Lebensgrundlage. Sie machen sich auf den Weg nach Norden nach dem Motto „etwas Besseres als Hunger, Elend und Tod finde ich überall“.

Mit Hilfswilligen aus aller Welt kehren wir ehrenamtlich Helfenden nun die Scherben von gescheiterter Politik zusammen, kümmern uns um die Versorgung der vor den veränderten Verhältnissen Flüchtenden. Aufgaben, um die sich Regierungen herumdrücken mit vielfachen Ausreden, auch ängstlich fixiert auf Wählerumfragen. Hin und wieder zeigt sich ein Politiker vor den Kameras, lobt die Arbeit der Freiwilligen und verschwindet nach salbungsvollen Worten ohne Folgen, wenn ihn z.B. der Bürgermeister der Hauptstadt von Lesbos fragt, warum denn die Flüchtenden mit ihren Kindern nicht sicher über die Fähren von der Türkei übersetzen dürfen in Anbetracht der vielen Ertrunkenen, darunter auch sehr viele Kinder. Humanitäre Bekundungen nicht nur im Munde zu führen, sondern sie umzusetzen an Stelle von todbringenden EU-Regeln fordert auch er damit – unbequemer Weise.

Lesbos 2016

Auch hier auf Lesbos sind – wie in den Jahren zuvor und, wie es heißt, auch weiterhin in den kommenden Jahren – in den ersten Tagen des neuen Jahres 2016 zahlreiche Schlauchboote aus der Türkei angekommen – bei null Grad, die Menschen durchgefroren, durchnässt, krank, nach lebensgefährlicher Überfahrt bei Wind und Wellen aufgelöst weinend, schockiert schweigend, traumatisiert. Wenn wir die Hilflosen so empfangen, mit trockener Bekleidung, Schuhen, Wasser etc. versorgen, haben wir alles andere zu tun als große Überlegungen anzustellen, über große Lösungen zu grübeln, auf dumpfe Fremdenfeindlichkeit und offenen Rassismus und Hass einzugehen. Die Menschen sind einfach da, sie stehen vor uns, ihnen muss geholfen werden, egal warum und woher sie kommen. Alles andere wäre im höchsten Maße unmenschlich! Was würden AFDler und Pegidas denn tun, wenn sie am Strand der Inseln mit dieser Situation konfrontiert würden? Was haben sie überhaupt zu bieten? Und wo bleibt die hohe Politik? Was würde geschehen ohne die freiwilligen Helfer?

Für mich hat das, was ich hier an den Küsten von Lesbos erlebe, auch einen direkten Bezug zu meiner eigenen Lebensgeschichte, das wird mir oft nachts in aller Stille beim Verarbeiten des Erlebten wieder bewusst aus den Erzählungen meiner Mutter.
Das Berliner Zuhause kurz vor Kriegsende von Bomben zerstört, verzweifelte Menschen auf der Flucht, strenge Minusgrade, erfrorene Babies, auf der Flucht aus dem Osten unter dem dicken Mantel eines Möbelfahrers durch dessen Körperwärme vor dem Erfrieren bewahrt – ich hatte ‚Glück’!

Lesbos 2016

Ein wenig von diesem Glück zurückgeben zu können, das ist mein Wunsch und mein Ziel auch für 2016.

Alles Gute für das neue Jahr und viel Kraft für mitmenschliches Tun, liebe Freunde, das wünscht Euch Claus

In Memoriam
Ägäis, nachts. Das türkische Küstenwachboot sucht nach Illegalen. Nicht weit davon in der Finsternis versteckt: Ein mit Flüchtenden überladenes Schlauchboot, kein Licht, keine Motorgeräusche. Ein Kind beginnt laut zu weinen. Der Schlepper ergreift das Kind, zu hören ist nur der Aufschlag im Meer. Stille. Die Küstenwache dreht ab, die nächtliche Fahrt zur Festung Europa geht weiter. Geschehen im Herbst 2015. (Claus Kittsteiner, Lesbos)

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Eine Antwort zu Neujahr 2016 auf Lesbos (von Claus Kittsteiner)

  1. bluecrystal7 schreibt:

    Hat dies auf meinesichtweise rebloggt und kommentierte:
    „Mein Tun beschränkt sich, wie im August schon, seit Anfang November bis Mitte Januar auf die Arbeit, die sich durch die Ankunft derer auf Lesbos und anderen griechischen Inseln in der Nähe der Türkei ergibt, die sich wegen Kriegen und Existenznöten auf den Weg zu uns machen. Meist aus den durch Bomben und Krieg zerstörten syrischen Städten kommend, aber auch aus Regionen und Ländern, die sich wegen interner Machtkämpfe grundlegend verändern – auch durch unseren Hunger nach Energie und die damit zusammenhängenden Kriege in den letzten Jahrzehnten und durch die Konkurrenzkämpfe um Einflusszonen in Nahost. Die Bevölkerung wurde dabei nicht gefragt, die Erträglichkeit ihrer Lebensbedingungen und ihre kulturellen Bedürfnisse gehörten nicht zu den Berechnungsfaktoren, ebensowenig wie die Zukunftsfolgen der Kriege für die jeweilige Region.

    So folgen nun viele Migranten – symbolisch aus meiner Sicht – der Spur ihres Öls, oder – von der afrikanischen Küste kommend, u.a. der Spur ihrer von den Schleppnetzen der ausländischen Fangflotten rücksichtslos und massenhaft weggefischten Lebensgrundlage. Sie machen sich auf den Weg nach Norden nach dem Motto „etwas Besseres als Hunger, Elend und Tod finde ich überall“.“

    (…)

    In Memoriam
    Ägäis, nachts. Das türkische Küstenwachboot sucht nach Illegalen. Nicht weit davon in der Finsternis versteckt: Ein mit Flüchtenden überladenes Schlauchboot, kein Licht, keine Motorgeräusche. Ein Kind beginnt laut zu weinen. Der Schlepper ergreift das Kind, zu hören ist nur der Aufschlag im Meer. Stille. Die Küstenwache dreht ab, die nächtliche Fahrt zur Festung Europa geht weiter. Geschehen im Herbst 2015.“

    (Claus Kittsteiner, Lesbos)

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