Reisetagebuch der Griechenandsoli-Reisegruppe – 2. Tag

Reisetagebuch 2015 II

Donnerstag, 17.9.

γεια σας! καλημέρα σας!

Guten Morgen und guten Tag zusammen!

Gestern Morgen um 3:30 Uhr habe ich mich auf den Weg nach Griechenland gemacht.

Pünktlich um 7:00 Uhr ging mein Flieger via Zürich nach Athen. Nach 12 Jahren Abwesenheit, war ich schon sehr gespannt auf Athen. 2003 war Athen im Olympia Rausch. Die Welt blickte auf Athen. Die Stadt wollte die Welt zu den Olympischen Spielen begrüßen. Das liegt heute eine große Ewigkeit zurück. Auf dem Weg zum Hotel bietet sich mir ein anderes Athen. Verfallene Häuser, geschlossene und aufgegebene Geschäfte. Olympiastätten ohne Glanz. Griechenlands Krise ist nicht übersehbar.

Die bevorstehende Wahl am Sonntag ist natürlich Thema Nummer 1 im Straßenbild.

Wie in Hamburg ist jeder Baum und jeder Laternenmast mit „wohlklingenden“ Wahlversprechen besetzt. Die bisherigen Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen für Sonntag voraus. Ich bin gespannt.

Jetzt aber wieder zurück zu gestern. Nachdem ich nachmittags eingecheckt hatte, schnell 4 Espressi getrunken hatte, bin ich mit Rolf und einigen anderen TeilnehmerInnen der Soli-Fahrt nach Perama aufgebrochen. Die Übergabe der Geldspende wurde kurzfristig auf gestern vorverlegt. Das offizielle Treffen findet am Montag statt.

Im Arbeitslosenzentrum wurden wir schon sehnsüchtig erwartet und sehr, sehr herzlich begrüßt. Die griechische Gastfreundschaft „Philoxenia“ ist ja sprichwörtlich. Sofort wurden uns Wein, Bier, Wasser und Mezedes (griechische Häppchen) gereicht.

Nach einem kurzen Austausch über die momentane politische Situation, das große Programm ist ja am Montag, habe ich mit einigen erklärenden Worten und Ergänzungen von Rolf die Spende übergeben. Staunen! Ergriffenheit! Freude! Tränen! Reaktionen, die mich richtig stark berührt haben.

(Regina aus HH-St.Georg)

Freitag 18.9.

Morgens kam Damon zu uns ins Hotel. Ihn kennen wir schon seit unserer ersten Reise 2012, als er für uns übersetzte und damit vieles möglich machte. Er ist schon über 70, sehr sehr rüstig, war engagiert im Nationalrat zur Forderung nach deutschen Reparationsforderungen, in den 70ern zählte er zu den führenden Leuten von PASOK, im Februar kandidierte er als Parteiloser auf der Liste der ANEL, ist glühender Patriot, kennt alle und jeden und hat eine sehr dezidierte Meinung, die er auch für die einzig richtige hält. In Manchem hat er ja auch recht behalten. So sagte er schon vor zwei Jahren, Syriza werde zu einer neuen PASOK, was die meisten mit Kopfschütteln quittierten. Er begründet das damit, dass in einem kapitalistisch-bürgerlich-demokratischen System es zwei Parteipole geben müsse, die sich an der Regierung ablösen, wenn sich die jeweils an der Regierung befindliche verbraucht hat. Früher waren das Nea Demokratia und PASOK, jetzt nach dem Absturz von PASOK rücke eben Syriza in diese Position. Das sei jetzt nach dem 12. Juli endgültig deutlich geworden.

Wir kamen dann auf die Wahlen am Sonntag zu sprechen und fragten ihn, wen er denn wählen werde. Zu unserer Verblüffung fing er auf einmal an von Tsipras zu schwärmen. Seiner Ansicht nach habe Tsipras, der bis zum Juli wie die anderen Linken auch in einer anderen, irrealen Welt gelebt habe, die Realität erkannt und habe im letzten Moment die Notbremse gezogen, indem er das dritte Memorandum („Hilfspaket“) unterschrieben habe. So habe er Griechenland vor der Zerstörung bewahrt und es in der Eurozone gehalten. Jetzt habe er die Chance die nötigen Reformen durchzuführen und Griechenland zu einem wirtschaftlichen Neuaufbau zu verhelfen. Dieser sei die einzige Perspektive und dazu müssten die Griechen arbeiten, arbeiten, arbeiten, um wettbewerbsfähig zu werden. Tsipras sei dafür geeignet, weil er nicht korrupt und in die alten klientelistischen Netzwerke verstrickt sei wie z.B. die Figuren von der Nea Demokratia (ND). Das Argument unsererseits, ein Neuaufbau werde wohl schwierig, wenn der noch existierende und funktionierende Rest der griechischen Wirtschaft an ausländische Investoren verhökert werde (wie z.B. die rentablen Flughäfen an Fraport), ließ er nicht gelten. So wie er denken wohl viele, die sich nicht linksaußen verorten. So berichtete Rolf von einem Gespräch am Mittwoch mit einem Anwalt, der bei uns wohl FDP-Wähler wäre. Dieser wolle jetzt auch Syriza wählen, da diese die einzigen seien, die nicht korrumpiert seien und deshalb ein Reformprogramm durchführen könnten. Er vermute, dass der intelligente Teil der ND-Wähler sich ähnlich verhalten werde. Andererseits werde ein Teil der Wähler der faschistischen „Goldenen Morgenröte“ (griechische Abkürzung CA) diesmal für die ND stimmen um Tsipras zu verhindern. Na ja, Wahlarithmetik.

P1000865Für abendshatten wir uns verabredet zu der angekündigten Demo anlässlich des zweiten Jahrestags des von einem Faschisten der CA ermordeten Rap-Sängers Pablo Fissas alias Killah P zu gehen. Wir nahmen einen Bus kurz nach halb sechs vom Omonia-Platz, der sofort rappelvoll mit jungen Leuten mit demselben Ziel war. Es war Rush Hour, d.h. der Bus bewegte sich die ersten Kilometer nur im Schneckentempo Richtung Keratsini, einem Stadtteil, der an Perama grenzt, d.h. ziemlich ab vom Zentrum. So dauerte die Fahrt ziemlich lange, war aber kein Problem, weil in Griechenland ein Demobeginn um 18h nicht heißt, dass es um 18h losgeht, sondern eher 19.30h. Zu unserer Verwunderung waren nicht besonders viele Leute da, die sich versammelten und dann auch noch offensichtlich getrennt nach diversen autonomen oder anarchistischen Spektren. Es mögen so zwischen 1000 und 2000 gewesen sein, überwiegend junge Leute. Gleichzeitig war auf dem Syntagma-Platz die zentrale Wahlveranstaltung von Syriza, dann gab es noch an der Gedenkstätte in Keseriani (wo die Nazibesatzung Widerständler hinrichtete) ein Rap-Konzert, zu dem nun wieder andere Autonome aufgerufen hatten. Insofern war es nicht verwunderlich, dass es keine machtvolle Demo wurde. Der Zug ging dann durchs Viertel, wobei er sich zwischenzeitlich in drei getrennt gehende Blöcke auflöste nach uns nicht ersichtlichen ideologischen Unterschieden. Gegen Ende begannen einige Jugendliche sich Gesichtsmasken überzustreifen, worauf Babis aus Perama, der mit seiner Familie bei einem Teil von uns war, uns das Zeichen gab sich aus dem Staub zu machen, was wir dann auch taten. Ein anderer Teil von uns, der weiter vorne mitlief, bekam dann noch etwas Tränengas ab, als die Scharmützel mit der Polizei begannen.

Zurück in unserem Viertel kamen noch Eurydike und ihr Mann Elias zu uns. Eurydike kennen wir auch schon seit 2012, als sie uns beim Übersetzen half. Sie ist Journalistin bei der „FAZ“ Griechenlands, der Kathimerini, die einem Reeder gehört. Sie berichtete, dass bis zum 12. Juli Tsipras der meistgehasste Mann in der Chefredaktion war und dass Kathimerini wie die anderen Zeitungen und Fernsehsender gegen ihn hetzten. Nach dem 12. Juli änderte sich auf einmal alles, jetzt ist Tsipras der neue Liebling! Auf die Frage, wie sie denn die ganzen Ereignisse erlebt bzw. überlebt habe, meinte sie, es sei gut gewesen, dass sie zu der Zeit gerade in Urlaub war. Sie und ihre Freunde waren buchstäblich für einige Zeit in Schockstarre und konnten überhaupt nicht mehr sprechen. Sie hatten mit vielem gerechnet, aber nicht mit einer solchen Kehrtwende. Ich sprach noch mit ihrem Mann, was er denn wählen werde. Er meinte, er werde wohl wählen gehen, aber wahrscheinlich ungültig. Auf meine Frage, warum er denn überhaupt hingehe, meinte er, er sei nicht so enttäuscht wie viele andere. Er habe nie daran geglaubt, dass Tsipras Griechenland retten könne. Das sei völlig unrealistisch gewesen. Was er Tsipras allerdings übelnehme, sei, dass er den Mund zu voll genommen habe. Z.B. habe er vor dem Referendum gesagt, er werde kein Ministerpräsident „für jedes Wetter“ sein. Ein griechischer Ausdruck für: Ich stehe nicht für alles zur Verfügung. Und jetzt wolle er genau das werden, ein „Allwetter“-Präsident. Deshalb wolle er ungültig wählen.

Ich finde es sowieso erstaunlich, wie die Griechen diesen ganzen Wahlzirkus aushalten und mitmachen. Letztes Jahr innerhalb von zwei Wochen Kommunal- und Europawahlen. Dann im Januar Parlamentswahlen, im Juli das Referendum, jetzt wieder Parlamentswahlen. Und es ist ja nicht so wie bei uns mit dem Wahlrecht. Es gibt keine Briefwahl, d.h. jede® muss dahin, wo er registriert ist, in der Regel ist das ihr/sein Geburtsort! D.h. am Wahltag ist großer Reisetag und wer im Ausland lebt, muss fliegen oder wählt nicht. Die meisten Deutschen würden da beim fünften Mal in anderthalb Jahren sagen, ihr könnt mich mal. Die Griechen scheinen das stoisch hinzunehmen, wobei ich aber doch schon auf die Wahlbeteiligung am Sonntag gespannt bin. Mein Tipp: historisch niedrig.

(manfred)

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2 Antworten zu Reisetagebuch der Griechenandsoli-Reisegruppe – 2. Tag

  1. kokkinos vrachos schreibt:

    Gespräch zu Griechenland-Reise und Refugees auf dem Weg nach Deutschland

    Wir hatten die Gelegenheit ein Gespräch mit zwei Anarchist*innen aus Berlin zu führen, die im Sommer insbesondere in Griechenland unterwegs waren – über Syriza und die Stimmung vor Ort, die Situation der Refugees auf den Inseln, Erzählungen syrischer Flüchtlinge über ihr Leben und ihre Fluchtgründe und eine persönliche und nachdenkliche Reflektion über den eigenen „Urlaub“ und die Privilegien deutscher Staatsbürger*innen.

    Länge: 45:34 min

    Den zugehörigen Audiobeitrag könnt ihr ab sofort hier herunterladen: http://aradio.blogsport.de/2015/09/19/gespraech-zu-griechenland-reise-und-refugees-auf-dem-weg-nach-deutschland/

    vg, kv

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  2. kokkinos vrachos schreibt:

    Gegen Spardiktate und Nationalismus – Solidaritätsreise nach Griechenland im September 2015

    Dritte Solidaritätsreise nach Griechenland Herbst 2014“Seit 2012 reisen wir jährlich nach Griechenland und besuchen Projekte, die sich in den verschiedensten Bereichen zusammengefunden haben, um gegen die unmenschlichen Folgen der Sparpolitik aus Brüssel und Berlin praktischen Widerstand zu leisten. Wir sind eine Gruppe von ca. 35 Kolleginnen und Kollegen, Genossinnen und Genossen, die in deutschen Gewerkschaften und in sozialen Bewegungen aktiv sind. (…) Wir reisen weder im Auftrag unserer Gewerkschaftsvorstände noch von politischen Parteien. (…) Gemeinsam wollen wir durch diese Reise unsere Solidarität zeigen, unsere Erfahrungen austauschen und darüber diskutieren, was es braucht, um ein solidarisches Europa von Unten durchsetzen zu können…”

    http://www.labournet.de/interventionen/wipo-gegenwehr/eu/wir-sind-alle-griechen/solidaritaetsreise/gegen-spardiktate-und-nationalismus-solidaritaetsreise-nach-griechenland-im-september-2015/

    vg, kv

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