Aufschwung in Griechenland – für wen?

Bild: Yorgos KonstantinouImagistan

Von Achim Rollhäuser
Wenn es um Griechenland geht, wird auch in der deutschen Presse viel vom erstaunlichen Aufschwung der Wirtschaft und der Erholung der Staatsfinanzen gesprochen. Das Eingreifen der Troika von EU-Kommission, EZB und IWFi – Schäuble und Merkel waren die Antreiber – Anfang der 2010er Jahre wird als Erfolgsmodell verkauft.
Fakt ist, dass die Staatsverschuldung seit dem Beginn der von der Troika oktroyierten Austeritätsmaßnahmen 2010 praktisch gleich geblieben ist (2010 ca. 330 Mrd. € ≙ 146 % des BIP, 2025 ca. 360 Mrd. Euro ≙ 150 % des BIP), der Sozialstaat aber praktisch abgeschafft wurde. Schulen und Universitäten verrotten, das öffentliche Gesundheitssystem wurde kaputtgespart, viele öffentliche Dienstleistungen wurden auf ein Minimum reduziert oder völlig beseitigt. Wer das Geld hat, schickt seine Kinder auf private Schulen und Unis und lässt sich in privaten Kliniken und von Privatärzt*innen behandeln. Alle anderen müssen zusehen, wie sie zurechtkommen.

Diese anderen stellen die große Mehrheit der Bevölkerung dar. Griechenland hat in der EU den vierthöchsten Anteil von Bürger*innen, die an oder unter der Armutsgrenzeii leben, nämlich 34,6 %iii. Soweit es die subjektive Armutiv betrifft, fühlen sich sogar 2/3 aller Griech*innen armv.

Das kommt daher, dass

  • die Reallöhne zum großen Teil unter dem Niveau vergangener Jahre liegen,
  • die Teuerung rasant zunimmt,
  • die Verschuldung der privaten Haushalte steigt.

Dies zeigt der neue Vierteljahresbericht von IOBEvi. Danach betrug die Gesamtverschuldung privater Haushalte und Unternehmen gegenüber Banken, Finanzamt und Sozialkassen im dritten Quartal 2025 407,6 Milliarden Euro, was 164 % des BIPvii entspricht. Davon sind 235,6 Mrd. Euro überfälligviii.

Die Löhne steigen nicht oder nur sehr gering. Zwar war der Anstieg des nominalen Mindestlohnsix im Vierjahreszeitraum 2022–2025 etwas höher als der Anstieg des allgemeinen Preisniveaus; auch er bleibt jedoch hinter der Inflationsrate bei vielen Gütern des täglichen Bedarfs oder bei den Mietenx zurück. Dagegen ist das durchschnittliche Reallohnniveau der Vollzeitbeschäftigten im privaten Sektor sogar gesunken. Gegenwärtig sind im Vergleich mit allen EU-Ländern nur in Bulgarien die Löhne niedriger als in Griechenland.

Es ist eine höhere Inflation bei Grundnahrungsmitteln zu beobachten, was vor allem die Kaufkraft der am stärksten gefährdeten Verbraucher, wie z. B. der Geringverdiener oder Rentner*innen, beeinträchtigt. Die Inflationsrate für Lebensmittel im Zeitraum 2022–2025 lag bei 31,3 % und damit in etwa auf dem Niveau des Anstiegs des nominalen Mindestlohns, während allein für das Jahr 2025 der Anstieg der Mietpreise 10 % betrug und damit über der Erhöhung des Mindestlohns für dasselbe Jahr lag. Im Februar 2026 lag die Inflationsrate sogar bei 3,1 % und damit um 63 % höher als in der Eurozonexi.

Der gesetzliche Mindestlohn ist in den letzten Jahren immer wieder erhöht worden, im Zeitraum 2022–2025 um 32,7 %. Die durchschnittlichen Reallöhne und -gehälter dagegen sind gefallenxii; s. oben. Während die Änderungen des Mindestlohns in den letzten Jahren die Steigerungen des allgemeinen Preisniveaus ungefähr ausgeglichen haben, gilt dies nicht für die Durchschnittslöhne in der Wirtschaft. Beispielsweise verzeichnete der reale Durchschnittslohn nach einem Anstieg um 25 % im Zeitraum 2000-2009 im Zeitraum 2010-2023 einen systematischen Rückgang um insgesamt 30 %, so dass er 2023 real um 12,4 % unter dem Niveau von 2000 bliebxiii. So erklärt sich die gefühlte Armut von großen Teilen der griechischen Bevölkerung.

Der Mindestlohn lag in Griechenland im Jahr 2023 real um 5,9 % höher als im Jahr 2000. Dies bedeutet, dass sich der Abstand zwischen dem Mindestlohn und dem Durchschnittslohn in den letzten Jahren immer weiter verringert hatxiv. Außerdem werden immer mehr Arbeitende mit dem Mindestlohn bezahlt.

Zusammengefasst heißt das, dass zwar einige Bürger*innen während und nach der herbeigeführten Krise gut verdient haben – gelegentlich wird hier ein Prozentsatz von 20 % genannt, ohne dass es dazu aber genauere Belege gibt –, aber die große Masse der Bevölkerung von dem Wirtschaftsaufschwung nichts hat. Ihr geht es schlechter als vor der „Rettung“ durch die Troika, von der vorwiegend die deutschen und anderen europäischen Banken profitiert haben.

i Europäische Zentralbank, Internationaler Währungsfonds

ii Die Armutsgrenze (auch Armutsgefährdungsgrenze) wir in der Regel bei 60 % des durchschnittlichen Nettoeinkommens eines Landes angenommen. In Deutschland lag die Armutsgrenze 2024, in Kaufkraftstandards (KKS) gemessen, für einen Ein-Personen-Haushalt bei 1.260 €, in Griechenland bei 622 €, also ca. der Hälfte. Der EU-Durchschnitt lag bei 1.080 €; https://de.euronews.com/business/2025/11/24/armut-arbeitslosigkeit-einkommen-jobs.

iii https://www.griechenland.net/nachrichten/chronik/36947-%C3%BCber-ein-drittel-der-griechen-an-der-armutsgrenze. Die Griechenland Zeitung vom 20.09.25 nimmt Bezug auf EuroStat.

iv Subjektive Armut ist die Bewertung der eigenen finanziellen Lage, in der Regel ermittelt durch Fragen zum Einkommen oder zur Schwierigkeit, Rechnungen zu begleichen.

v https://www.reddit.com/r/europe/comments/1oeq8uw/subjective_poverty_rate_falls_to_174_in_2024/?tl=de#:~:text=Matej1683.%20%E2%80%A2%20vor%205%20Monaten.%20%22Subjektive%20Armut,Einkommensgrenze%20definiert%20zu%20werden.%22%20Oh%2C%20zum%20Teufel

vi https://iobe.gr/wp-content/uploads/2026/01/ECO_Q4_2025_REP_GR.pdf; IOBE ist die Stiftung für Wirtschafts- und Industrieforschung

vii Bruttoinlandsprodukt

viii Es handelt sich also um Zahlungsrückstände.

ix Der Mindestlohn ist zum 1.4.2026 auf 920 € brutto (bei einer 40-Std.-Woche) angehoben worden, was etwa 800 € netto entspricht. Tatsächlich wird aber sehr häufig weniger bezahlt, weil eine Teilzeitbeschäftigung vereinbart, aber faktisch Vollarbeitszeit verlangt wird.

x vgl. https://www.reuters.com/business/skyrocketing-rents-threaten-greeces-economic-rebound-2026-02-11/

xi https://www.kathimerini.gr/opinion/564148057/ta-magika-toy-plithorismoy/ (griech.)

xii Der Durchschnitts-Bruttolohn dürfte gegenwärtig bei ca. 1.200 bis 1.350 € brutto liegen, was einem Nettolohn von ca. 1.000 bis 1.150 € entspricht.

xiii Zum Beispiel verdienen viele jüngere Vollzeitbeschäftigte mit Bachelor- und Masterabschluss nicht mehr als 1.000 € netto. Da aber eine Zwei-Zimmer-Wohnung im weiteren Zentrum Athens kaum noch unter 600 € zu haben ist, ist eine große Zahl junger Erwachsener gezwungen, zuhause bei den Eltern zu leben.

xiv Das Durchschnittsgehalt liegt mittlerweile nur noch etwa 1/3 über dem gesetzlichen Mindestlohn oder sogar noch darunter; s. Fußnoten 7 und 8.

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