Das Prozentabkommen: Der Churchill-Stalin-Deal

1945 Winston Churchill and Marshal Stalin. Wikimedia Commons. Original Source: http://www.iwm.org.uk/collections/item/object/205200041

Von Gregor Kritidis
Der Hitler-Stalin-Pakt ist in Deutschland allgemein bekannt, das Geheimabkommen zwischen Churchill und Stalin über die Aufteilung des Balkans hingegen kaum: Bei der Moskauer Konferenz vom 9. bis 20. Oktober 1944, an der US-Vertreter nicht teilnahmen, kam der britische Regierungschef mit Stalin überein, den Balkan in Einflußsphären aufzuteilen. Demnach sollte Rumänien und Bulgarien überwiegend der Sowjetunion, Griechenland überwiegend Großbritannien zugeschlagen werden. Jugoslawien und Ungarn wollte man sich teilen. Damit hatten die Briten freie Hand, ihre noch während des Abzugs der Wehrmacht im September 1944 begonnene Intervention in Griechenland zu forcieren. Die politische und militärische Macht war mit dem Abzug der Wehrmacht faktisch auf die Nationale Befreiungsfront EAM, die stärkste Partisanenbewegung auf dem Balkan, übergegangen. Gut die Hälfte der Bevölkerung war in der EAM, der Jugendorganisation EPON und ihrem militärischen Arm, der ELAS organisiert. Es handelte sich um ein breites Bündnis, das von der kommunistischen Partei Griechenlands, der KKE, dominiert wurde. Die EAM war auf Ausgleich orientiert, da sie nicht vollkommen zu Unrecht befürchtete, dass Griechenland von Lebensmittellieferungen abgeschnitten werden könnte.

Bereits im ersten Besatzungswinter hatte es in Griechenland, da aufgrund der britischen Seeblockade die traditionellen Handelswege unterbrochen worden waren und die Besatzungsmacht ihrer völkerrechtlichen Verpflichtung, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, eine Hungersnot mit mehr als 100.000 Toten gegeben. Die ELAS unter der Leitung von Aris Velouchiotis repräsentierte dagegen den sozialrevolutionären Flügel der Bewegung und drängte darauf, keine weiteren Kompromisse mit der von den Briten dominierten Exilregierung einzugehen. Es kam anders: Britische Truppen wurden von der Front in Italien abgezogen und nach Griechenland entsandt. In der Schlacht von Athen im Dezember 1944 konnten die Briten die schwache, unter ihrem Einfluss stehende Übergangsregierung im Amt halten. Nachdem sich die EAM im Abkommen von Varkiza 1945 bereit erklärt hatte, die Waffen abzugeben und die ELAS in die neu zu bildenden Streitkräfte einzugliedern, begann ein beispielloser Terror der ehemaligen Kollaborationstruppen, auf die sich die Briten stützten. Der folgende Bürgerkrieg endete 1949 mit der Etablierung eines prowestlichen Regimes, in dem Königshaus und Armee zentrale Machtpositionen innehatten. Ehemalige Widerstandskämpfer saßen teilweise bis zum Fall der Obristendiktatur 1974 in Konzentrationslagern.

Da Stalin sich in Ungarn nicht an das Prozentabkommen hielt, sprach Churchill 1946 vom eisernen Vorhang, der sich in Europa gesenkt hätte. Die jugoslawische Partisanenbewegung konnte sich dagegen behaupten, und zwar gegen Ost wie West: Im Kominform-Konflikt 1948 widersetzte sich die jugoslawische Führung dem sowjetischen Druck einer Gründung sowjetisch-jugoslawischer Aktiengesellschaften, Sympathie mit dem „Titoismus“ galt seitdem im kommunistischen Lager als gefährliche Abweichung, die gnadenlos verfolgt wurde.

Die ökonomische Schwäche Großbritanniens führte zu einem stärkeren Engagement der USA im östlichen Mittelmeer. Als der Bürgerkrieg in Griechenland 1947 eskalierte, intervenierte Washington mit dem Marshallplan und Militärhilfe für die restaurierte Monarchie.

Für die KKE ist die Niederlage von 1949 bis heute ein Trauma. Alles war möglich, mit Blut, Napalm, Lagern, Exekutionen und Exil hat man die eigenen Fehleinschätzungen bezahlt. Die politische Rückendeckung, die sich die Partei von der Sowjetunion erhofft hatte, blieb aus. Für Churchill hatte die Sache politisch auch negative Folgen: Die skandalöse Griechenland-Politik trug auch zum Wahlsieg von Labour 1945 bei, eine grundlegende Änderung der britischen Außenpolitik war damit freilich nicht verbunden.

Literatur:
Mark Mazower, Griechenland unter Hitler. Frankfurt/Main 2016.
Hagen Fleischer, Im Kreuzschatten der Mächte: Griechenland 1941-1944. Frankfurt/Main 1986.

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