„Ohne jegliche Vorwarnung fuhr das Schiff über uns hinweg“

Foto vom Tod bringenden Boot der Küstenwache. Vom Schlauchboot machte die Küstenwache angeblich keine Fotos. – Bild von der Küstenwache veröffentlicht

Von Giorgos Pagoudis, efsyn 06.02.26 i:
>„Ohne jegliche Vorwarnung fuhr das Schiff über uns hinweg“
Die Schilderungen von Überlebenden widerlegen die Berichte der Hafenbehörde und auch die Erklärung des Hauptquartiers der Küstenwache, das genau das Gegenteil behauptet hatte ● Die Möglichkeit weiterer Vermisster besteht weiterhin ● Eine Delegation der Neuen Linken besuchte das Krankenhaus der Insel und sprach mit verletzten Patient:innen sowie Ärzt:innen

Auf den Grund der Ägäis sinkt seit gestern das Narrativ der Regierung und der Küstenwache, wonach das Flüchtlingsboot für das tödliche Schiffsunglück vor Chios verantwortlich sei, das fünfzehn Menschen das Leben kostete.

Zahlreiche Zeugenaussagen von Geflüchteten kommen nach und nach ans Licht und stellen die Wahrheit wieder her, die von den Behörden brutal verzerrt wurde, um die Folgen der tödlichen Politik zu vertuschen, die die Regierung der Nea Dimokratia seit 2020 bis heute an den Seegrenzen durchsetzt.

Nach dem ersten Schock, den die Opfer des tragischen Schiffsunglücks erlitten hatten, beginnen sie zu sprechen und legen die dramatischen Momente offen, die sie an Bord des Bootes erlebten, das sie nach Chios brachte. Menschen, die mit den Überlebenden gesprochen haben, übermitteln der Zeitung efsyn deren Aussagen so, wie sie sie gehört haben.

„Wir fuhren mit niedriger Geschwindigkeit, und kurz bevor wir die Küste erreichten, tauchte plötzlich ein Schiff auf und fuhr ohne jegliche Vorwarnung über uns hinweg“, sollen die Überlebenden in drei verschiedenen Fällen geschildert haben.

Diese Beschreibungen widerlegen die Berichte der Hafenbehörde von Chios sowie die Erklärung des Hauptquartiers der Küstenwache, das genau das Gegenteil behauptet hatte: „Der Führer des Schlauchbootes folgte nicht den Licht- und Tonsignalen des Patrouillenbootes der Küstenwache, sondern änderte die Fahrtrichtung, woraufhin es zu einer Kollision des Schlauchbootes mit der rechten Seitenwand des Patrouillenbootes kam“, hieß es in der Erklärung.

Laut der Schilderung eines geretteten Flüchtlings, wie sie der efsyn übermittelt wurde, war der Kurs des Patrouillenbootes der Küstenwache LS 1770 tatsächlich unerklärlich. Der Flüchtling zeigte den Kurs mit seinen Händen und deutete eine nahezu 90-Grad-Drehung des Patrouillenbootes an, die die beiden Boote auf Kollisionskurs brachte. „Es fuhr über uns hinweg“, soll das Opfer des Schiffsunglücks gesagt haben. Diese Aussage wurde später von einem zweiten Opfer bestätigt, während ein weiteres berichtete, dass ein Scheinwerfer sie kurz vor der verhängnisvollen Kollision blendete.

Mit Dolmetscher

Nur wenige Minuten nach der Veröffentlichung dieser Zeugenaussagen auf efsyn folgte auch die Bestätigung. Gestern befand sich auf Chios, genauer gesagt im Krankenhaus der Insel, eine Delegation der Neuen Linken, bestehend aus dem Parteisekretär Gavriil Sakellaridis und dem Abgeordneten des ersten Athener Wahlkreises, Nasos Iliopoulos. Sie besuchten die hospitalisierten Verletzten und hatten die Möglichkeit, in Anwesenheit eines Dolmetschers, der vom Direktor des Krankenhauses von Chios benannt worden war, sowohl mit ihnen als auch mit Ärztinnen und Ärzten zu sprechen.

„Gesundheitspersonal sagt, dass die Art der Verletzungen in keiner Weise durch die offizielle Version erklärt werden kann, die wir bisher gehört haben. Und das sagen Ärztinnen und Ärzte, die sehr genau wissen, wovon sie sprechen. Es gab die Aussage eines Menschen, der in Anwesenheit des Krankenhausdolmetschers mit uns sprach und uns sagte, dass es seitens der Küstenwache keinerlei Signal, keinerlei Warnung gegeben habe und dass das Schiff der Küstenwache über ihr Boot hinweggefahren sei: ‚Wir waren nur wenige Minuten von der Küste entfernt und fuhren mit geringer Geschwindigkeit. Hätten wir eine Warnung erhalten, hätten wir angehalten. Es waren Familien auf dem Boot, und wir wollten nicht, dass jemand stirbt.‘“, berichtete N. Iliopoulos, fast mit Tränen in den Augen.

Herr Sakellaridis würdigte die Rolle des medizinischen Personals und bezeichnete sie als „mehr als würdevoll. Sie sind unter Bedingungen der Selbstaufopferung in den Einsatz gegangen, obwohl sie solche Situationen gewohnt sind. Doch dieser Vorfall war aufgrund der Art der Verletzungen etwas anderes.“ In Bezug auf die Zeugenaussage, die – wie er betonte – in Anwesenheit eines von der Krankenhausleitung zur Verfügung gestellten Dolmetschers gemacht wurde, sagte er weiter: „Ohne dass irgendein Warnsignal vorausging, wurde plötzlich ein Scheinwerfer eingeschaltet, die Schiffe standen sich Bug an Bug gegenüber, und das Patrouillenboot fuhr über das Boot hinweg.“

…Die beiden Vertreter der Neuen Linken bezeichneten es als unvorstellbar, aber zugleich als typisch, dass der Vorfall erneut nicht von der Kamera des Schiffes aufgezeichnet wurde. „Ich erinnere daran, dass auch in Pylos – aus irgendeinem seltsamen Grund – die Kameras ebenfalls nicht funktionierten.“<

Zur Lüge von Staatsvertretern über Kameras auf dem Schiff der Küstenwache
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efsyn.gr 06.02.26 ii:
>Die Zweifel an der offiziellen Darstellung der Regierung bezüglich Kameras nehmen zu
…Es mehren sich die Stimmen, die öffentlich der staatlichen Darstellung zur Tragödie von Chios widersprechen, wonach die „Einschätzung“ des Kommandanten des Küstenwachschiffes nachvollziehbar gewesen sei, dass keine Notwendigkeit bestanden habe, die Kamera in Betrieb zu nehmen.

Nach einer Quelle von Frontex – dem Küstenwachkorps der Europäischen Union –, die diese Behauptung in einem Interview mit TVXS widerlegt hatteiii äußerte sich am Freitagmorgen auch Nikos Spanos, Admiral a. D. des Küstenwachkorps und internationaler Sachverständiger, als Gast des Fernsehsenders OPEN mit einer weiteren entsprechenden Stellungnahme.

Herr Spanos erklärte, dass alle Geräte, die sich an Bord von Schiffen des Küstenwachkorps befinden, insbesondere während eines Patrouilleneinsatzes, eingeschaltet sein müssen.

Er betonte zudem, dass das Schiff seinen Schlussfolgerungen aus der Sichtung des entsprechenden Videos zufolge mit einer Kamera ausgestattet gewesen sei und dass diese daher den zuständigen Behörden zur Verfügung gestellt werden müsse, damit diese untersuchen können, ob sie aufgezeichnet hat und was sie aufgezeichnet hat.

Zuvor hatte Herr Spanos bereits gegenüber dem Fernsehsender Mega darauf hingewiesen, dass das Außerbetriebsein von Kameras eine Praxis sei, die gegen die Vorschriften verstoße.

…Er bezeichnete die Situation vor dem Schiffbruch als äußerst gefährlich, da es sich um ein überladenes Boot mit schutzbedürftigen Menschen handelte, die dicht gedrängt und ohne Rettungswesten waren, und merkte an, dass in solchen Fällen „das Schiff der Küstenwache in ständiger Verbindung mit dem Einsatzraum steht“.

„Die gesamte Koordination erfolgt durch das einheitliche Koordinationszentrum für Suche und Rettung in Zusammenarbeit mit der Hafenbehörde und den in dem Gebiet eingesetzten Schiffen“, unterstrich Herr Spanos.

Auf Nachfrage schätzte er, dass es möglich sei, dass die Kameras auf Anweisung von oben abgeschaltet wurden und dass alle Bewegungen des Küstenwachschiffes möglicherweise Weisungen aus der Zentrale folgten.
…<

Quellen

i https://www.efsyn.gr/ellada/koinonia/499972_horis-kamia-proeidopoiisi-skafos-perase-apo-pano-mas

ii https://www.efsyn.gr/ellada/koinonia/500007_plithainoyn-oi-amfisbitiseis-toy-kybernitikoy-afigimatos-gia-tin-kamera

iiiSiehe den Artikel von Von Stelios Kouloglou, TVXS 5.2.2026 „Schiffbruch auf Chios – Quelle von Frontex widerlegt gegenüber tvxs die Version der Regierung“ (https://tvxs.gr/news/ellada/nayagio-sti-chio-apokleistiko-pigi-tis-frontex-diapseydei-sto-tvxs-tin-kyvernitiki-ekdochi/

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