
Von Isabel Armbrust
Beim Abbau von Arbeitnehmerrechten und dem Rückzug des Staates aus der Gewährung von Arbeitssicherheit (Stellen- und „Bürokratieabbau“) ist Griechenland Vorreiter in der EU. Für die Beschäftigten birgt diese Kombination große Risiken, wie der Fall der Violanta-Keksfabrik in Nordgriechenland zeigt. Dort verloren kürzlich 5 Arbeiterinnen bei der „angekündigten Katastrophe“ einer Gasexplosion ihr Leben. Warnungen von Gewerkschaftsvertreter_innen angesichts von Gasgeruch waren in den Wind geschlagen worden. Der jüngste Newsletter von AthensLive Wire berichtet über die Hintergründe der Katastrophe und verweist auf die dramatische Unterbesetzung von regionalen Arbeitsschutzbehörden.
AthensLive Wire 340:
>„Violanta“ war keine Tragödie – es war ein angekündigtes Unglück
Als wir unseren Newsletter vergangene Woche verschickten, waren die ersten Meldungen gerade eingetroffen. Am Montag hatte es eine katastrophale Explosion in der Violanta-Keksfabrik im Gebiet Trikala–Karditsa gegeben.
Unter den Trümmern des eingestürzten Daches wurden fünf Frauen tot geborgen:
• Vasiliki Skabardoni, ehemalige Friseurin und Mutter zweier Kinder
• Elena Katsarou, Mutter eines 13-jährigen Jungen, die ihre Schichten mit ihrer eigenen Mutter koordinierte, damit immer jemand zu Hause war
• Stavroula Boukovala, Mutter von drei Kindern, seit zehn Jahren in der Fabrik beschäftigt
• Anastasia Nasiou, 65, Mutter von drei Kindern, kürzlich aus Deutschland zurückgekehrt und kurz vor dem Ruhestand
• Agapi Bounova, Großmutter, seit 15 Jahren im Betrieb, die Nachtschichten beantragt hatte, um ihre Enkel zu betreuen
Der Brand brach früh am Montag aus, als 13 Beschäftigte vor Ort waren. Acht konnten entkommen. Untersuchungen der Feuerwehr ergaben, dass die Explosion durch ein langfristiges Propanleck ausgelöst wurde, das sich bis zu einer Tiefe von rund 60 Zentimetern unter der Erde ausgebreitet hatte. Das Gas war über eine geschätzte Strecke von 25 Metern gewandert, bis es auf einen Funken aus elektromechanischem Gerät traf – der Auslöser der gewaltigen Explosion.
Die Ermittlungen werfen schwerwiegende Fragen zur baulichen Ausführung der Anlage, zur Einhaltung gesetzlicher Sicherheitsvorschriften, zum Genehmigungsverfahren sowie zur Häufigkeit und Qualität der Kontrollen auf.
Die Direktion zur Bekämpfung von Brandstiftungsdelikten kam anhand der Befunde und einer Simulation zu dem Schluss, dass das Leck aus dem Propanversorgungssystem der Fabrik stammte. Bei der Inspektion fanden Ermittler großflächige Eisbildung im Erdreich – ein klares Zeichen für ein dauerhaftes Leck. Eine gezielte Ausgrabung zeigte zudem hohe Propankonzentrationen im Boden.
Den Erkenntnissen zufolge blieb das Leck über einen langen Zeitraum unbemerkt – bis ein Funke die tödliche Explosion auslöste.
Es war nicht „der falsche Moment“
Der Firmeninhaber, der technische Sicherheitsbeauftragte und der Schichttechniker wurden im Zusammenhang mit der Explosion festgenommen und nach etwa vier Stunden vor dem Staatsanwalt in Trikala wieder freigelassen.
Später wurde offiziell bestätigt, dass das Kellergeschoss der Fabrik – das sich für fünf Arbeiterinnen als „Todesfalle“ erwies – nicht in der Betriebsgenehmigung der damaligen Präfektur Trikala enthalten war. Der Bürgermeister erklärte, dass seitdem acht Genehmigungen ausgestellt worden seien – keine davon umfasste das Kellergeschoss.
Die Genehmigung von 2007 trägt die Unterschrift von Dimitris Papastergiou, Elektrotechniker und heutiger Minister für digitale Verwaltung, wie Dnews berichtete.
Beschäftigte sagten der Brandstiftungsdirektion (DAEE), sie hätten in den vergangenen Monaten wiederholt Gasgeruch bemerkt und ihre Vorgesetzten informiert. Der Eigentümer soll eingeräumt haben, selbst einen Geruch wahrgenommen zu haben, den er jedoch dem Abwassersystem zuschrieb. Der Schichtleiter erklärte, er habe die Beschwerden an den Produktionsleiter weitergegeben. Der Sicherheitsbeauftragte hingegen behauptete, nichts gewusst zu haben.
Ein Dokument der Region Thessalien aus dem Jahr 2020 stellte zudem fest, dass die beiden Propantanks nicht an der vorgeschriebenen Stelle installiert worden waren – ein Befund, der nun erneut geprüft wird.
Dann erhob Giorgos Liatifis, Vorsitzender der Gewerkschaft für Milch-, Lebensmittel- und Getränkeindustrie in Trikala und Generalsekretär des Arbeitszentrums, schwere Vorwürfe. Er sagte der Orange Press Agency, die Arbeitsbedingungen in der Fabrik seien extrem hart gewesen, mit unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen und anhaltendem Gasgeruch bereits Tage vor der Explosion. Beschäftigte hätten berichtet, dass sie wegen des Gestanks nicht einmal die Toiletten benutzen konnten – die Unternehmensleitung habe dies als „Abwasserproblem“ abgetan. Die frühen Warnungen des Arbeitszentrums hätten sich nun tragisch bestätigt.
Liatifis verwies außerdem auf gravierende Mängel bei einer früheren Inspektion: Probleme mit Maschinen, Notausgängen, übermäßiger Hitze und Luftfeuchtigkeit. Er warf dem Unternehmen vor, den Zugang der Gewerkschaft systematisch blockiert zu haben – bis hin zum Einschalten der Polizei, wenn Gewerkschafter versuchten, Beschäftigte zu kontaktieren oder Wahlen durchzuführen. Ähnliche Zustände gebe es auch in anderen lokalen Betrieben. Die Kombination aus Arbeitsverdichtung und schwacher staatlicher Aufsicht setze Beschäftigte weiterhin erheblichen Risiken aus.
Arbeitsbedingungen verschlechtert, Rechte ausgehöhlt, staatliche Kontrolle kollabiert
Der Vorfall fällt zusammen mit der Vorabveröffentlichung des Jahresberichts 2025 des Verbands der Arbeitnehmer technischer Unternehmen (OSYTEE). Die Zahlen zeigen eine dramatische Zunahme von Arbeitsunfällen, die 2025 einen Höchststand erreichten: Mindestens 201 Menschen starben bei der Arbeit, 332 erlitten schwere, lebensverändernde Verletzungen. Die Zahl der Todesfälle hat sich seit 2022 (104 Fälle) nahezu verdoppelt. Auch schwere Verletzungen stiegen von 140 im Jahr 2022 auf über 330.
Für OSYTEE zeigt die Tragödie von Trikala ein systemisches Versagen. Präsident Andreas Stoimenidis sprach von einer „humanitären Krise“, die durch dysfunktionale Arbeitsmarktpolitik befeuert werde.
Als Reaktion auf die offiziellen Zahlen von 201 Arbeitsunfalltoten im Jahr 2025 warf Regierungssprecher Pavlos Marinakis politischen Akteuren und Journalist_innen vor, die jüngsten tödlichen Unfälle auszuschlachten und zu behaupten, Griechenland sei „Spitzenreiter bei Industrieunfällen“, obwohl die gerichtlichen Ermittlungen liefen und es – so seine Darstellung – keinerlei Zusammenhang mit Regierungsverantwortung gebe. Er sprach von einer „Bewegung der Totengräber“.
Die griechische Arbeitsinspektion reagierte scharf:
„Die Realität am Arbeitsplatz misst sich nicht an Kommunikationsstrategien, sondern an Menschenleben, Verletzungen und Familien, die den Preis mangelnder Prävention zahlen“, hieß es – man spreche „im Gedenken an diese Frauen“.
Unter Verweis auf Eurostat erklärte die Behörde, dass in Griechenland nur 30 bis 40 Prozent der Arbeitsunfälle erfasst würden, da große Beschäftigtengruppen – etwa Landwirte, Seeleute, Steinbruch- und Marmorarbeiter – nicht registriert werden.
Die Inspektion betonte zudem die massive Unterbesetzung:
„Tausende Unternehmen im ganzen Land werden von nur 233 Arbeitsinspektoren kontrolliert.“
Für Trikala und Karditsa bedeutet das: Über 12.000 Betriebe werden von einer regionalen Arbeitsschutzbehörde mit nur vier Inspektoren überwacht – ohne Baustellen mitzuzählen.
Bei rund 600 Kontrollen pro Jahr, so die Behörde, „dauert es Jahrzehnte, bis jedes Unternehmen auch nur einmal überprüft wird“.<

