Tsipras und Tempi-Ikone gründen zwei Parteien

Tsipras und Karystianou. Wikipedia – Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication.

Wahrscheinlich wird es in wenigen Monaten zwei neue Parteien in Griechenland geben. Alexis Tsipras war viele Jahre der Vorsitzende der Partei SYRIZA. Mitte des letzten Jahrzehnts waren er und seine Partei die große Hoffnung der Griech*innen und Griechen und der europäischen Linken. Es folgte für die allermeisten die große Enttäuschung. 2023 trat Tsipras nach deutlichen Wahlniederlagen als Vositzender von SYRIZA zurück. Im Oktober 2025 trat er aus Syriza aus und gab sein Parlamentsmandat zurück, um ein neues politisches Projekt aufzubauen. Er hat angekündigt eine „Bewegung“ ins Leben zu rufen – es bestehen keine Zeifel, dass es eine Partei sein wird – eine, in der er das Sagen hat.

Auch Maria Karystianou wird demnächst eine Partei gründen. Sie ist zu der Ikone der gesellschaftlichen Empörung gegenüber des Eisenbahn-Verbrechens von Tempi geworden. Über ihr Projekt informiert der Beitrag aus AthensLive Wire – siehe unten. Wir fügen noch hinzu, dass die Parteigründerin bisher viele konservative bis rechstradikale Berater*innen hatte.i Maria Gratsia, die Rechtsanwältin von Maria Karystianou, tritt so auf, als ob sie die zweitwichtigste Person der Partei werden würde. Sie ist Mitglied der Partei Niki, einer ultrakonservativen and ultraorthodoxen Partei, die im Parlament vertreten ist.

Aus AthensLive Wire 337:
„Die jüngsten Tage haben die griechische politische Landschaft erschüttert – ausgelöst durch Aussagen von Maria Karystianou, der bekannten Aktivistin und Präsidentin des Verbands der Opfer des Tempi Zugunglücks. Sie deutete an, dass die von ihr mitgeführte Bürgerbewegung sich zu einer formellen politischen Partei entwickeln könnte. In einem Fernsehinterview bestätigte Karystianou, dass die Pläne für eine neue politische Formation rasch voranschreiten und diese an den kommenden Wahlen teilnehmen könnte – mit dem Schwerpunkt, das politische System zu „säubern“ und Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Karystianou betont, dass die Initiative von Bürgern getragen werde und nicht in der klassischen Links-Rechts-Ideologie wurzele. Sie vermeidet es, das Projekt eindeutig als progressiv oder konservativ zu bezeichnen.

Frühe Reaktionen und Umfragedaten deuten darauf hin, dass die potenzielle Partei Unterstützung aus dem gesamten politischen Spektrum anziehen könnte – insbesondere von Wählern, die von etablierten Parteien wie SYRIZA, PASOK oder kleineren nationalistischen Parteien bzw. Protestgruppen enttäuscht sind. Unter den Kernwählern großer Parteien wie Nea Dimokratia scheint die Anziehungskraft bislang jedoch begrenzt. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Global Poll Opinion zeigte, dass kleinere, aber nicht unbedeutende Anteile der Befragten eine Unterstützung einer Karystianou Partei in Erwägung ziehen würden, auch wenn die Mehrheit skeptisch bleibt.

Auch innerhalb von Karystianous eigenem Unterstützerkreis gibt es Spannungen. Einige Angehörige von Tempi Opfern lehnen den Schritt in die Parteipolitik ab und argumentieren, er könne die ursprüngliche Mission des Verbands überlagern.

Die Reaktionen von rechts fallen gemischt aus. Regierungssprecher Marinakis kritisierte Karystianous Vorstoß und warnte davor, ein tragisches Ereignis für Wahlzwecke auszunutzen. Dies könne persönlichen oder kollektiven Schmerz in politische Ambition verwandeln.“

Auch die Reaktionen aus der Mitte Links Szene sind zurückhaltend: PASOK Insider spielen die Bedeutung von Karystianous neuer „weder links noch rechts“-Partei herunter und ziehen klare Grenzen zu ihrer Initiative. Der Europaabgeordnete Nikolas Farandouris, kürzlich wegen seiner Nähe zu Karystianou aus SYRIZA ausgeschlossen, betont, er habe sich keiner Partei verpflichtet. Dies verschärft die Spannungen mit SYRIZA, dessen Führung irritiert ist, dass Farandouris zu Karystianous Angriffen auf Alexis Tsipras schweigt. Die Kommunistische Partei KKE hat bislang keine öffentlichen Sorgen über die Karystianou Partei geäußert.

Unterdessen wächst die Spekulation, dass Karystianou Gespräche mit amtierenden Abgeordneten und Oppositionsfiguren führt, was die politische Lage in Griechenland weiter verunsichert.

Kommentatoren sowohl von rechts als auch von links versuchen, die Initiative herunterzuspielen und behaupten, sie bediene eher populistische Stimmungen als substanzielle politische Vorschläge. Dennoch beobachten sie Karystianous nächste Schritte sehr genau.“ii

Anmerkungen

i https://athens.indymedia.org/post/1639145/

ii https://steady.page/de/athenslivegr/posts/a6fc4534-bc97-4a13-83b8-8c6926aeb22e

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