
Von Ferry Batzoglou, faz.net 08.01.2024:
„Fan-Gewalt in Griechenland : „Sie haben Durst nach Blut“
Ein Mann wird erstochen, ein Polizist stirbt, nachdem ihn eine Leuchtkugel trifft: In Griechenland eskaliert die Fan-Gewalt. Doch während die Politik mit Härte dagegen vorgehen will, zweifeln Kritiker an der Wirkung.
Das neue Jahr hat so begonnen, wie das letzte zu Ende ging: mit Gewalt durch Sportfans. Sie wurde auf offener Straße verübt, nicht am Rande oder während einer Sportveranstaltung. Etwa fünfzehn schwarz gekleidete Raufbolde schlugen in der Nacht zu Mittwoch im westlichen Athener Arbeitervorort Peristeri zwei Minderjährige mit der Faust. Sie fragten zuvor: „Ti omada eiste?“ Wortgetreu: „Welche Mannschaft seid Ihr?“ Was heißen soll: „Sagt uns euren Lieblingsklub!“ Offenbar gefiel ihnen die Antwort nicht. Die ins Visier genommenen Jugendlichen, 14 und 16 Jahre alt, kamen mit Körperverletzungen ins Krankenhaus. Sie hatten Glück im Unglück. Für beide Opfer besteht keine Lebensgefahr. Immerhin. Die Schläger machten sich mit Autos, Mopeds oder zu Fuß aus dem Staub. Von den Tätern fehlt jede Spur.
In wenigen Minuten verblutet So viel Glück hatte Alkis Kabanos nicht.
Am 1. Februar 2022 griffen ihn nahe des Harilaou-Stadions, der Heimstätte des griechischen Fußball-Erstligaklubs Aris Saloniki, ein Dutzend Randalierer mit der gleichen Masche an. Prompt sagte Alkis Kabanos: „Aris.“ Zum Verhängnis für Alkis Kabanos wurde, dass einer der Angreifer mit einem Messer mit einer klauenförmigen Hawkbill-Klinge geradezu manisch auf sein Bein einstach. Kabanos flehte ihn an: „Parakalo stamata!“ („Hör’ bitte auf!“) Vergeblich. Der Aris-Anhänger verblutete binnen weniger Minuten. Die Täter wurden gefasst. Sieben Angeklagte erhielten in erster Instanz lebenslängliche, fünf weitere lange Freiheitsstrafen, ferner Geldstrafen. Obendrein wurde ein Stadionverbot für Begegnungen ihres Lieblingsklubs Paok Saloniki, des lokalen Erzrivalen von Aris, ausgesprochen.
Dann stirbt ein Polizist
Am 7. Dezember traf es den Polizisten Georgios Lyggeridis. Eine Leuchtkugel schlug zuerst auf der Straße auf, durchdrang seine Uniform und durchschlug seinen Oberschenkel. Der geständige Täter, erst 18 Jahre alt, hatte mit rund 150 Hooligans die Sporthalle „Melina Merkouri“ im Athener Vorort Renti während des Volleyball-Spitzenspiels zwischen Olympiakos Piräus und Panathinaikos Athen verlassen, um sich mit der Polizei anzulegen. Der 31 Jahre alte Polizist erlitt einen Herzstillstand, fiel ins Koma. Ein Bein wurde amputiert. Die Ärzte kämpften um sein Leben. Lyggeridis starb am 27. Dezember. Seine Beerdigung fand zwei Tage später statt. Als der Sarg aus der Kirche in Thessaloniki in den Leichenwagen gebracht wurde, ertönten die Sirenen von Streifenwagen und Polizeimotorrädern. Eine Ehrenwache der griechischen Polizei sowie mehr als fünfzig Ordnungshüter verabschiedeten ihren Kollegen unter Tränen. Im bisher fruchtlosen Kampf gegen die Fangewalt bildet der Fall Lyggeridis eine Zäsur. Symbolkräftig wohnten seiner Beerdigung Premier Kyriakos Mitsotakis und der Athener Bürgerschutzminister Jannis Oikonomou bei. Zu diesem Zeitpunkt dürfte Mitsotakis seine Entscheidung getroffen haben, Oikonomou zu entlassen. Ein überfälliger Schritt. Oikonomou, ein Agrarökonom, der vor seiner Politkarriere mit Molkereiprodukten handelte, war erst wenige Tage im Amt, als am 7. August 2023 vor der AEK-Arena vor der Partie zwischen AEK Athen und Dinamo Zagreb die berüchtigten Dinamo-Ultras Bad Blue Boys (BBB) den 29 Jahre alten Michalis Katsouris attackierten. Ein Messerstich traf Katsouris am Arm. Er verblutete. Doch Mitsotakis hielt an Oikonomou fest, obgleich die BBB-Hooligans unbehelligt im Autokorso durch halb Hellas fahren durften, bis sie vor der AEK-Arena ihr Unwesen trieben. Dabei hatte die Europäische Fußball-Union ihnen den Stadionbesuch strikt untersagt. Mitsotakis’ hanebüchene Begründung für die Treue zu seinem Minister: Oikonomou sei frisch im Amt. Unmittelbar nach dem Tod des Polizisten Lyggeridis hatte die Regierung Mitsotakis beschlossen, dass bis zum 12. Februar in Griechenlands Fußballoberhaus, der Super League (SL), nur noch Geisterspiele stattfinden sollen. Besonders der Profifußball sei von der Fangewalt betroffen, so die Lesart der Regierung Mitsotakis.
Der Ursprung der Gewaltspirale
Die Gewaltspirale in Griechenland nahm vor gut vierzig Jahren ihren Anfang. Am 9. September 1983 erlag der 18 Jahre alte Aris Dimitriadis vor dem Harilaou-Stadion seinen Stichwunden. Ihm folgten zwölf weitere Todesfälle von Zivilisten. Hinzu kommen sehr viele Verletzte sowie hohe Sachschäden. Weder wochenlange Unterbrechungen der Meisterschaft, Geisterspiele oder der drohende Ausschluss der Klubs aus den europäischen Wettbewerben können die Fangewalt beenden. Die vier Topklubs gehören allesamt griechischen Oligarchen. Zu kurz greift wohl der Vorwurf, wonach die Klubeigner die Fans nicht mäßigen würden und damit an der Misere eine Mitschuld trügen. Ob die Reeder Vangelis Marinakis (Piräus), Jannis Alafouzos (Panathinaikos) und Dimitris Melissanidis (AEK) sowie der Großunternehmer Ivan Savvidis (Paok Saloniki): Sie dürften eher die Kontrolle über die Fans verloren haben. Nach der Leuchtkugel-Attacke auf den Polizisten Lyggeridis trat Piräus-Eigner Marinakis, der zudem den englischen Premier-League-Klub Nottingham Forest besitzt, vom Posten des SL-Präsidenten zurück. Den Augiasstall ausmisten soll nun der neue Bürgerschutzminister Michalis Chrysochoidis. Der 68-Jährige kennt den Polizeiapparat wie seine Westentasche. Seit 1999 ist es schon das fünfte Mal, dass er das zuständige Ministerium leitet. Sein größter Erfolg ist die Zerschlagung der gefürchteten Terrororganisation „17. November“ zwei Jahre vor Olympia 2004 in Athen. Seit 1975 hatte die Stadtguerilla 23 Menschen, darunter Politiker, Verleger sowie Unternehmer ermordet und Bomben- und Panzerfaustanschläge verübt. Im Juni 2010 entgang Chrysochoidis nur knapp einem Sprengstoffanschlag. Der von den Pasok-Sozialisten zur konservativen Regierungspartei Nea Dimokratia (ND) gestoßene Nordgrieche soll hart durchgreifen. Der seit ihrem abermaligen Wahltriumph am 25. Juni weiter alleine in Athen regierenden ND fügt die fortgesetzte Fangewalt gepaart mit einer gefühlt bedrohlich wachsenden Schwer- und Schwerstkriminalität erheblichen politischen Schaden zu. Mitsotakis und Co. hatten im Juli 2019 das Zepter in Athen mit dem Versprechen übernommen, entschieden für Recht und Ordnung sorgen zu wollen.
Sieben Maßnahmen gegen Fangewalt
Mit sieben Maßnahmen soll der Fangewalt am Peloponnes der Garaus gemacht werden, um den griechischen Sport, so Mitsotakis, „vom mörderischen Verhalten krimineller Organisationen zu befreien“. Eintrittskarten sollen fortan nur noch digital erworben werden können, ferner Hochsicherheitskameras in den Stadien installiert werden. Obendrein soll es nur noch einen Fanklub pro Verein mit digitalem Mitgliederverzeichnis geben. Für Aris Kabanos, den Vater des brutal getöteten Alkis, ist das alles nur Augenwischerei: „Maßnahmen gab es schon zuvor. Sie haben nichts gebracht.“ Der renommierte Sportjournalist und Novellenschreiber Menios Sakellaropoulos geißelt die „Straflosigkeit auf allen Ebenen“, die die Fangewalt befeuere. Er zeichnet das große Bild: „Wir haben als Gesellschaft Generationen von Fans geschaffen, die die Niederlage hassen, sie nicht akzeptieren. Ihr krankhaftes Motto lautet: ‚Nur wir zählen, sonst niemand.’ Sie haben Durst nach Blut.“

