Gespräch mit der Regisseurin Eurydike Bersi über den Dokumentarfilm »Wer rettet wen?«

Ben Mendelson
»Die Meinung der Deutschen muss sich ändern«
Ein Gespräch mit der Regisseurin Eurydike Bersi über den Dokumentarfilm »Wer rettet wen?«
Eurydike Bersi ist griechische Journalistin und Koregisseurin des Films »Wer rettet wen?«, der morgen in rund 200 europäischen Städten Premiere feiert. Sie ist bei der Aufführung im Berliner Moviemento ab 20 Uhr anwesend.
Morgen findet in zehn Ländern die europaweite Premiere des Films »Wer rettet wen?« statt, bei dem es um die Hintergründe der Euro-Krise geht. Die Dokumentarfilmer Leslie Franke und Herdolor Lorenz haben Sie als Koregiesseurin mit ins Boot geholt. Wie sah Ihre Mitarbeit aus?
Ich habe den beiden bei ihren Aufenthalten in Griechenland geholfen, Interviews zu organisieren und zu übersetzen. Ich empfahl bestimmte Perspektiven. Unter anderem haben sie mit vier Parlamentsmitgliedern geredet, die heute Minister in der neuen Regierung sind. Außerdem habe ich die Dreharbeiten in Island übernommen (jW berichtete).
Warum ist dieses Projekt so wichtig?
Weil die Krise genau jetzt wieder um sich greift. Der Film gibt sehr viele wichtige Hintergrundinformationen, auch für Leute, die schon einiges darüber wissen. Sehr viele Menschen, die im Film interviewt werden, rücken die Thematik ins rechte Licht und erinnern an wichtige Aspekte.
Beispielsweise an die große Deregulierungswelle, die 1982 in den USA begann. Im Film erklären diejenigen, die die »Befreiung« der Märkte vorantrieben, wieso sie das taten. Und wieso es so schrecklich schiefging. Die Botschaft lautet: Die Finanzwelt sollte nicht sich selbst überlassen werden. Der Film dreht die Behauptung um, Liberalisierung oder die Befreiung des Kapitals seien am besten für alle. Sie sind nur für die gut, die über Kapital verfügen.
Was läuft aus Ihrer Sicht bei der »Euro-Rettung« in Griechenland falsch?
Die Maßnahmen der Troika sind vollkommen realitätsfern. Wenn gesagt wird: »Okay, wir kürzen alles zusammen, um eine bessere Bilanz zu haben«, dann wird die ökonomische Aktivität immer weiter reduziert. Und in der Folge auch das Steueraufkommen. Das Einkommen, von dem die Schulden bezahlt werden sollen, sinkt immer weiter. Das funktioniert nicht: Je größer die Kürzungen, desto größer die Schulden.
Alexis Tsipras hat nach seinem Wahlsieg ein Ende der Austeritätspolitik gefordert. Sehen Sie eine Alternative?
Heute geben Vertreter aller ökonomischen Schulen zu, dass die Austeritätspolitik gescheitert ist. Es gibt viele Ansätze. Die entscheidende Frage ist, welcher aus Sicht der deutschen Regierung realistisch ist. Sie schaut auf die aktuellen Wirtschaftsdaten, sieht kleine Zuwächse und verkündet, dass sich die Dinge normalisieren. Das tun sie aber nicht! Man kann nicht ständig Geld aus einer Wirtschaft ziehen, ohne harte Konsequenzen hervorzurufen.
Dennoch will die EU ihren Kurs nicht ändern. Sehen Sie Chancen, dass Tsipras sich dennoch durchsetzt?
Das hängt von den Bündnissen ab, die er schließt. Vor allem davon, wie stark die Solidaritätsbewegung in Deutschland wird. Die Meinung der Deutschen muss sich ändern. Sie müssen realisieren, was gerade los ist. Die Denkweise in Deutschland ist in jeder Hinsicht von einem extremen Ordoliberalismus geprägt.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Troika, Wirtschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse einen Kommentar