„Ich bekomme keinen Sauerstoff“: Das ‚Unglück von Tempi‘ und die Unterseite des globalen Kapitalismus

„Das Tempi-Verbrechen
Wir vergessen nicht, wir verzeihen nicht“

Von Gregor Kritidis, berlinergazette.de 26.3.2025:
„Die herrschenden Klassen tun in der Regel alles, um katastrophale Unfälle nicht als das erscheinen zu lassen, was sie oft sind: Produkte des kapitalistischen Normalbetriebs. Als solche offenbaren sie nicht zuletzt die Schattenseiten des herrschenden Systems und schüren soziale Unruhe, wie Gregor Kritidis am Beispiel des schwersten Eisenbahnunfalls in der Geschichte Griechenlands zeigt.
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Am 28. Februar 2023 kollidierte ein aus Athen kommender Intercity bei Tempi mit einem entgegenkommenden Güterzug. 57 Menschen starben, über 80 wurden zum Teil schwer verletzt. Unter den Toten und Verletzten befanden sich viele Studierende aus Thessaloniki, die über das verlängerte Wochenende die Hauptstadt besucht hatten. In den darauffolgenden Tagen kam es zu spontanen Streiks und Protestdemonstrationen gegen die katastrophalen Zustände bei der Bahn seit den Krisenjahren nach 2008.
So wurden mit EU-Geldern digitale Sicherheitssysteme installiert, die aber größtenteils nicht funktionierten; Personal wurde drastisch abgebaut und Neueinstellungen sind aufgrund von Patronage und Vetternwirtschaft schlecht qualifiziert; Wartung und Überwachung von Zügen und Gleisen sind teilweise mangelhaft. Dass es nicht schon früher zu größeren Unfällen gekommen ist, ist nur dem Engagement der Eisenbahner*innen zu verdanken, die mit Überstunden versuchen, die Lücken im System zu kompensieren. Immer wieder hatte die Gewerkschaft auf die zahlreichen Sicherheitsmängel hingewiesen und sie auch zum Gegenstand von Arbeitskämpfen gemacht. Diese wurden jedoch von den Gerichten als ‚missbräuchlich‘ untersagt.Die konservative Regierung Mitsotakis reagierte auf die
Proteste mit dem seit dem Überwachungsskandal kurz nach ihrem Amtsantritt 2019 eingeübten Protokoll der Repression: Demonstrationen wurden von der Polizei niedergeknüppelt, kritische Stimmen als ‚Verschwörungstheoretiker‘ diffamiert.
Das ‚System Mitsotakis‘
Das hat System. Ob Waldbrandkatastrophen im Sommer, Überschwemmungen im Winter, Schmiergeldskandale bei Novartis und Siemens oder die Zusammenarbeit von Justiz und Polizei mit der Mafia: Es wird vertuscht und verschleiert, Kritiker*innen werden bedroht, Opfer kriminalisiert, Sündenböcke gesucht und Verantwortliche nicht bestraft, sondern befördert. Die Verantwortung wird bei ‚ausländischen Mächten‘ wie der Türkei und Russland gesucht oder es wird die Rassismuskarte gespielt.“ Weiterlesen

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