Moria ist abgebrannt

Von Ralf Kliche

Der Brand im Lager Moria auf Lesbos, der gestern, 08.09.20 am Abend um 22:00 begonnen hat und im Laufe der Nacht große Teile des Lagers vernichtet hat, geht gerade durch die internationalen Medien. Hier soll der Informationsstand wiedergegeben werden, der sich in den griechischen Medien am Mittwoch finden lässt. Updates müssen sicher folgen.

Den Hergang der Ereignisse wird am detailliertesten auf der lokalen Plattform stonisi.gr wiedergegeben (1). Danach brach das Feuer um 22:00 Uhr aus und verbreitete sich schnell bis 2 Uhr. Das Lager – die offizielle Bezeichnung lautet „Empfangs- und Identifikationszentrum“ (KYT, Κέντρο Υποδοχής και Ταυτοποίησης) – wurde nach Auskunft von Giorgos Dinos, Präsident der Union der Feuerwehrleute und die ganze Nacht vor Ort, weitgehend zerstört. Insbesondere seien alle Teile, die sich außerhalb des offiziellen Lagers befinden, vernichtet. Im noch immer brennenden Lager wurden die Einrichtungen zur Bearbeitung von Asylanträgen mit ihrer gesamten Ausstattung vernichtet, ebenso das erst kürzlich mit Hilfe von Spenden der holländischen Regierung errichtete Gesundheitszentrum. Teile des Verwaltungsbereichs seien nicht niedergebrannt. Von Toten ist derzeit nichts bekannt, verbreitet gibt es aber entsprechende Ängste.

Die Löschmaßnahmen durch die Feuerwehr hatten sich zunächst verzögert. Ein Teil der Feuerwehrleute der Insel war bei Brandausbruch damit beschäftigt, zwei Brände auf der anderen Inselseite zu löschen. Gegen 1:00 Uhr waren dann 23 Feuerwehrleute mit 8 Löschfahrzeugen sowie ein Löschtrupp zu Fuß vor Ort. Inzwischen haben sie Unterstützung aus der Luft erhalten, zwei weitere Löschfahrzeuge wurden aus Chios auf die Insel gebracht. Die Löscharbeiten wurden auch dadurch behindert, dass die Feuerwehrleute von Gruppen der Bewohner von Moria angegriffen wurden. Einheiten der Bereitschaftspolizei MAT zerstreuten diese Gruppen mit Tränengas.



Nahezu alle Bewohner haben das Lager inzwischen verlassen. Auf Facebook gepostete Aufnahmen zeigen, dass dies völlig unkoordiniert verlief, so dass derzeit auch unklar ist, ob ggf. Personen vom Feuer eingeschlossen waren. (2) Ein großer Teil der Bewohner hat sich auf der Insel verteilt, keiner weiß wo. Ein anderer Teil hatte sich auf den Weg in die Inselhauptstadt Mytilini gemacht. Einzelnen Berichten zufolge sollen einzelne Anwohner versucht haben, sie dabei zu stoppen, auch Schüsse sollen gehört worden sein. Auf ihrem Weg wurden die aus Moria Geflüchteten am Lager Kara Tepe von Polizeieinheiten gestoppt, die sie aus der Hauptstadt heraus halten wollten. Es wird berichtet, dass viele der Geflüchteten dort übernachtet haben, Andere berichten, dass die Polizei nach Verhandlungen den Weitermarsch nach Mytilini erlaubt habe.

Klar ist wohl, dass der Brand (zumindest teilweise) auf Brandstiftung beruht. In der griechischen Berichterstattung wird ein Zusammenhang zur Corona-Entwicklung auf der Insel und im Lager hergestellt und Lager-Bewohner als Urheber der Brandstiftung vermutet. Nachdem lange Zeit auf Lesbos kaum Corona-Infektionen bekannt waren, berichten die Medien von einer Pandemiewelle seit dem 12. August. Seit diesem Datum wurden insgesamt 146 Infektionen auf der Insel gemeldet (3). Zuletzt wurde am 08.09. der Rekordwert von 23 neuen Fällen an einem Tag gemeldet, wovon zumindest einige aus Moria stammen (16 ?). Insgesamt wurden im Lager 35 Personen positiv auf Corona getestet. Als versucht wurde, diese Personen mit ihren Angehörigen in Quarantäne zu stecken und diese sich weigerten, kam es zu Auseinandersetzungen mit anderen Flüchtlingen und Migranten, die Angst vor Ansteckung hatten und versuchten, die Infizierten aus dem Lager zu drängen. Im Zuge der Eskalation dieses Konflikts scheint es in den Lagerteilen, in denen diese Auseinandersetzung stattfanden, zu den ersten Bränden gekommen zu sein..

In Reaktion auf der politischen Bühne kam es am Mittwochvormittag zu einem Ministertreffen am Sitz des Regierungschef Mitsotakis. Im Anschluss erklärte Regierungssprecher Petsas, dass der Ausnahmezustand über Lesbos verhängt worden sei. Den Bewohnern von Moria wird verboten, die Insel zu verlassen. So solle die Ausbreitung des Virus verhindert werden, auch weil derzeit nicht bekannt sei, wo sich die Infizierten aufhalten. In einem Interview mit dem Fernsehsender ERT hat er auch erklärt, dass über die zukünftige Unterbringung der Bewohner des Lagers noch nicht entschieden sei. Der zuständige Vertreter des Ministeriums Manos Logothetis werde sich auf Lesbos um den unmittelbaren Bedarf an Unterkünften kümmern, das sei aber ein langwieriges Unterfangen. In einem ersten Schritt sollen aber sehr kurzfristig alle 400 unbegleiteten Minderjährigen aus dem Lager aufs Festland gebracht werden. In der umgekehrten Richtung sind zur Zeit drei Einheiten der Bereitschaftspolizei unterwegs von Athen nach Lesbos, die die Polizeieinheiten dort verstärken sollen.

Die Vereinigung KEERFA (Vereinigte Bewegung gegen Rassismus und faschistische Bedrohung) hat in einer vorgelegten Stellungnahme die Regierung für die Entwicklungen verantwortlich gemacht, die Überfüllung des Lagers sei das Hauptproblem. Sie „fordern die sofortige Evaluierung des KYT von Moria sowie aller Zelte und Baracken in der Region und die sofortige Überstellung aller Flüchtlinge ins Landesinnere, das sofortige Chartern von Schiffen und die Anmietung geschlossener Hotels durch den Staat“.
Auch die Oppositionsparteien SYRIZA und MERA25 haben in Stellungnahmen Kritik an der Regierung formuliert (4).


Quellen / Anmerkungen:
(1) https://thepressproject.gr/kaike-schedon-oli-i-moria-se-katastasi-ektaktis-anagkis-tha-kirychthei-i-lesvos/, siehe auch https://thepressproject.gr/kaike-schedon-oli-i-moria-se-katastasi-ektaktis-anagkis-tha-kirychthei-i-lesvos/
(2) https://www.facebook.com/ysalaam/videos/10158709565702288/?t=66
(3) https://www.stonisi.gr/post/11242/23-kroysmata-sth-mytilhnh-ta-16-apo-th-moria
(4) https://www.efsyn.gr/node/259011 bzw. https://www.efsyn.gr/node/259014

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