K.-H. Roth: „Die Reparationsfrage ist nicht erledigt“

DistomoSüddeutsche Zeitung, 12. Oktober 2018, Hans von der Hagen interviewte Karl-Heinz Roth:
>“Die Reparationsfrage ist nicht erledigt“ Es kursieren gewaltige Zahlen für mögliche Reparationsforderungen Griechenlands. Der Historiker Karl Heinz Roth findet sie gefährlich, weil sie die Geschichte der Besetzung zu einem Abwehrreflex verdichten.
Bundespräsident Steinmeier ist auf Staatsbesuch in Griechenland. In seinen Gesprächen mit Präsident Prokopis Pavlopoulos und Premier Alexis Tsipras kamen auch die umstrittenen griechischen Reparationsforderungen zur Sprache. Berlin hält Reparationen für erledigt, Athen nicht. Summen von mehreren Hundert Milliarden Euro stehen im Raum. Hat Griechenland einen Anspruch darauf? Antworten gibt der Historiker Karl-Heinz Roth. Er forscht seit mehr als 40 Jahren zur Geschichte der NS-Dikatur und Okkupationspolitik in Europa. 2017 veröffentlichte er zusammen mit Hartmut Rübner ein vielbeachtetes Buch zum Thema Reparationen, das in Kürze auch auf Griechisch erscheinen wird.
SZ: Herr Roth, schon bei seinem letzten Besuch sagte Bundespräsident Steinmeier, dass das Thema Reparationen für Deutschland völkerrechtlich abgeschlossen sei. Griechenland sieht das anders. Wer hat Recht?
Karl Heinz Roth: Die griechische Seite hat Recht – die Reparationsfrage ist nicht erledigt. Sie war durch verschiedene Abkommen vertagt worden auf einen Friedensvertrag. Dieser De-facto-Friedensvertrag wurde 1990 mit den vier alliierten Mächten geschlossen – der 2-plus-4-Vertrag. In ihm wurde die Reparationsfrage ausgeklammert. Die nicht am Vertragswerk beteiligten kleineren Verbündeten der vier alliierten Mächte wurden nicht gehört. Darum bestehen ihre Ansprüche auf Reparationen nach wie vor uneingeschränkt.< weiterlesen

Zum Buch von Karl Heinz Roth und Hartmut Rübner siehe hier. Eine Zusammenfassung des Buches hier.

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Eine Antwort zu K.-H. Roth: „Die Reparationsfrage ist nicht erledigt“

  1. kokkinos vrachos schreibt:

    Pressemitteilung des AK Distomo
    Steinmeier in Griechenland: Same procedure…
    16. Oktober 2018

    Es hat sich so eingebürgert. Wenn deutsche Politiker heutzutage Griechenland besuchen, wird pflichtschuldig auch der Opfer deutscher Verbrechen während der Besatzung gedacht. Doch mit der gleichen Selbstverständlichkeit wird die Forderung nach Entschädigung für diese Verbrechen zurück gewiesen. So ist es deutscher Brauch. Das Gedenken darf nichts kosten.

    Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte während seines jüngsten Staatsbesuchs vergangene Woche das ehemalige KZ Chaidari in einem Vorort von Athen. In diesem Lager waren während der Zeit der Besatzung insgesamt etwa 20.000 Menschen interniert. Unterernährung, Zwangsarbeit, Folter und Mord waren an der Tagesordnung. Von dort gingen die Transporte jüdischer Menschen nach Auschwitz, wo die meisten von ihnen getötet wurden.

    Steinmeier bat um Verzeihung für das was geschehen ist. Doch welchen Wert hat eine solche Geste 74 Jahre nach dem Ende der Besatzung? Die Täter all der Verbrechen an der griechischen Bevölkerung leben nicht mehr, sie wurden von bundesdeutschen Gerichten nie zur Verantwortung gezogen. Sie durften ihre Karrieren in der BRD fortführen und mit ihren Kameraden ihre „Heldentaten“ in Mittenwald, Bad Reichenhall oder Marktheidenfeld feiern, gemeinsam mit der restlichen Bevölkerung.

    Nur ein sehr kleiner Teil der Opfer erhielt von bundesdeutscher Seite finanzielle Leistungen, von Entschädigungen zu sprechen verbietet sich angesichts der geringen Summen, die Anfang der 60er Jahre an Griechenland gezahlt wurden. Und dennoch ist sich die deutsche Regierung nicht zu schade, immer wieder zu erklären, dass damit alles abgegolten sei. Niemals hat eine griechische Regierung auf weitere Forderungen verzichtet und doch setzt in den deutschen Medien sofort der Abwehrreflex ein, wenn griechische Politiker wie zuletzt Ministerpräsident Tsipras das Thema Reparationen ansprechen. Ob Spiegel, Focus oder Bild: Wie Pawlowsche Hunde reproduzieren und befördern sie die Abwehrhaltung der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

    Im Fall Distomo, einer mittelgriechischen Ortschaft, in der deutsche Soldaten am 10. Juni 1944 ein Massaker an der Bevölkerung anrichteten und 218 Menschen ermordeten, steht fest: Deutschland wurde 1997 vor griechischen Gerichten rechtskräftig zu einer Entschädigungszahlung von ca. 28 Mio. Euro verurteilt. Doch Deutschland zahlt bis heute nicht.

    Hierfür ist federführend Frank-Walter Steinmeier verantwortlich, er war und ist einer der wichtigsten Protagonisten der Entschädigungsabwehr. Als deutscher Außenminister organisierte er die juristische, diplomatische und propagandistische Abwehr aller Entschädigungsforderungen. Seine jetzige Reise nach Griechenland diente auch dazu, trojanische Pferde ins Land zu schaffen. Die Installation eines deutsch-griechischen Jugendwerks ist eines der deutschen Projekte, die nur ein Ziel haben: Die griechische Entschädigungs- und Reparationsforderungen zu schwächen.

    Die griechischen Forderungen nach Entschädigung, Reparationen und Rückzahlung der vom Deutschen Reich abgepressten Zwangsanleihe sind berechtigt, nicht nur moralisch, sondern auch juristisch. Dass Deutschland sich weigert, hierüber auch nur zu verhandeln, zeigt, was die offizielle deutsche Erinnerungs- und Gedenkpolitik tatsächlich wert ist, nämlich nichts. Deutschland entzieht sich der Verantwortung für die Verbrechen Nazideutschlands. Anstatt die Opfer dieser Verbrechen zu entschädigen, wird die Bundeswehr weiter aufgerüstet und die nächsten Kriege vorbereitet.

    Wir fordern weiterhin die sofortige Entschädigung aller NS-Opfer! Deutschland muss endlich seine Schulden bezahlen!

    Hamburg, den 16. Oktober 2018
    AK Distomo
    https://www.nadir.org/nadir/initiativ/ak-distomo/

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